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1896 .
„Augsburger PostMung".
Dinstag, den 10. März
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Litterarischen Instituts von Haas <L Grabdcrr in Augsburg lVorbesttzer Dr. Max Huttlcr).
Die Astrologen.
Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges.
Von Max Benno.
(Fortsetzung.)
14 .
Die Sonne stieg empor und beleuchtete die Ba-stionen und Wälle von Eger, als das schweißtriefendePferd des Hauptmanns Selkow die Festung erreichte.Der junge Mann glaubte Trommelschlag und verworre-nes Getöse zu hören; sein Herz zog sich krampfhaft zu-sammen. Als er am Festungsthor während der Prü-fung seiner Legitimation die verstörten Gesichter der Sol-daten erblickte, und als das Antlitz Butler's, den er inBegleitung eines andern Offiziers am Thore traf, beiEmpfangnahme der Ordre Piccolomini's tiefe Bestürz-ung verrieth, da wußte er seine schlimmste Ahnung er-füllt: er kam zu spät l
„Zu spät!" tönte es als Echo von Butler's blut-losen Lippen. „Piccolomini's Befehl wurde vollzogen;der Herzog ist todt!"
Georg war wie vom Schlage gerührt. Er sah garnicht, was um ihn vorging, sonst wäre ihm sicher dasBenehmen des zweiten Offiziers aufgefallen, der, als erihm sein Antlitz zukehrte, mit einem Ausruf des Ent-setzens zurückprallte und sich erbleichend abwandte.
Endlich löste sich der schreckliche Bann. Sich ge-waltsam fassend, rief Georg: „Befehl? Wer wagt davonzu sprechen?"
„Es ist so", erwiderte Butler. „Der Generalselbst ließ mir durch Patricius Taaffe entbieten, denHerzog todt oder lebendig in seine Hände zu liefern.Wenn Ihr es verlangt, rufe ich dessen Zeugen herbei!"
Georg schwindelte es; er mußte sich halten, umnicht aus dem Sattel zu sinken. Er weinte fast vorSchmerz und Zorn. „Warum habt Ihr das Unerhörtevollbracht?" rief er. „Das Leben eines Mannes geopfert,der so Großes für die Sache des Kaisers gethan undderselben nicht mehr zu schaden vermocht hätte!"
„Ihr irrt Euch", erwiderte der Oberst. „DieSchweden sind nur einen Tagmarsch entfernt, und einneues Wallenstein'sches Heer ..."
„Es ist nicht wahr", fiel ihm der Hauptmann in'sWort. „Ich weiß aus Piccolomini's eigenem Munde,daß Eger in einem weiten Kreis durch die Kaiserlichenumringt und weder für Schweden noch Sachsen zugäng-
lich ist. Ihr habt Eure Hände ohne Noth in das Blutdes Herzogs getaucht."
„Aber Leßlie sagte uns doch ..."
„Ha, Leßlie!" rief Georg mit donnernder Stimme.„Dieser heimtückische Schurke! Nun verstehe ich alles!Er wollte zur Befriedigung seiner Rache Wallenstein's Tod und hat Euere Leichtgläubigkeit zum Vollzug desMordes benutzt!"
„Unmöglich!" erwiderte Butler. „Mit eigenenOhren vernahm ich, wie Wallenstein's Freunde den Ein-marsch der Schweden auf den heutigen oder doch ganzbestimmt auf den morgigen Tag voraussagten; es warsomit die höchste Gefahr im Verzug!"
„Wenn dies wahr ist, seid ihr Alle getäuscht wor-den; es ist ein weiteres Bubenstück Leßlie's, der durchirgend eine Teufelei auch Wollenstem hinterging, umEuch durch dessen Zuversicht für den schwarzen Plan zugewinnen, was ihm nur zu gut gelang. Doch, wo istder Herzog?"
„Folgt mir", antwortete Butler, dem sich das Be-wußtsein der Verantwortlichkeit für die furchtbare Thatwie eine Bergeslast auf das Gemüth legte. Schweigendschritt er auf dem Wege, der nach der Citadelle hinauf-führte, neben Georg einher.
Donald-Devereux, Butler's Begleiter auf dem frühenMorgen-Rundgang, hatte sich von seinem Schrecken wie-der erholt. Er schaute den Beiden nach, bis das nächsteEckhaus sie verbarg.
„Stehen denn die Todten wieder auf", murmelteer, „oder ist es ein Blendwerk der Hölle? Lag der Ver-haßte nicht in seinem Blute vor mir? Und doch wardies Georg Selkow, frisch und gesund; meine Augentäuschten mich nicht." In Gedanken vertieft ging erdie Straße entlang, da kam der Lieutenant MartinKametsch rasch auf ihn zu.
„Hast Du schon gehört", raunte dieser ihm nacheiner flüchtigen Begrüßung in das Ohr, „wie man EuereTreue gegen Kaiser und Reich lohnen will? Selkow hatein eigenhändiges Schreiben Piccolomini's gebracht, worinDein Onkel Kordon und Butler für die Sicherheit derPerson Wallenstein's verantwortlich gemacht sind."
„Wirklich? höhnte Devereux mit rohem Lachen;„hätte doch der General sich diese Mühe erspart! Er istvor dem Friedländer so sicher, als man es nur voreinem todten Feinde sein kann. Uebrigens wäre mirder schlaue Italiener in der That nicht zu gut, um den