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der Dichter. Mit welch' sentimentalen Gefühlen habenwir in unserer Jugend nicht oft citirt: „An der Quellesaß der Knabe." Seit wir älter und nüchterner geworden,sehen wir freilich vielfach von diesem Knaben ab, indemwir wissen, daß auch alte Knaben gerne an den Quellensitzen. Um kein Mißverständniß aufkommen zu lassen,meine ich hierunter zunächst die Gelehrten, besonders dieHistoriker, die ja mit Vorliebe an den Quellen sitzen,auch wenn dieselben manchmal sehr trocken sind. Manrühmt uns da vor allem die Herren Waitz und Watten-bach, welche sich namentlich um die Zugänglichkeit deutscherQuellen sehr verdient gemacht haben. Mir obliegt hierdie ehrende Pflicht, auch eines anderen Quellenforschers,unseres bayerischen Landsmannes Jos. Beraz, zu gedenken,der, wenn er auch kein Gelehrter war, dennoch die Ge-heimarchive der Erde kannte und Quellen gefunden hat,wo sie der Verstand des Verständigsten nicht zu suchengewußt hätte. Bei Nutzbarmachung seiner Funde konnteunserem Beraz allerdings die sonst so viclvermögendeBuchdruckerpresse weniger Dienste leisten, als es zumeistdie hydraulische Presse zu thun im Stande war.
Das höchste Ansehen, sogar den Nimbus des Hei-ligen, genossen im Alterthume die Quellen größerer Flüsseund Ströme. Bei dem Streben der Alten, alle wichtigenErscheinungen zu personificiren, war es selbstverständlich,daß Hiebei auch die Quellen nicht zu kurz kamen. Indemaus den Urnen lieblicher Najadcn der Ströme Silber-schaum entsprang, wie uns noch ein späterer Dichter ver-sichert, so hatten die antiken Bildhauer Gelegenheit genug,liebliche Najadcn, Fluß- und Stromgötter in all ihrenRangstufen zur Darstellung zu bringen. In Beziehungauf plastische Personification der Ströme gilt nun merk-würdiger Weise auch das bekannte Wort: Die Erstenwerden die Letzten werden. Erst als das alte Heiden-thum mit seinen unzähligen Symbolen und Verkörper-ungen vom Strome der Zeit hinweggeschwcmmt wordenwar, fing man an, die Gestalten der vier Paradiescs-ströme, denen früher derartige Aufmerksamkeit versagt ge-blieben war, in sinniger Weise an den Sockeln christlicherTaufbecken anzubringen. Vor Kurzem ist den erwähntenvier Flüssen abermals eine plastische Ehrung, nämlichan dem Brunnen vor der neuen St. Annakirche in Mün-chen , zu Theil geworden. Geschmeichelt hat übrigens derBildhauer den Herren Phison, Gehon, Tigris und Euphrat hier schwerlich; dieselben schauen so bitter und griesgämigaus, als hätten sie in ihrem Leben niemals sonnige Ge-filde und heitere Tage gesehen. Wie heidnisch-antike Vor-stellungen mehrfach in die christliche Kunst herübergeflosscn,bezeugen am besten die alten Darstellungen der Taufe desHerrn, auf denen nicht selten der Flußgott Jordan gravi-tätisch in der Ecke sitzt, um mit den seiner Urne ent-quellenden Wellen die Füße des Täuflings zu umspülen.
