Ausgabe 
(10.3.1896) 20
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von ihm eingerührten Brei durch Andere auslöffeln zulassen. Doch so weit kommt es wohl nicht, sonst sprechenwir auch noch ein Wort. Höre, Martin", fuhr er fort,als der Lieutenat nichts entgegnete,ich habe da ebeneine seltsame Entdeckung gemacht. Unter den Friedlän-dischen Offizieren, welche heute Nacht in's Jenseits be-fördert worden sind, ist einer gewesen, der die LarveGeorg Sclkow's entlehnt haben muß. Ich stieß denKerl nieder und glaubte mir den Rivalen für immervom Halse geschafft, und jetzt erscheint dieser Selkow hochzu Roß leibhaftig und jagt mir einen Schrecken ein, daßich eine Gänsehaut über den ganzen Körper bekam. Lösemir das Räthsel, Dir waren die Herren ja persönlichbekannt."

Martin lachte.Du hast den Hauptmann ohneZweifel mit dem Rittmeister Neumann verwechselt", er-widerte er,dessen Ähnlichkeit mit Georg in der Thatsehr auffallend war."

Warum lief er mir in den Weg?" fiel Devereuxihm zornig in's Wort.Ohne sein fatales Gesicht hätteder Bursche sich richtig gerettet. Doch komm', Freund,ich muß mir den Doppelgänger etwas näher betrachten,damit mich zum zweitenmal nicht wieder eine Ähnlich-keit täuscht."

Die Beiden schlugen den gleichen Weg ein, denGeorg und Butler zurückgelegt hatten. Nach kurzerWanderung erreichten sie die Citadelle. Sie betraten dieHalle, in welcher man die Ermordeten aufgebahrt hatte,und zogen sich, um ungesehen beobachten zu können, hin-ter eine Säulenreihe zurück.

Georg, der nach Unterbringung seines Pferdes kaumdie Zeit zu einem raschen Frühstück sich genommen, be-fand sich schon seit einigen Minuten daselbst.

Ein tiefes Weh, ein schneidender Schmerz fülltesein Herz, als er die blutigen Leichen sah. Hervor-ragende Männer, die, wenn auch Ehrgeiz und Leiden-schaft sie auf Abwege geführt, doch so manches Großegewirkt hatten, gemordet in der Blüthe der Jahre!

Butler war, als ob er die Nähe der Opfer scheute,nicht in das Gewölbe getreten, und Georg glaubte sichan der schauerlichen Stätte allein. Da vernahm er vonder Seite her ein heftiges Schluchzen. Aufblickend ge-wahrte er zwei schwarz gekleidete Frauengestalten, welche,durch einen vorspringenden Pfeiler halb verdeckt, nebender Leiche Wallenstein's knieten. Er trat näher; dieEine scblug die Augen empor: es war Jsabella, die Ge-mahlin des Herzogs, die Andere ihre Tochter Maria.

Die Herzogin hatte den Getreuen erkannt und er-hob sich. Mit geisterhaftem Blick wankte sie auf ihnzu.Georg, Georg", stöhnte die vor Schmerz fast wahn-sinnige Frau,welches Wiedersehen! O schützt mich undmein armes Kind, sonst morden die Unmenschen auchuns!" Sie stützte sich auf seinen Arm und brach auf'sneue in herzzerreißendes Wehklagen aus.

Es gibt einen Schmerz, der, gemeinsam empfunden,die gesellschaftliche Kluft zwischen den verschiedenen Stän-den ausfüllt. Wenn die Hand des Todes den Schleierzerreißt, dann ist der Hohe wie der Niedrige nur Mensch.Georg drückte die hohe Dame wie eine Mutter an's Herzund suchte sie zu trösten. Er dachte in diesem Augen-blicke nicht mehr an die Herzogin, sondern nur an dasgramverzehrte, gebrochene Weib. Fast mit Gewalt führteer die Damen weg von der Stätte des Grauens.

