Ausgabe 
(6.3.1896) 19
Seite
147
 
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folgen, müssen wir die Mengen Flüssigkeit bedenken, welcheein übermäßiger Trinker zu sich nimmt. Ein MünchenerBrauknecht trinkt tagsüber seine 810 Liter Bier. BeiBerufsarten, welche noch weniger solche Mengen durchstarke Arbeit zu verarbeiten im Stande sind, werden vielgeringere Quantitäten dieselben bösen Folgen haben. Gegeneinen täglichen Genuß von 34 Glas guten BiereS hatdie erfahrungsgemäße deutsche Praxis nichts einzuwenden.Das Beste ist allerdings völlige Enthaltung. Solch einTrinker nimmt also 3810 Liter Flüssigkeit zum größtenTheil in die Blutbahn auf. Aber das Herz vermag an-fangs eine solche große Last zu tragen und die entsprechendgrößere Arbeit zu leisten. Der Organismus sucht durchrasche und energische Anregung der Nierenthätigkeit sichdes unbequemen Gastes zu entledigen, und dies gelingtauch der Hauptsache nach; der kleinere Theil, namentlichdie im Bier enthaltenen Nährsubstanzen, tragen zur Zu-nahme der Leibesfülle bei, besonders auch deshalb, weilder Alkohol die innere Verbrennung, wie die Gelehrtensagen, oder den Stoffwechsel mindert; der größere Theilwird durch Nieren, Haut und Lungen ausgeschieden.

Wie aber, wenn krankhafte Veränderungen im Körpervorhanden sind und worin bestehen diese?

Die ersten Veränderungen bietet das Aussehendes unmäßigen Trinkers selbst.

. Nach einem von Professor Ebftein in Göttingcn alsbeneidenswerthes" bezeichneten Stadium der Körperfülleund Vollsaftigkeit kommt das Stadium desSchmer-bauchs," bei dem überall, namentlich in der Haut, aberauch in den übrigen Geweben, wie um das Herz herum,sich Fettschwarten ablagern; durch diese Fettschichen dringtdas Mut ungleich schwieriger und mühevoller hindurch.Dazu die tägliche, ja meist wachsende große zu bewältigendeFlüssigkeitsmenge Umstände, welche dem Herzen dieSchwierigkeiten schon genügend häufen.

Nunmehr stellt sich regelmäßig bald die Fettleberein. Die Leber besteht aus hundert- und aberhundert-taufenden von Mikroskopisch kleinen rundlichen Läppchen,durch deren jedes einzelne feinste Gefäß Verästelungenin reicher Fülle hindurchgehen. In jedem dieser Leber-läppchen setzt sich am Rande eine mikroskopische Fettschichtan, durch die also das Blut wiederum nur durch größteAnstrengung des Herzens hindurchgetrieben werden kann.Welch eine Summe neuer Widerstände, neuen Kraftbedarfsfür das Herz!

Auch die Nieren verändern sich. ES bildet sichdurch den chemischen Reiz des Alkohols und der Fluchenpassirender Flüssigkeit ein gewisser Grad von Entzündung.Wir haben in den Nieren taufende und abertausendevon sogenannten Gefäßknäueln, kleinen kapselartigen Ge-bilden, in welchen in unendlichen Verschlingungen sichdie feinsten Gefäßverästelungen ausbreiten. Diese beant-worten den ständigen Reiz wie die Haut den Schlag durchAusschwitzung von Saft und Blutzellen. Die Nieren ver-größern sich zuerst. Die Blutbahnen werden wenigerwegsam, die Abflußkanäle des Urins verlieren ihre schützendeAuskleidung, und schließlich schrumpft die Niere, wie dieNarbe nach der Wunde, und wir können uns vorstellen,wie schwer es für das Herz sein mag, statt durch weiches,fast- und kanalreiches durch ein hartes, ausgetrocknetes,wenig durchdringlicheS Gewebe das Blut und die Säftedurchzulootsen. Eine neue Quelle des Kraftaufwands fürdas schon so sehr in Anspruch genommene Herz.