Die prächtigste Personifikation, die nach meinemWissen je ein fließendes Wasser erhalten, ist dem mäch-tigen Strome Aegyptens , dem befruchtenden Nil, geworden.Die im Lraooio unovo des Vaticans befindlicheColossalfigur des genannten Stromes erstellt schon durchdie Zuthaten, welche an derselben sich zeigen. Dieamorettenartig gestalteten Kinder, die so traulich, ja fastzudringlich an und auf dem wohlwollenden Flußgotteherumkrabbeln, erinnern — modern gedacht — fast einwenig an die Herren Engländer, die bekanntlich am Nilseit Jahren mehr sich zu schaffen machen, als anderenVerehrern des werthen Stromgebietes lieb und zulässig
erscheint. Aehnlichem Liebeswerben ist in früherer Zeitja auch der Vater Rhein, der ebenfalls schon öfters bild-liche Verkörperung gefunden hat, ausgesetzt gewesen. Weil,wie männiglich bekannt, der biedere Alte Wein und Ge-sang besonders liebt, so haben gallische Sirenen schonöfters in perfider Weise ihn zum Treubruch an seinerrechtmäßig angetrauten Ehefrau Germania verleiten wollen.Das wälsche Gekose hat nun, so Gott will, glücklicherweisefür immer ein Ende, seitdem deutsche Hände — allerdingsnicht mit weichem Pastellstift — ihren ehrlichen „Sammel-vermerk" aus der linken Nheinseite gar kräftiglich an dieWälle von Metz und Straßburg geschrieben haben. Seitder Nheinstrom für Deutschland keine Grenze mehr bildet,hat bekanntlich auch die früher so viel betonte Mainlinieihre politischen Ecken und Kanten verloren. Möchte siedoch dafür als Wasserstraße im Gebiete des Handels-verkehrs jene Bedeutung gewinnen, die der mnthigebayerische Kanalvecein unentwegt anzustreben sich müht!Wenn man sieht, wie auf dem von L. Schwanthaler ent-worfenen herrlichen Kanaldenkmal, welches König Ludwig I. bei Erlangen errichten ließ, Herr Main und Frau Donau so genügsam beisammensitzen und einander so liebhaben,so darf man als guter Bayer trotzdem nicht wünschen,daß es immer so bliebe, denn es ist ja kein Geheimnißmehr, wir sehr die sonst so friedliche Ehe der Genanntenhäufig schon durch bittere Nahrungssorgcn getrübt wordenist. Nüchterne praktische Leute haben daher ganz Recht,wenn sie sagen, man solle nie Zwei zusammenheirathenlassen, wenn sie nicht das gesicherte nöthige Auskommenhaben. Uebrigcns ist bei der Anfang der 40er Jahreherrschenden kgl. bayerischen Negierungsmaxime die Ver-ehelichung von Main und Donau einer der wenigen Fällegewesen, in denen es zwei Heirathslusligen gelungen ist,ohne den Ausweis genügender Subsisienzmittel den er-betenen EheconscnS zu erhalten.
Bei den Wasserläufen und Flüssen geht es häufigähnlich wie bei den Menschen: am ungezwungensten undam wenigsten belastet sind beide Theile in ihrer Jugend.Jnsoserne haben auch die zwei reizenden marmornenSchwestern Brigach und Breg, welche im lauschigenSchloßgarten zu Donaueschingen die Donauquelle ver-sinnbildlichen, volles Anrecht, ihres schönen jugendlichenDaseins sich zu freuen. Bildhauer Reich, der Schöpferder prächtigen Quellgestalteu, hat es wohl verstanden,das träumerische Behagen dieser zarten Nymphen zu an-ziehendem Ausdrucke zu bringen. Man sieht es denbeiden Fräulein an, daß sie nicht die leiseste Ahnunghaben von all' den zuwider» Dingen, die längs desDonaulauses sich abspielen, wo nicht erst tief unten inder Türkei, sondern oft schon weiter heroben, in Cis-und Transleithanien, die Völker — wenn auch geradenicht mit Knütteln — doch mit allen parlamentarischenund unparlamentarischcn Mitteln wuchtig aufeinauder-fchlagen.
Nicht alle bedeutenden und interessanten Quellenhaben ihre künstlerische Personification gefunden. Beimancher derartigen Aufgabe hätte sich der Bildhauer ansich schwerer gethan, als etwa der Maler, welcher mitseinen Mitteln zum Beispiel den berühmten Blautopfbei Blaubeuren doch sehr leicht zu charakterisiren ver-möchte.
Im Uebrigen gilt, was von der Jugend gesagtwird, auch von der Quelle: sie schmückt sich selbst ambesten. An Heilquellen, in berühmten Bädern und der-