Ausgabe 
(21.2.1896) 15
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konnte er die Minute berechnen, in der sekn Schicksalsich entscheiden mußte. Da griff er zu dem letztenMittel. Er holte das Schreiben aus seinem Koller her-vor, zerriß es in kleine Stücke und streute diese in dieLuft. Sie wurden vom Wind augenblicklich nach allenRichtungen entführt. Es war die höchste Zeit. In dernächsten Secunde strauchelte sein Pferd und sank in dieKniee; ehe er es wieder emporzureißen vermochte, sprengteeiner der Reiter heran, und von einem Schwerthieb ge-troffen stürzte Georg aus dem Sattel neben sein treuesThier.

In tätlicher Ermattung schloß er die Augen. Erfühlte, wie man ihn durchsuchte, und vernahm ihre Flüche,als ihre Mühe sich vergeblich erwies. 3a er mußtesogar mit anhören, wie ein Reiter im Zorn über diegetäuschte Hoffnung den Säbel zog und ihm den Restzu geben drohte; aber ein Anderer legte sich in's Mittel.Allmälig verwirrten sich seine Gedanken, und eine tiefeOhnmacht machte ihn empfindungslos gegen alles, wasweiter um ihn geschah.

Als Georg aus seiner Betäubung wieder erwachte,schien die Sonne durch die trüben Fensterscheiben einerkleinen Stube, wo er auf einem schmutzigen Bette lag.Eine alte Frau, mit Ausbessern von Fischernetzen be-schäftigt, saß neben ihm.

Er richtete sich ein wenig auf und schaute verwun-dert um sich. Die Frau hielt in ihrer Beschäftigunginne, legte das Garn weg und betrachtete ihn. 3hrMienenspiel drückte dabei eine unverkennbare Befriedig-ung aus.Dacht' ich's doch", sagte sie,der Herr werdenicht ewig schlafen; es dauerte wahrlich lange genug.ES ist kaum der Mühe werth, von Euerer Wunde zureden, und doch liegt Ihr schon zwei Tage so da!"

'»Zwei Tage!" rief Georg bestürzt und schnellteempor;wo bin ich?"

Gut aufgehoben", erwiderte die Alte trocken;dieFischer-örigitt hat schon manchen halbverhungerten undverwundeten Kriegsmann, wie Zhr seid, aufgelesen, ge-pflegt und wieder auf die Beine gebracht. An Gelegen-heit fehlt eS just nicht. Das entsetzliche Kriegführen,Morden, Sengen und Brennen hört ja nicht auf."

Sie machte das Tuch los, welches ein Stück Lein-wand über der Stirne Georg's festhielt. Als sie auchletzteres entfernte, kam eine Narbe zum Vorschein,deren Aussehen eine ziemlich weit vorgeschrittene Heilungbewies.

Es ging ja prächtig", meinte die Frau, indem siemit den nicht allzu zarten Fingern über die heiße Stirnedes jungen Mannes hinstrtch.3hr seid so gut wiegeheilt und braucht die Binde nicht mehr."

Georg's Erinnerungsvermögen kehrte allmälig zurück.Die verhäugnißvolle Scene, wo er in so augenscheinlicherLebensgefahr geschwebt hatte, tauchte in lebendigen Far-ben vor seinem Geiste empor. Es blieb ihm jedoch zumVerfolgen dieser Gedanken keine Zeit. Nach der An-deutung des Weibes hatte er ohnehin schon zwei Tageversäumt für die Ungeduld des Herzogs, mit welcherer voraussichtlich erwartet wurde, mehr als genug.Woist mein Pferd?" fragte er.

Die Alte zögerte ein wenig, dann nahm sie dasWort:ES thut mir leid, daß ich Euch wehe thun muß;aber eS ist nun einmal so, und alles Klagen hilft nichts.Euer« Braunen ist es nicht so gut ergangen, wie Euch;

er liegt draußen auf der Straße und steht nichtmehr auf."

