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einzige Sohn einen Beschützer und Gönner in dem Herzogvon Friedland gefunden habe und dessen Zukunft ge-sichert sei. Lange schon hegte ich den Wunsch, den Sohnmeines theuren Georg kennen zu lernen. Da hat dieVorsehung in einem Augenblicke, wo ich am wenigstendaran dachte, mir diese Freude gemährt und mirwenigstens einen Theil meiner Schuld zu tilgen ver-gönnt. Ich weiß aus Wallenstein's eigenem Munde,wie warm Euer Herz für ihn schlägt und wie oft Ihrschon in seinem Dienste das Leben gewagt habt. Ichwürde Euch darum nur noch höher schätzen — denn andieser Treue und selbstlosen Ergebenheit erkenne ich desVaters würdigen Sohn — aber ich muß befürchten, daßIhr durch Euern Eifer zu Handlungen und Entschlüssenverleidet werdet, deren Ende nimmermehr ein gutes seinkann. Georg Selkow", schloß Piccolomini mit einerStimme, durch welche eine mächtige Aufregung klang,„der Herzog von Friedland steht im Begriffe, mit denFeinden des Kaisers gegen Deutschland und den Kaiserzu ziehen und das Unglück Euerer schönen Heimath nochgrößer zu machen, als es schon ist. Trennung von demEmpörer ist deshalb heilige Pflicht. Was der Herzogauch schon für Euch gethan haben mag, wie sehr EuerHerz für ihn spricht: dieser unselige Schritt hebt jedeRücksicht und Verbindlichkeit auf."
Er ergriff die Hand des bestürzten jungen Mannes.„Ich weiß auch", fuhr er freundlich fort, „daß Ihr,ohne etwas Böses zu ahnen, die geheime CorrespondenzWallenstein's mit Arnim besorgtet, und daß Ihr eswäret, dem man bei Lissa so übel mitgespielt hat. Ichkannte Euch damals noch nicht, und Euere Person galtmir bet der Wichtigkeit der Sache nicht viel. Dennochwar ich schmerzlich berührt, als ich erfuhr, daß manEuch ohne allen Erfolg niedergeworfen, und erfreut überdie Handlungsweise meines Vertrauten, der Euch denerlittenen Schaden nach Kräften wieder ersetzte. Welchein Gedanke wäre es heute für mich, wenn Euch da-mals das Verhängniß ereilt hätte —durch meine Schuld!Denn von mir waren die Dragoner geschickt. Ich wußteum die Abmachungen des Herzogs und ahnte auch derenZweck. Um ganz sicher zu gehen, mußte ich mir jedochGewißheit verschaffen, und diese suchte ich bei dem Boten.Ich habe mich damals verrechnet, erreichte meine Absichtaber wenige Wochen später auf anderem Wege nur umso vollständiger. Von jener Stunde an bin ich demHerzog Schritt für Schritt auf seinem verbrecherischenWege gefolgt, und seit gestern stehe ich am Ziele. Seinehochverräterischen Pläne liegen offen zu Tag. Es istmöglich, daß schon das nächste Morgenroth die AechtungWallenstein's bringt. Ihr dürft nicht mit ihm unter-gehen; ich will Euch retten. In dieser Absicht rief ichEuch heute zu mir."
Mit Gewalt bezwaug Georg den Sturm in seinemInnern. „Ist es denn wahr!" rief er, „ist es mög-lich? Ich kann immer noch nicht glauben, daß der Her-zog ein falsches Spiel treibt!"
