Ausgabe 
(25.2.1896) 16
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Augsburgrr Postzritung".

Dinstag, den 25. Februar

1896 .

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburgs Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von HaaS Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler) .

Die Astrologen.

Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges.

Von Max Benno.

(Fortsetzung.)

11 .

Im Zimmer des Friedländischen Generals GrafenOctavio Piccolomini stand der Hauptmann Georg Selkow.Der General, ein stattlicher Mann mit schon ergrauen-dem Haar und durchdringendem Blick, ließ seine Augenmit eigenthümlichem Ausdruck auf dem jungen Manneruhen; dann bot er ihm einen Sessel und nahm eben-falls Platz.

Ich bin bis jetzt", begann er,mit Euch nochniemals in nähere Berührung gekommen, und auch Ihrkennt mich blos als General. Ihr seid deshalb wohleinigermaßen erstaunt über die Bestellung zu mir. Ihrwerdet gleich erfahren, was mich hierzu bewog. Ichbefand mich heute Morgen beim Herzog, und es wurdevon Euch gesprochen. Der Name Selkow fiel mir auf;er lenkte meine Gedanken auf Ereignisse und Zeitenzurück, die demselben von meiner Seite ein Andenkensichern, das erst mit meinem Leben erlischt. Daher be-stimmte ich auch den Herzog, einen Beschluß rückgängigzu machen, der Euch für den Augenblick vielleicht mitStolz und Freude erfüllt, später aber ohne Zweifel inunheilvolle Verwickelungen gebracht hätte. Wollenstemsprach nämlich die Absicht aus, Euch mit geheimen Auf-trägen nach Paris an den König von Frankreich zuschicken. Ein ehrenvoller Auftrag, nicht wahr? Unddoch habe ich den Herzog veranlaßt, für dieses Geschäfteinen Andern zu wählen, nachdem ich das Nähere überEuere Herkunft und Euern Charakter erfuhr."

Piccolomini schaute dem jungen Mann fest in'sGesicht.

Ja, mein Sohn", fuhr er fort,um diese Ehreseid Ihr durch mich gebracht worden, obgleich ich Euchvon Herzen zngethan bin. Damit Ihr mich verstehetund mir in allem Euer volles Vertrauen schenket, mußich eine Geschichte erzählen, die sich ereignete, als Ihrdas Licht der Welt noch nicht erblickt hattet. Es wareinige Tage nach der denkwürdigen Schlacht bei Lepanto, wo Don Juan d'Austria durch seinen glänzenden Siegden osmanischen Uebermuth brach. Ein ungeheuererJubel herrschte unter den Christen; denn die Türkenhatten schon seit langer Zeit alle Küstengebiete des

Mittelländischen und Adriatischen Meeres in Schreckenversetzt. Nun glaubte man sie für immer verjagt. EinigeOffiziere gingen eines Abends mit ihren Familien an derdalmatinischen Küste spazieren. Die Frauen und Kinderschritten voraus. Ein Olivenwäldchen, das man sich alsZiel der Wanderung gesteckt hatte, war fast erreicht, dabrach aus demselben plötzlich eine Schaar Türken her-vor und stürzte sich auf die Frauen, welche drei Kinder,zwei Knaben und ein Mädchen, an der Hand führten.Ein Theil der Muselmanen schleppte die Unglücklichenfort, der andere aber warf sich den zu Hilfe eilendenOffizieren erygegen. Die Christen waren an Zahl be-deutend in der Minderheit, der Löwenmuth jedoch, mitdem sie fochten, glich den Unterschied aus. Ein Türkeum den andern fiel in den Sand, und nach einem nurwenige Minuten dauernden Ringen suchte der Rest derfrechen Räuber sein Heil in der Flucht. Sie wurdenvon den Offizieren verfolgt, denn die Gefangenen muß-ten um jeden Preis befreit werden. Die Türken hattensich nach einer kleinen Bucht zurückgezogen und schlepp-ten dort die Beute in den bereitstehenden Kahn. OhneBedenken stürzten sich die braven Offiziere auf sie, unddie Rettung der vor Angst halb bewußtlosen Frauenund Kinder gelang. Leider hatte den bravsten derKämpfer ein Türkensäbel durchbohrt. Er besaß noch soviel Kraft, um die Sorge für Weib und Kind denKameraden anzuempfehlen, dann verschied er. Diesehielten das dem edeln Manne gegebene Wort. DerKnabe wurde auf ihre Kosten erzogen und für die Wittweeine Pension ausgewirkt. Die beiden Jungen, welchenein so schreckliches Schicksal gedroht hatte, wuchsen mit einan-der heran und sind auch im spätern Leben die besten und ver-trautesten Freunde geblieben. Hundertmal haben sie aufihren Kriegsfahrten in einem Zelte geschlafen und auseinem Becher getrunken, bis die Vorsehung ihre Trenn-ung beschloß. Der Eine hat längst den Tod auf demFelde der Ehre gefunden, der Andere aber steht hiervor Euch; denn ich", fügte Piccolomini mit feierlichemErnste hinzu,war jener Knabe, für den der brave Offi-zier sich geopfert, das Mädchen meine Schwester, undder andere Knabe, der Sohn des Helden, war EuerVater."

Ich befand mich in Spanien" , erzählte der Gene-ral weiter,als ich den Tod meines lieben Freundes,Eueres Vaters, erfuhr. In's Reich zurückgekehrt, er-kundigte ich mich nach den Seinen und hörte, daß der