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seiner Gemahlin nicht achten; aber er wäre gewarnt. Erwürde losschlagen, ehe sein Arm durch uns gelähmt ist,und im eigenen Lager würde ein Kampf entbrennen, wiedie Welt noch keinen erlebt. Tausende würden um desEinen willen geschlachtet. Die Kugel ist im Rollen, undkeine menschliche Hand hält sie mehr auf. Ist nachherdie große Gefahr glücklich vorüber, dann sind — undan dieser friedlichen Lösung zweifle ich bei dem gutenHerzen Ferdtnand's nicht — auch die Worte Vergebungund Gnade am Platz."
Georg sah ein, daß all' sein Flehen nichts half.Mit blutendem Herzen gab er das verlangte Ehrenwort,über das Gehörte zu schweigen, und zog sich zurück.
In schmerzlicher Bewegung suchte er seine Herbergeauf. Hier öffnete er ein Fenster und schaute in denanstoßenden Garten hinaus. Der Frühling hatte bereitsseine Vorboten gesandt. Ein warmer Luftzug kam vomGebirge herüber, und die Sonne entwickelte eine für dieherrschende Jahreszeit ganz ungewöhnliche Kraft. Soweit das Auge zu blicken vermochte, lag noch Schnee,scharf hoben sich die dunkeln Tannenforste von dem wei-ßen Hintergrund ab. Wie ein breites Stlberbandschlängelte sich in geringer Entfernung der Eisspiegelder Beraun durch die majestätische Winterlandschaft.Feierliche Stille herrschte. Nur von Zeit zu Zeit hörteman jenes dumpfe Geräusch, welches entsteht, wenn unterdem Kusse des Tagesgestirns ein Stück des glänzendenKrystallschmuckes von den tief herabhängenden Zweigender Bäume sich ablöst und auf den weichen Schnee-teppich fällt.
Nicht so friedlich sah es in Geoag's Gemüth aus.Die bitterste Enttäuschung hatte sein warmfühlendes Herz!mit kaltem Finger berührt. Er vermochte nicht mehr an!der Schuld des Herzogs zu zweifeln; aber ebensowenigwich die Ueberzeugung von ihm, daß auch auf Seitender Ankläger desselben viel gefehlt worden war. Mitwelcher Zuversicht, mit welcher Begeisterung war er zuiFelde gezogen, um unter dem Banner der Wahrheit und,^des Rechts für Ruhm und Ehre zu kämpfen — und^nun fand er jede Blume an diesem Pfade von dem!Schlangengezücht der Leidenschaften umzischt! Er hatte!so schön von Lorbeeren, von künftiger Größe, von einem!Namen geträumt, von Thaten, deren Erinnerung gleich^einem Sonnenblick in die späten Tage stiller Ruhe hin-einleuchten sollte — mit rauher Hand waren nun durch!die Wirklichkeit all' seine Illusionen zerstört! In ruh-uud rücksichtslosem Jagen nach verführerischen Trugbil-dern also bestand das Glück und die Herrlichkeit der Welt!
Georg fühlte sich von einer mächtigen Sehnsucht,von glühendem Heimweh ergriffen; fort wollte er, wettfort aus diesem Chaos — heim, an die Seite der Ge-liebten und an das treue Herz seines priesterlichen Lehrers.