Nun kommen oft noch die Lungen an die Reihe.

Der Trinker hustet viel, weil er sich häufig in rauchigerLuft aufhält, er raucht und hat viel mit SchleimabsonderungauS Lunge und Nachen zu kämpfen. Der Bronchial-katarrh bleibt schließlich dauernd bestehen. Dadurch schwilltdie Luftröhrenschleimhaut an, schließlich wird sie verdichtet,die Röhren unnachgiebig und die Lunge erweitert, da dienämliche Menge Luft wie sonst zum Bestand des Lebensaufgenommen werden muß.

Das Herz gelangt an die Grenze seines Könnens,es macht den Versuch, durch eine Verdickung seiner Wändedie erhöhte Leistung zu ermöglichen, aber allmählich, erstnach Jahresfrist erlahmt die Kraft, die Wand wird schlaff,die Höhle weit. Auch feine nächsten Anverwandten, dieBlutgefäße, entarten durch den Reiz des Alkohols unddie größere Arbeit. Zuerst dehnbar wie Gummi, werdensie dicker, härter, es bilden sich an ihrer InnenflächeGeschwüre, in diese fetzt sich Kalk ab, ebenso wie in dieübrige Wandung die Kalkadern treten auf. Die Herz-thätigkeit ist ihrer treucsten Stützen beraubt. Es ent-artet und erschlafft. Der Rest ist Schweigen und sei nurgekennzeichnet durch Athemnoth, Wassersucht, Schlagfluß.

Vor mir liegt ein solches Herz; es hat die dreifacheGröße des daneben liegenden normalen, ist weitbauchigund schlaff geworden und hat in der Blüthe der Jahreaufhören müssen, zu existieren das arme, zu Todegepeitschte Herz!

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Genie und Wahnsinn.

Eine Anekdote.

Bei Besprechung eines in Paris erschienenen BucheS,worin die Behauptung aufgestellt wird, daß das Talent,das Genie und die hohen Geisteseigenschastcn, durch diesich manche Menschen auszeichnen, nichts weiter als dieFolgen eines krankhaften Zustandes oder mit anderenWorten Symptome einer Gristeszerrüttung seien und dem-zufolge alle großen Monarchen, Schriftsteller, Komponisten,Maler rc. zu den Irren gezählt werden, theilt der Corre-spondcrit eines Pariser Blattes die folgende Anekdote mit:

Mein theurer Herr," bat ich eines Abends denDoktor Esquirol, als wir zusammen speisten,sagen Siemir doch, welches sind die pathologischen Kennzeichen derGeistcszerrüttung?"

Zum Kuckuck, mein Lieber," erwiederte er,Siestellen da an mich ganz unerwartet eine sehr schwereFrage. Nun, ich muß Ihnen antworten; ich werde esaber erst übermorgen thun, und zwar nur unter der Be-dingung, daß Sie mit mir bei dem Direktor des Ge-snndhcitslMi'es in Charenton frühstücken."

Zwei Tage später, morgens 9 Uhr, hielt der Wagendes Doktors Esquirol vor meiner Thür. Ich nahm auseiner Seite Platz, und kurz nachher kamen wir in demberühmten und traurigen Irrenhause an, wo wir vondem damaligen Direktor, Herrn de Maupas, empfangenwurden, der uns in einen Salon sührte, worin sich be-reits zwei Gäste befanden.

Der erste war ein junger, kleiner, wohlgenährterMann mit schwarzen, feurigen Augen und einem große»Munde. Er eilte dem Doktor Esquirol freudig undlärmend entgegen. Die zweite Persönlichkeit, reifernAlters und mit einem sehr vornehmet! Aeußern, erwiederteden Gruß, welchen der Doktor an ihn richtete, sehr kalt.

Herr von Maupas stellte seine Gäste einander vor.Der ältere Herr hieß Herr de Sanniäres, der jüngere