Ausgabe 
(28.2.1896) 17
Seite
131
 
Einzelbild herunterladen

131

gleichen Orten erfährt man am deutlichsten, wie daszuviel Gezicrtsein und Geziertthun nicht dazu beiträgt,den etwa dort nothwendigen Aufenthalt anziehend undgemüthlich zu machen. Mancher Heilsuchende hat nachsolch üblen Wahrnehmungen sein Heil thatsächlich wiederin der Flucht gesucht. Allerdings kann darob die eigent-liche Nymphe der Quelle ihre Hände in Unschuld waschen;die in ihrer Umgebung sich ergebenden Auswüchse fallenauch nicht so sehr der Kunst, sondern fast ausschließlichder großen TyrauninMode" zur Last. Diese De-spotin aus dem Gebiete der Quellen und Brunnen zuverscheuchen, dürfte kein kalter Wasserstrahl stark genug,keine Therme und kein Sprudel heiß genug erscheinen.Den berühmtesten Sauer- und Bitterbrnnnen der Weltbleibt da nichts anderes übrig, als einfach zum bösenSpiel süße Miene zu machen. Glücklicher Weise zeigtsich an den Heil- und Kurplätzen doch nicht immer einso böser Stern, als wie er im letzten Sommer in einemuntersränkischcn Bade nicht auf- sondern eingegangen ist.Wenn der vielgenannte Amerikaner aus dem Morgen-lande, der in Kissingen vom Salzwasser ordentlich ge-kostet haben soll, einigermaßen der deutschen Sprachemächtig ist, dann wird es ihm vielleicht in seinen Muße-stunden gelingen, einen bekannten Spruch etwa mitsau're Wochen, Frohn-feste" verständnißinnig zuübersetzen.-

Daß die Brunnen vielen Menschen, besonders derländlichen Jugend, so lieb und werth, erklärt sich, wennman bedenkt, wie viele Liebschaften gerade an Brunnen.ihre Anknüpfung gefunden haben. Wer kennt nicht dielieblichen Scenen von Jsaak und Nebekka, von Jakobund Rachel, welche uns die Bibel so anziehend schildert.Auch Moses , der, ob seiner wuchtigen Beziehungen zumWasser, im Mittelalter besonders gerne als Brunnenfigurgewählt worden ist, lernte seine Braut Sephora bekannt-lich an einem Brunnen kennen.

Fast keines der vielen Schäfcrspiele der Barockzeitkann der Quelle oder des Brunnens entbehren; inTheorie und Praxis, in Kunst und Leben hat Liebendender Brunnen stets als freundliches Palladium gegolten.

Es ist gewiß interessant, daß Tizian in seinem be-rühmten und vielcommcntirtcn GemäldeDie irdischeund die himmlische Liebe" feine herrlichen Gestalten aneinen Brunnen gestellt hat. Freilich kommt Hiebei mehrdas prachtvolle, reliefgeschmückte Becken als das Wasserzur Geltung, was wohl auch seinen tiefen Grund habenmag. Meistens ist den Liebenden das Wasser ja dochsehr Nebensache, wie wir einem bekannten Volrsliedeentnehmen können, in dem es heißt:

»Jetzt gang i aus Bränncle, trink aber nrt."

Trotz der angedeuteten lieblichen Bedeutung ist esan den Brunnen nicht immer so gar idyllisch und ge-müthlich zugegangen. Auch Haß und Groll haben hinund wieder an sprudelnden Wassern ihre Triumphe gefeiert.An einem Brunnen war's, wo Siegfried, der schontrinken wollte, vom grimmen Hagen die tödtliche Wundeempfing. An einem Brunnen an dem berühmtenLöwenbrunnen der Alhambra war's, wo säst dasganze Geschlecht der vielbesungenen maurischen Abeuccrragcnvon den gegnerischen Zegris hingemorbet wurde.