Aus diesen Gedanken wurde der Hauptmann durchden Boten geweckt, der ihm die Einladung zum BankettJllo's brachte. Mit einem bittern Lächeln nahm er sieentgegen. Ein Freudenmahl! Er befand sich wahrklich ineiner hierzu wenig passenden Stimmung. Noch eineZeit lang blieb er im Zimmer, dann wurde es ihmzwischen seinen vier Wänden zu eng. Er ließ sich seinPferd vorführen und ritt ohne bestimmte Absicht davon.Sein Quartier lag ganz am Ende der Stadt, unmittel-bar neben der Umfassungsmauer. Wenige hundertSchritte vom Thore entfernt begann ein üppiger Tannen-wald, der sich auf beiden Seiten der Beraun tief in's
Land hineinzog. Einen der durch diesen Forst führen-den Wege schlug der Hauptmann ein und tummelte, umdas Blut abzukühlen, stundenlang ziellos sein Pferd.Er beachtete es gar nicht, daß in Folge der abnormenWärme ein Unwetter am Horizont heraufstieg. Erst alsihm der Sturm Regen und Schneeschauer in's Gesichttrieb, schaute er sich um und fand den vorher noch soklaren Himmel mit schwarzgrauen Wolken bedeckt. Zu-gleich erkannte er, daß sein Spazierritt ihn ziemlich weitvon der Stadt entfernt hatte. Der Abend brach herein.Er dachte an das bevorstehende Bankett, bei welchem ernicht fehlen durfte. Rasch wandte er sein Pferd undjagte in der Richtung nach Pilsen zurück.
Zu gleicher Zeit schlich, nur eine halbe Stunde vonGeorg entfernt, durch das Unterholz des Waldes tief imSchnee schreitend ein Mann. Ein breitkrämpiger Hutverbarg das Antlitz, das überdies von einer schwarzenMaske verhüllt war. Ein dunkler Mantel von grobemStoff umschloß die mittelgroße Gestalt, und der Laufeiner Pistole wurde sichtbar, wenn der Sturm die Fal-ten des Mantels zurückschlug.
Das Unwetter war mit Macht losgebrochen. DieBäume zitterten und beugten ächzend ihre Kronen, daßder Schnee in dichten Wolken auf den Boden herabfiel.Aengstlich verbargen sich die Vögel vor den Schloffen,und die übrigen Waldbewohner flohen in ihre Lager.Wild rauschte der Waldbach, welcher die von der Sonnezum Theil geschmolzene Eisdecke durchbrochen hatte undschäumend über die Ufer sich ergoß.
„Ein verdammtes Wetter", fluchte der Mann undzog den Mantel fester um sich; „am Ende ließen sie sichschrecken und kommen gar nicht." Er spähte mit ver-haltenem Athem zwischen zurückgebogenen Zweigen aufden glatten Fahrweg hinaus, welcher von Pilsen nachRokytzan führt. Da vernahm er durch das Sturmge-Hbraus ein schwaches Schellengeläute, das immer deut-licher und näher erklang. Aus den Augen des Mannesleuchtete ein wilder Triumph. Er zog sich hinter das,Strauchwerk zurück und verschwand. Nach Versfuß weni-ger Minuten jedoch regte es sich wieder in dem Gebüsch.Vorsichtig wanden diesmal drei Männergestalten sich ausdem Dickicht und krochen langsam gegen die Straße heran,wo sie im Graben Deckung fanden. Ein leichter Schlitten,auf welchem hinter dem Fuhrmann aneinandergeschmiegt!zwei Frauen sich befanden, flog auf den Platz zu. Datönte ein gellender Pfiff. Die drei Vermummten bra-chen aus ihrem Versteck hervor. Einer fiel dem Pferdin die Zügel, der andere riß den erschrockenen Fuhrmannvom Bock und suchte ihm die Hände zu binden; derdritte aber zerrte die jüngere der Frauen, ehe sie Zeitgefunden hatte, die hemmende Umhüllung von sich zustreifen, aus dem Schlitten und schickte sich an, sie überden Graben nach dem Dickicht zu schleppen, während dieandere nach einigen kreischenden Angst- und Hilferufenvor Entsetzen das Bewußtsein verlor.
Rascher Hufschlag tönte in diesem Augenblick durchden Wald. Ein Reiter sprengte heran. Ein einzigerBlick genügte ihm, um zu erkennen, was vor seinenAugen geschah. Sein Degen blitzte auf dem Kopf einesder Banditen, daß dieser stöhnend in den Schnee sank.Der Räuber, welcher die Frau bereits auf den Graben-wall gezerrt hatte, drückte eine Pistole auf den Angreiferab, aber die Kugel verfehlte das Ziel. In der näch-sten Secunde sah auch dieser sich von der Waffe des