Todt!" rief Georg,auch das noch! Wie sollich nun ..."

Seid nur zufrieden", fiel ihm die Frau in'sWort.Die Reiter, mit welchen Ihr es zu thun hattet,meinten es nicht so gar böse mit Euch; sie haben einesihrer Pferde als Ersatz zurückgelassen und in den Schup-pen gestellt. Ihr braucht nur zu befehlen und eS stehtgezäunt und gesattelt vor Euch. Doch meine ich", fügtesie gutmüthig hinzu,es kommt auf ein paar Minu-ten jetzt auch nicht mehr anf. Ihr habt lange nichtsmehr gegessen, und bis nach Prag ist's noch weit."

Woher wißt Ihr", fragte Georg, über die letztereBemerkung der Alten ebenso wie über die Freigebigkeitseiner Verfolger erstaunt,daß ich nach Prag reiten will?"

Die Reisigen sprachen davon", wurde er belehrt;sie verhandelten noch verschiedenes Andere, wovon ichjedoch nur wenig verstand. So viel merkte ich aberdoch, daß Ihr schwerlich so gut davon gekommen wäret,hätte nicht der Vornehmste unter den Reitern Euch ge-schützt. Zwei derselben waren namentlich ganz wüthendauf Euch, und der Eine, ein schwarzbärtiger Offizier,hat sich sogar unterstanden, mich durch ein Goldstück inVersuchung zu führen; doch die Fischer-Brigitt weiß,was sie zu thun hat, sie ist ein christliches Weib."

WaS sagt Ihr da?" forschte Georg.

Laßt's gut sein", wich ihm das Weib aus;be-stimmt kann ich Euch nicht sagen, was der Herr eigent-lich gewollt hat, und Unrecht thun mag ich ihm nicht."

Sie entfernte sich und ließ den Hauptmann mitfeinen Gedanken allein. Diese waren peinlich genug.So sehr er auch dagegen sich sträubte, er wurde denVerdacht nicht los, daß es Martin Kametsch gewesen,der eine gegen ihn gerichtete schmachvolle Zumuthung andie Frau gestellt hatte. Aber war eS denn möglich,daß der ehemalige Freund und Genosse so weit sich ver-gaß? Und der Andere? Fritz Donald? Schon dieserName weckte eine Art Grauen in ihm. Wenn ihn seineAhnung nicht trog, mußte er auf der Hut sein; dennder Neffe Leßlie'S war ein gefährlicher Mensch, undwenn Martin je ein Schurke geworden, so hatte dieFreundschaft mit Donald ihn dazu gewacht.

Die Frau kam mit gerösteten Fischen, Brod undeiner kleinen Flasche in die Stube zurück und lud Georgein, zuzugreifen. Dieser schüttelte die unangenehmenGedanken von sich und setzte sich zu dem Mahl. Geschirrund Besteck hätten reinlicher sein dürfen; jedoch die Nothund das Knurren des Magens halfen dem jungen Mannedarüber hinweg. Nachdem er sich gesättigt hatte, eilteer in den Schuppen und musterte das Pferd, zu dessenBesitzer er in so eigenthümlicher Weise gemacht wordenwar. Das Thier konnte sich zwar mit seinem gutenBraunen nicht messen; aber so viel erkannte der Haupt-mann doch auf den ersten Blick, daß es den Anforder-ungen für den Nest des Rittes entsprach.

Eine Viertelstunde später befand sich Georg, nach-dem er die Alte für ihren Liebesdienst reich belohnthatte, auf dem Wege nach Prag . Ohne weitem Unfallkam er in der Moldaustadt an. Ganz seiner Jnstruc-tion gemäß, stieg er vor dem Quartier Wallenstein'sab. Man schien ihn bereits erwartet zu haben. Ohnedaß er sich zu melden brauchte, wurde er unverzüglichvor den Herzog geführt. Hier erstattete er über alles,