Bemerkenswcrlh ist es, daß man hie und da nochBrunnen trifft, die mit der Figur der Gerechtigkeit oderJustitia geziert erscheinen. Unzweifelhaft ist hier in denMeisten Fällen eine Erinnerung an die alten GerichtS-

schrannen gegeben, an jene wichtigen Amtshandlungen,die in Mitte des Schranncnplatzes, in Nähe eines Brun-nens, sich abgespielt haben. Bon dem Ernste, der Gerichts-handlungen an sich eigen ist, auch abgesehen, muß damalsschon die Person des Richters meist einen sehr furcht-erweckenden Eindruck gemacht haben, wenn dieser andersdie in einem Ncchtsbuche des 13. Jahrhunderts enthal-tene Weisung beherzigte, welche eindringlich besagte:Derlichter solle sizen als ein gricsgrimmcnder Löw, vnd sollden rechten Fuss schlagen ober den linckhen."

Ungleich gefährlicher und nachiheiliger als ein wirk-licher griesgrämiger Löwe hauste im Mittelalter mehr-mals jener verhängnißvolle Wahn, welcher beim Ausbrucheverheerender Seuchen zumeist Brunnenvergiftungwitterte, und in der Suche nach den Urhebern solch' ein-gebildeter Verbrechen nicht selten zu Gräueln führte, dieder Cultur-Historiker nur zu gerne mitSchwammd'rüber" behandeln möchte.

Es würde zu weit führen, wollten wir der vielen,durch Brunnen ausgezeichneten Stätten gedenken, welcheim Laufe der Zeiten zu berühmten Zeugen geschichtlicherEreignisse geworden sind. Nur an einige Vorkommnisseunseres Jahrhunderts möchte ich kurz erinnern:ImGarten zu Schönbronnen da liegt der König von Nom",so hat man noch lange nach dem Tode des schuldlosenSohnes eines schuldbeladenen Vaters in Deutschland singen hören.

Wir erinnern an all' die wichtigen Verhandlungenund Vorkommnisse, welche die stolzen Brunnen vonFontainebleau geschaut, als der mächtige Corse dort dieUnterwerfung Europas Plante und in dem wasscr-umrauschtm Schlosse es sich zur Lieblingsausgabe machte,die Staatsmänner und Diplomaten aller Länder rechtgründlich ein- und unterzutauchen. Es war die rächendeNemesis, daß gerade in diesem Fontainebleau schließlichauch dem Gewaltigen das Wasser an den Hals ging,indem er dort am 11. April 1814 seine Abdankungs-urkimde zu unterzeichnen hatte. Allerdings, Elba unddas Mittelmccr erwiesen sich als ungenügend, den Ge-furchtsten festzuhalten; erst das Nicsenbecken des Atlanti-schen Oceans, durch welches man den Geächteten nachdem Eiland von St. Helena führte, reichte aus, um darindie kühnen Träume und Pläne des Titanen für immerzu ersäufen.

Wie Vieles wüßten uns ferner nicht die Brunnenund springenden Wasser des Versailler Schlosses zu er-zählen.

In dem reizenden, ebenfalls an Wasserwerken reichenParke von Hellbrnnn bei Salzburg , auf welchen dervon deutschen Kaisersagen umwobene Untersberg maje-stätisch nicderschcmt, findet sich u. a. eine Grotte, in der,von kräftigem Wasserstrahl getragen, eine Krone zurHöhe schwebt.

Auch über den Wassern von Versailles hob sich am18. Januar des Jahres 1871 vor den Angcn derstaunenden Welt eine Krone die herrlich erstrahlendeKaiserkrone des neuen deutschen Reiches.

Die Wendung, die unser Vortrag genommen, hatuns ernst gestimmt. Wir fühlen eben, daß die Welt-geschichte wohl Ironie kennt, niemals aber Spaß ver-steht. Wenden wir uns von großen geschichtlichen Er-eignissen nun wieder niedlicheren Dingen zu. Wie schonerwähnt, haben die berühmtesten Bildhauer aller Zeitendem Wasser ihren künstlerischen Tribut gezollt und be-