Ausgabe 
(28.2.1896) 17
Seite
127
 
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Wallenstein's einzige Hoffnung beruhte auf der bal-digen Ankunft der Schweden . Um sich denselben zunähern und bis zu ihrem Eintreffen einen sichern Stütz-punkt zu haben, beschloß er, mit dem Nest seiner Trup-pen nach der Festung Eger zu ziehen. Der Marsch deskurz vorher noch so gewaltigen Mannes nach der kleinenGrenzfeste glich einer Flucht. Von seinem mächtigenHeere waren ihm noch zehn Compagnien geblieben, undmit diesen zog er am 22. Februar 1634 Vormittagsaus Pilsen , das schon am folgenden Tage von kaiser-lichen Truppen besetzt wurde.

12 .

Der Wanderer, welcher die Heerstraße über das Ge-birge von Bayern nach Böhmen verfolgt, erreicht unmittel-bar an der Grenze das ansehnliche Städtchen Kladrub.Dort lag damals schon seit längerer Zeit zur Bewach-ung der Pässe zwischen Böhmen und der Oberpfalz einWallenstein'sches Dragoner -Regiment unter dem Ober-befehl des Obersten Walter Butler , eines Jrländers, dersich durch Energie und großen persönlichen Muth vorngemeinen Soldaten zu der Würde eines höhern Offi-ziers emporgeschwungen hatte. Der Platz war sehr wich-tig und die Mannschaft bei Tag und Nacht fast unauf-hörlich in Anspruch genommen. Butler hatte schon vonden Gerüchten über die Untreue deS Herzogs gehört,anfangs ohne ihnen Glauben zu schenken, und er warüberrascht, als in einer Nacht plötzlich durch Expreß-boten der Befehl des Herzogs eintraf: Oberst Butlerhabe bei Todesstrafe, angesichts der Ordre, sofort seinganzes Regiment zusammenzuziehen und mit demselbennach dem weißen Berge bei Vrag zu marschiern. DieseZumuthung kam Buttler in hohem Grade sonderbar vor;denn die Entblößung der Grenze auf dieser Seite er-schien sehr gefährlich. Sein Vertrauen auf die Treuebekam einen bedenklichen Stoß. Er stand mit seinemFeldkaplan Patricius Taaffe aus sehr gutem Fuße undwar gewohnt, dessen Rath in jeder wichtigen Sache zuhören. Auch diesmal nahm er seine Zuflucht zu ihm.Der Dringlichkeit wegen ließ er den geistlichen Herrnwecken, und dieser folgte dem Rufe sofort.

Seht doch. Hochwürden", empfing ihn der Oberst,als er dessen Zimmer betrat,welch' wunderlichen Briefich soeben vom Herzog bekam. Ohne Ablösung soll ichsofort mit meinem ganzen Regiment nach Prag auf-brechen und die Pässe von der Oberpfalz nach Böhmen preisgeben. Heißt das nicht dem Feinde Thür und Thoröffnen und ihn zur Besitznahme von Böhmen einladen?"

Der Feldkaplan war, nachdem er das Schriftstückgelesen, nicht weniger betroffen als Butler.

Schweigend gingen die Beiden in der Stille derNacht eine Zeit lang neben einander einher. Dannnahm der Oberst das Wort:Das Benehmen Wallen-stein's ist mir schon lange aufgefallen, allein in Anbe-tracht seines unberechenbaren und außergewöhnlichenWesens habe ich bis jetzt seinen Fürsprecher gemacht;jetzt aber behaupte ich: er führt nichts Gutes im Schild.Trotzdem muß ich marschiren, und zwar sofort. Einemso bestimmten und strengen Befehl darf kein Soldat denGehorsam verweigern. Wahrscheinlich finde ich am wei-ßen Berge den Tod; denn ich fürchte, daß diesmal mehrBlut fließt, als in der Schlacht gegen den PfalzgrafenFriedrich."

Der Feldkaplan billigte den Entschluß Butler's undermähnte ihn, seine Western Schritte so einzurichten, wie

er eS als braver Soldat vor Gott und seinem Gewissenverantworten könne; dann zog er sich zurück.

Butler schickte Eilboten an alle Abtheilungen seinesRegiments, durch welche er denselben befahl, augenblick-lich aufzusitzen und im Standquartier zu erscheinen. Nochvor Tagesanbruch hatte sich das tausend Mann starkeRegiment bereits nach Pilsen in Bewegung gesetzt.

Ungefähr auf der Hälfte des Weges stieß dasselbean der Straße nach Mies auf den ärmlichen Zug deSHerzogs von Friedland.

Wallenstein , welcher Frau und Tochter schon vor-ausgeschickt hatte, saß in einer unansehnlichen Sänfte.Ihm folgten seine Vertrauten: Jllo, Adam Terzky undNeumann. Einer derselben sprengte an Oberst Butlerheran und befahl ihm, mit seinem Regiment auf demWege nach Mies weiter zu ziehen, den auch Wallenstein mit seinen Begleitern einschlug.

Butler gehorchte. Als der Zug tief in der Nachtzu Mies angelangt war, mußte der Oberst mit denFahnen in der Stadt bleiben, die Soldaten aber wur-den außerhalb der Mauern tn's Lager verlegt. 3n die-ser Maßregel erblickte Butler ein Zeichen des Miß-trauens gegen seine Person und wurde dadurch nur nochmehr in seinem Argwohn bestärkt.

Nachts rief er den Feldkaplan wieder zu sich undfragte ihn um Rath. Taaffe hielt schleunige Flucht undVereinigung mit der kaiserlichen Armee für das einzigeMittel, der Gefahr zu entgehen. Doch davon wollteButler nichts wissen und blieb.

Am folgenden Morgen ging der Zug weiter nachPlan. Der Oberst erhielt den Befehl, die Aufstellungmit seinen Reitern vor dem Wagen des Herzogs undden übrigen Soldaten zu nehmen. Offenbar fürchteteman, daß er in der Nachhut plötzlich abziehen und dieWallensteinischen im Stich lassen könnte. Auch tn Planwurde die Vorsicht gebraucht, den Führer mit den Fahnenin die Stadt und seine Soldaten in's Freie zu legen.

Nachdem es in der Nacht still geworden, hüllteButler sich in seinen Mantel und suchte das Quartierseines treuen Feldkaplans auf. Er fand ihn, das Brevierbetend, noch wach und bat ihn, so schnell als möglichzu PIccolomini nach Prag zu eilen und diesem Berichtzu erstattten.

Patricius machte sich sofort auf den Weg. Ohnevon den Wachen behelligt zn werden, kam er aus Plan.In Mies erfuhr er, daß Ptccolomint sich bereits inPilsen befinde. Der weite Weg nach Prag blieb ihmauf diese Weise erspart. Schon am folgenden Abendtraf er im Hauptquartier Octavio's ein.

Der General war über die Nachrichten des Feld-kaplans in hohem Grade erfreut. Er schloß sich mitdem Geistlichen in sein Gemach ein und verhandelte fasteine halbe Stunde lang mit ihm. Endlich traten Beideauf den Hausflur und schritten, halblaut sprechend, miteinander die Treppe hinab. Piccolomini reichte demKaplan die Hand.Ihr kennt nun", sagte er, jedesWort betonend,meinen Willen, welcher auch derjenigeSeiner Kaiserlichen Majestät ist. Handelt mit Umsichtund Klugheit, aber, wenn es sein muß, auch ohne Be-denken und Furcht, und vergesset nicht, daß Oberst Butler

und Ihr für den Erfolg verantwortlich seid.*

* *

(Fortsetzung folgt.)

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