„Die untrüglichsten Beweise", erklärte der General,„befinden sich in meiner Hand, und zudem hat Wollen-stem mir selbst so deutliche Winke gegeben, daß keinZweifel mehr aufkommen kann. Uebrigens werdet Ihrheute Abend Gelegenheit finden, Euch selbst von derwirklichen Sachlage zu überzeugen. Sämmtliche in Pil-sen anwesende Stabsoffiziere sind von Jllo, der in diegeheimsten Pläne des Herzogs eingeweiht ist, zu einem
Bankett eingeladen. Dort soll eine Schrift zur Unter-zeichnung vorgelegt werden, worin Alle sich eidlich ver-pflichten, bis auf den letzten Blutstropfen treu zu'desHerzogs von Friedlnnd Hoheit zu halten. In einemExemplar dieses Documentes ist der ausdrückliche Vor-behalt eingefügt, daß dies nur geschehen solle, so langeder Herzog in Seiner Kaiserlichen Majestät Dienstenverbleibe oder der Kaiser ihn zur Förderung seiner Sachegebrauche; in einem zweiten aber fehlt dieser Zusatz.So lange die Gäste noch nüchtern sind, wird ihnen daserstere vorgelesen und zur Durchsicht gereicht; unmittel-bar vor Aufhebung des Gelages aber, wenn die Meistenihrer Sinne voraussichtlich nicht mehr Herr sind, legtman den Revers ohne den Vorbehalt zur Unterschriftvor. Zu dieser Versammlung will ich Euch Zutritt ver-schaffen. Bleibt nüchtern, damit die Wahrheit meinerWorte vor Euerrn eigenen Augen sich enthüllt."
Georg rang vergeblich nach^Fassung. Er dachtean die Herzogin, ihre Pläne und Hoffnungen für dieZukunft^ an sein eigenes Glück und an Magdalenensschreckliches Traumbild, das in diesem Augenblick auchfür ihn eine furchtbare Bedeutung erhielt.j ZDabei konnteer sich eines Gefühls tiefer Bitterkeit gegen den Generalnicht erwehren. Der Mann, welchen der Herzog fürden treuesten Freund hielt, hinterging ihn. Er mußtean sich halten, daß er dem hohen Vorgesetzten gegenüberseinem Unmuth nicht lauten Ausdruck verlieh. Warumdenn diese Heimlichkeiten? Warum dem Freunde keinoffenes Wort?
„Auch der Kaiser ", begann der Graf wieder, „istvon allem in Kenntniß gesetzt, und unsere Maßregelnsind zu einem entscheivenden Schlage getroffen, der denverblendeten Mann unschädlich macht. Seine Absetzungist beschlossene Sache und Gallas zum Höchstcomman-direnden an Wallenstein's Stelle bestimmt.
„Herr General", fragte Georg, indem er die bittereWallung in seinem Innern bezwäng, „wäre es nichtmöglich, den Herzog zu retten? Wenn ein wohlmeinen-der Freund ihm den Abgrund zeigte, vor welchem ersteht, hielte er ihn vielleicht doch noch vor dem letztenverderblichen Schritte zurück. Auch Ihr wäret seinFreund", fügte er mit flehendem Tone und feuchtenAugen hinzu; „ich weiß es, Ihr habt ihn geliebt! O,ich beschwöre Euch, laßt ihn nicht fallen, nicht so fallen— es wäre sein Tod!"
„Ich habe gethan, was ich konnte", entgegnetePiccolomini , das Gesicht abwendend; „ich habe gewarnt,gebeten und beschworen, wie Ihr, aber es war allesumsonst. Meine Worte prallten wirkungslos an denEinflüsterungen seines bösen Geistes, des AstrologenSeni, und Wallenstein's eigenem grenzenlosen Eigensinnab. Es blieb mir keine andere Wahl, als zuletzt selbstgute Miene zum bösen Spiele zu machen, damit ich nichtverdächtig erschien. Ich sehe das Unwürdige meinerRolle wohl ein, sie fällt mir auch schwer, aber ich bringedas große Opfer der guten Sache zu lieb. Wo dieWohlfahrt ganzer Völker auf dem Spiel steht, kommendie persönlichen Empfindungen Einzelner nicht in Be-tracht."
„Wenn die Herzogin einen Versuch machte?" be-harrte Georg.
„Nein", fiel ihm Piccolomini entschieden in's Wort,„diese halbe Maßregel wäre ein zweischneidiges Schwert.Der Herzog würde, deß bin ich sicher, auch auf die Bitte