129
gegenüber vielen Mitbürgern eine außerordentliche Maß-regel rechtfertige. Ohnehin mußte bei einem mildenNechtsverfahren die Störung der öffentlichen Ruhe undOrdnung besorgt werden, zumal seit der bekannt gewor-denen Flucht des Joachim Höchstetter und des FranzBaumgartner und durch das trostlose Ergebniß der In-ventarisation der beschlagnahmten Fahrniß, „daß nichtsRichtiges gefunden worden", die aufgeregte Volksmasseimmer mehr sich erhitzte. ES wurden deßhalb am 25. Juli1529 die drei Höchstetter in das Gefängniß abgeführt,ungeachtet sie erklärten, auf ihr ganzes Eigenthum zuverzichten, falls nur ihren Frauen das verschriebene Bei-bringen erhalten bleibe. Allein gegen diesen Vorschlagstemmten sich die Gläubiger, „denn — sagten sie —auch die Frauen trieben mit unserem Gut Pomp, Hoffarthund Schleckerei, also gehört unS alles, was noch vor-handen ist, und sie mögen selbst zusehen, wie sie ihreEhemänner wieder losbekommen".
Unter solchen Umständen blieb ein langwieriger Pro-zeß unvermeidlich. Trotz der entzogenen Freiheit fühltenjedoch die Höchstetter dabei nicht gänzlich sich verlassen.Einflußreiche Gönner nahmen sich ihrer an. KönigFerdinand schickte ihnen vr. Johann Zott und HerzogWilhelm von Bayern seinen Kanzler I)r. Augustin Lefchzum Beistand, und diese legten am 15. Juni 1530 denvon ihnen ausgearbeiteten Vergleich auf dem Nathhausenieder. Nur die Hälfte der Gläubiger billigte daS Pro-jeci, und weil die andere Hälfte jeden Versuch, sie fürdas gütliche Uebereinkommen günstig zu stimmen, zurück-wies, so baten jene den Kaiser, der wegen des Reichs-tags seit 15. Juni 1530 in Augsburg verweilte, er mögedie Verneinenden zur Annahme des Vergleiches zwingen.Dazu entschloß sich zwar Karl V. nicht, jedoch wünschteauch er die friedliche Beilegung der Streitsache, und erbeauftragte seine Räthe in Verbindung mit dem hiesigenBischof, mit den Parteien für eine allgemeine Verstän-digung zu verhandeln. Aber auch ihre Bemühungen ver-liefen fruchtlos, ungeachtet in der Zwischenzeit die Frauendes Joseph Höchstetter und des Franz Baumgartner „vorUnmuth" gestorben waren.
Kam bisher die Verlängerung der Schuldhaft haupt-sächlich auf Rechnung der Renitenz der Gläubiger, sotrugen an derselben von jetzt ab die Gefangenen selbsteinige Schuld. Unter Berufung auf ein kaiserliches Pri-vilegium wollten sie nur noch dem NeichSkammergerichtRed' und Antwort geben, was den Rath veranlaßte, sieam 28. Juni 1531 in ihre eigene Behausung zurück-bringen zu lassen. Dadurch verbesserte sich jedoch ihr Looskeineswegs. Bewacht von 12 Mann, wurden sie zusammenin einer kleinen Stube eingesperrt, welche sie niemalsverlassen durften, daher sie vorzogen, aus dem engen,mit verpesteter Luft angefüllten Gemach nach 3 Monatenwieder in die Eisen zu kommen. Dort erhielt der ältereHöchstetter für sich ein Stüble, während sein Sohn undsein Neffe „in einem Gcwölble angekettet" den weiterenVerlauf des Prozesses abzuwarten hatten. Wie langedieser dauern werde, wußte Niemand, auch der Rath nicht,und um darüber die Verhafteten nicht im Unklaren zulassen, eröffnete er ihnen am 7. Juli 1534, daß sie„auf ihr Lebtag" in dem Heiltgkrcuzthorthurm eingeschlossenbleiben?) Ambras Höchstetter der Aeltere vermochte abernimmer die ärmliche Lagerstätte zu verlassen. Ein qnal-
AmbroS und Joseph Höchstetter erhielten auf kaiscrl.Befehl nach geleisteter Urfehde 1514 die Freiheit.
volles Leiben , ihm selbst und seiner Umgebung zur un-erträglichen Last geworden — „er hat den Wolf gehabt",berichtet Sender — endete 1534 der Tod.
