Ausgabe 
(21.2.1896) 15
Seite
111
 
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was seine Sendung betraf, pflichtgctren und ausführlichBericht.

Wallenstein gerieth in maßlose Wuth, als er dieMittheilung über den Vorfall bet Lissa vernahm. Erschien es gar nicht glauben zu können, daß es Piccolo-minische Reiter gewesen, durch welche sein Courrier nie-dergeworfen und etwaiger Papiere zu berauben versuchtworden sei. Er ließ sich durch Georg dessen Wahrnhem-ungen vor und in Lissa, sowie bei dem Ueberfall selbstWort für Wort wiederholen, und klärte sich durch Zwi-schenfragen über jeden Punkt auf; aber überzeugen,das sah der Hauptmann wohl, ließ er sich nicht. Dochsprach er seine Gedanken und Schlüsse in Gegenwartdes Boten nicht aus. Dieser wurde nach Verlauf einerhalben Stunde des gnädigsten Wohlwollens versichertund aus dem Zimmer geschickt.

In ungeheuerer Aufregung dnrchmaß nach Georg'sEntfernung der Herzog den Raum.Es kann nichtsein, es ist unmöglich", sprach er halblaut für sich.Georg hat sich geirrt, Piccolomini's Leute waren eSnicht. Dieser Selkow ist sonst ein zuverlässiger Bursche,er besitzt ein scharfes Auge und einen hellen Kopf; aberdiesmal hat ihn seine lebhafte Einbildungskraft zwei-fellos zum Besten gehabt."

Wallenstein stellte sich an's Fenster und schautedüstern Blickes hinaus. Wohl eine Viertelstunde langstand er unbeweglich wie eine Statue; nur der Athem,welcher sich schwer aus der Brust Heraufrang, bewies,daß noch Leben in dem Körper pulstrte.

Plötzlich wandte er sich hastig ab und nahm denunterbrochenen Gang wieder auf. Anfangs vernahmman nur die gleichförmigen Schritte; nach einer Weilejedoch kleidete er seine Gedanken in Worte, aus denenzuletzt ein lebhaftes Selbstgespräch wurde.

Aber wer hat den niederträchtigen Streich gegenmeine Pläne geführt? Er muß einen Urheber gehabthaben, den eine bestimmte Absicht zum Handeln bewog.Georg behauptet, daß er durchsucht worden sei. DerErsatz des todten Pferdes durch ein anderes ist eineThatsache, die sich nicht wegleugnen läßt. Diese beidenPunkte führen nothwendig zu dem Schlüsse, daß derUeberfall nicht der Person Georg's gegolten, und daßvon irgend welcher Seite der Zweck seiner Sendung ge-ahnt worden ist. Lissa selbst und seine Umgebung sindfast ausschließlich von Piccolominischen Truppen besetzt sollte am Ende Octavio doch . . ."

Der Herzog hielt inne. Seine Schritts verkürztensich, und eine mächtige Bewegung drückte sich in seinemunruhigen Mienenspiel aus. Dann fuhr er fort:Esist eine heillose Geschichte. Jener Donald soll sich alsLieutenant bei dem Heere befinden; wenn man ihn faßt,ist der Galgen ihm gewiß. Wie ich ihn hasse, diesenNamen! Die Folgen seiner Verrätherei verfolgen michwie ein Gespenst. Hätte er seine Schuldigkeit gethan,dann würde der Name Lützen unter den vielen Mark-steinen an meiner Nuhmesbahn als der schönste einge-fügt sein. Octavio's Empfehlung hat dem Menschen diewichtige Stellung verschafft. Ob nicht bei dem schmäh-lichen Vertranensbruch ein unseliger Zusammenhang zwi-schen Ursache und Wirkung besteht auf Kosten derTreue eines Freundes, dem jede Falte in meinem Herzenzugänglich ist? Nein! Donald war ein tüchtigerSoldat; als solcher nur wurde er von Piccolomini ge-kannt. Nicht die Empfehlung, sondern ein feindlicher