Daß die Mitbürger dem Mann, der bet seinem tiefenFalle viele der Ihrigen in das Elend stürzte, bitter zürn-ten, ist verzeihlich, und daß auch spätere Generationensein Andenken durch kein öffentliches Zeichen erhaltenwissen wollen, ist begreiflich; aber ihm, dessen Leben nichtganz ohne Verdienste war und der seine Schuld durcheine fürchterliche Buße sühnte, das Mitleid nicht zu ver-sagen, dürfte eingedenk der Worte des Dichters:
„es irrt der Mensch, so lang er strebt" —keinem Tadel begegnen.
---ss-^ss—--
Quellen und Brunnen in Beziehung zurKunst und Geschichte.*)
Von Max Fürst.
^ tNa-druck verboten.)
Glaube man ja nicht, daß ich mir den Anstrichgebe, als vermöchte ich das heute gewählte Thema auchnur annähernd zu erschöpfen. Leichter dürfte ein Brunnenauszuleeren sein, ehe ich den Stoff völlig bewältigte, dernun die Quelle unserer Unterhaltung sein soll. Michquält zunächst nur die eine Sorge, daß ich nicht denrechten Fluß in meine Darlegungen bringen, daß derBorn des nöthigen Humors mir nicht genügend sprudeln,daß ich zu viel trockenes oder seichtes, zu viel wässerigesund verschwommenes Zeug vortragen möchte.
Für alle Fälle bitte ich, doch ja keine Wasserwaagebei Prüfung meiner Darlegungen anlegen zu wollen.
Daß das Wasser LcbenSelement ist, hat man schonzu allen Zeilen gewußt und auch dankbar anerkannt.Zum Lobe des Wassers noch weiteres sagen zu wollen,hieße wirklich, dasselbe in's Wasser tragen. Ohne das-selbe gibt es ja keine menschliche Existenz, und die Ge-lehrten haben daher vollkommen Recht, wenn sie sagen,daß „der Mann im Monde" ein Unding sei, weil eseben dort niemals etwas zu trinken geben kann. Wennvöllig materielle Gesichtspunkte schon das flüssige Elementso schätzen lernen, so hat speziell die Kunst alle Ursache,dem Wasser ihre Huldigungen nie zu versagen. Entstiegdemselben doch die schönste und herrlichst gestaltete allerGöttinnen: Venus Anadyomene. Was war daher nahe-liegender und begreiflicher, als daß die Verehrer deSSchönen stets mit Vorliebe nach dem Wasser schielten,wie dieses weiland schon der schöngeistige und dennochsehr praktische Jüngling Narcissus gethan, der bei dieserGelegenheit den billigsten Spiegel kennen lernte, in demer sich leider allzu sehr selbst bewunderte, was übrigensviele in Narciß ' Jahren stehende Herren und Damenauch ohne Spiegel mühelos zu Stande bringen.
Kein Mensch, der Sinn und Verständniß für dieSchönheiten der Natur hat, wird den eigenartigen Reizverkennen, der über dem Spiegel eines frei vor unsliegenden See's oder über dem mooSumrahmten Spiegeleiner stillvrrborgencn Quelle gelagert ist. Zunächst habenQuellen immer etwas träumerisch Geheimnißvolles, undsie regen ganz besonders zu poetischem Empfinden an.Quellen spielen daher keine geringe Rolle in den Liedern
*) „Car neu als-Plauderei", gehalten am 17. Januarin der Abendversammlnng des historischen Vereins von Ober-bayern.