> Dämon hat ihn zum Schurken gemacht. Octavio isttreu! Im gleichen Sternbilds wie ich geboren, ist erdurch eine höhere Macht unwiderruflich an mein Schicksalgekettet und kann nicht wider mich sein. Gleichwohlbeunruhigt mich die Ahnung einer nahen Gefahr! Fastwäre der brave Selkow seinem Pflichtgefühl zum Opfergefallen. Das ist sicher, wenn auch manches in seinerErzählung sich schließlich als Täuschung erweisen sollte.ES muß etwas geschehen! Es gilt entweder rasch zuhandeln oder einen Schachzug zu wagen, der das wach-sende Mißtrauen gegen meine Pläne zerstreut. Garan-tien wollen sie? Sind der Name und das Wort desHerzogs von Friedland nicht Garantie genug? Arnimwäre sofort bereit, das weiß ich bestimmt. Der schwe-dische Reichskanzler aber, dieser schlaue Fuchs, zögertuoch immer; und doch können wir gerade ihn nicht ent-behren, wenn ein entscheidender Erfolg erzielt werdensoll. Der Einmarsch Feria's mit seinem spanischen Heerist mir im höchsten Grade fatal. Es ist Wasser aufdie Mühle meiner Feinde in Wien , denen dieser Macht-zuwachs des Kaisers als eine willkommene Waffe gegenmich dienen wird. Ich muß ihnen zuvorkommen unddafür sorgen, daß man in Wien vor einer vollendetenThatsache steht. Vor allem aber gilt es, den mißtraui-schen Schweden den Werth meiner Person und meinerMachtstellung, die er, wie es scheint, immer uoch unter-schätzt, fühlen zu lassen; vielleicht kommt er dann eherzu einem Entschluß!"

Er blieb wieder stehen und blickte schweigend aufdie Häuser der Stadt. Von der gleichen Stelle aushatten wohl die^böhmischen Könige einst auf das hun«dertthürmige Prag mit seine» Palästen und das schöneThal der Moldau geschaut. Wie, wenn die alte Herrlich-keit des königlichen Hoflagers wieder erstände wennsein Haupt die Krone schmückte und sein Ohr der be-geisterte Ruf des Volkes träfe:Heil Albrecht, Heilunserm König und Herrn!" Der Herzog hob dasHaupt; seine hohe Gestalt schien noch zu wachsen, unddie Augen flammten.Ha", rief er,warum dennimmer dasWenn" ? Warum träumen, wo das Wollen,wo ein einziges Wort die goldene Wirklichkeit schafft?Bei meinem Sterne ich will! Das Erbe der Libussasei mein!"

Und ist erst die Krone Böhmens auf meinemHaupte", fügte er nach einer Pause mit stolzem Selbst-gefühle hinzu,wer will es mir wehren, weiter zu gehen?Wer hat es Cäsar und Alexander gewehrt? Sie erreich-ten ihr Ziel, sie legten sich Welten zu Füßen, ihr Nameklingt als leuchtendes Vorbild für alle Ewigkeit fort.Und doch lagen damals die Bedingungen für sie nichtso günstig, wie in diesem Augenblicke für mich. Meingefährlichster Rivale, Gustav Adolph, ist todt. Ich weiß,mas er gewollt hat. Um den Bestrebungen deutscherFürstlein den Stempel eines zweifelhaften Rechtes auf-zudrücken, griff der große Mann nicht zum Schwert.Sein Niesengetst verfolgte die gleichen Ziele wie ich.Aber er mußte fallen, weil das Schicksal mich zumTräger seines Willens erkor. Es konnten nicht zweiPlaneten in der gleichen Bahn kreisen; einer mußteweichen, eine höhere Macht räumte ihn aus dem Weg.Das ist die Bedeutung des neuen Sternes, der mir soverheißungsvoll am Himmel erschien. Ich will dem Rufefolgen! Das Urtheil der Welt? Pah! Was frageich danach, wenn man mich eine Zeit lang verflucht;