Jsabella wurde allmälig ruhiger und hörte auf den

Bericht des jungen Hauptmannes über seinen Argwohngegen Leßlie, seine grenzenlose Angst und den verzweif-lungsvollen und doch vergeblichen Ritt. Er benachrich-tigte sie auch, um ihren Gedanken eine weniger peinlicheRichtung zu geben, von der Instandsetzung des SchlossesGroßmeseritsch und rieth ihr, dort im Kreise treuer Un-tergebenen den Wohnsitz zu nehmen, um Frieden undVergessenheit zu finden nach den Tagen der Qual.

Und Ihr?" fragte die Herzogin.

Ich will Euch schützen, hohe Frau", betheuerteGeorg mit leuchtendem Blick;mein Leben, Gut undBlut gehört Euch. Niemals werde ich vergessen, daßmich, wenn auch ohne meinen Willen, ein Theil derSchuld an des Herzogs Loos trifft. Im Felde habeich nichts mehr zu suchen. Die Laufbahn des Herrn,für deren Dauer ich mich zum Dienst im Heere ver-pflichtet, ist abgelaufen; allerdings anders als wir ge-hofft. Ich kehre heim", schloß er mit dem Tone einesfesten Entschlusses,und will versuchen, die Schatten,welche auf meinen Lebensweg fielen, durch treue undredliche Arbeit in Eucrm Dienste zu bannen!"

Thut das", sagte die Herzogin gütig;wir folgenbald nach, um in der stillen Einsamkeit den Himmel zubitten, daß er uns wieder seine Gnade und Barmherzig-keit schenke. Wir wollen büßen und beten, daß Gott sich der armen Seele meines unglücklichen Gatten er-barme, den er so plötzlich und unvorbereitet vor seinAngesicht rief. O hätte Albrecht doch jene WarnungKepler's richtig gedeutet und auf meine Bitten gehört!In Großmeseritsch schon wurde ich durch seine seltsamenReden erschreckt; doch ich glaubte nicht im Ernst, daßer einer Untreue gegen die Kaiserliche Majestät fähigsei. In den Räumen, wo er jene unseligen Entschlüssegefaßt hat, will ich für ihn Buße thun. Vorerst habeich noch Vieles zu ordnen und gehe zum Vater nachWien . Vielleicht komme ich, ehe der Herbst die waldigenHöhen an der Oslawa färbt. Lebt wohl, auf Wie-dersehen !"

Die Herzogin und Maria reichten dem jungen Mannedie Hände. Er drückte sie innig.

Nachdem die Damen sich entfernt hatten, wichenSchmerz und Rührung in Georg's Seele einem andernGefühl. Ein wilder Grimm regte sich in ihm gegen denMann, dessen unversöhnliche Leidenschaft nach seiner festenUeberzeugung die Hauptschuld an dem blutigen Ereig-nisse trug. Leßlie sollte sich seines Triumphes nichtlange freuen. Mit Rachegedanken beschäftigt, verließGeorg die Citadelle und schritt der Stadt zu. Er be-merkte nicht, wie eine Frauengestalt ihm entgegenkam.Erst als diese unmittelbar vor ihm stand und einen Ruffreudiger Ueberraschung ausfliest, fuhr er aus seinenfinstern Gedanken empor. Sein Blick fiel auf Marion'sliebliche Züge, über welche der Widerschein hoher Freudesich ergoß.

Marion", rief Georg erstaunt,Euch finde ichhier an diesem schrecklichen Ort?"

Marion's Augen hingen mit einem unbeschreiblichenAusdruck an ihm.O Gott", seufzte sie,mir ahnte,daß aus der bösen Saat nie eine gute Frucht aufkeimenwerde; an ein solch' gräßliches Ende aber dachte ichnicht. Wie danke ich dem Himmel", fuhr sie leiden-schaftlich fort und ergriff Georg's Hand,daß er Euchgnädig beschützte. Auch Ihr schwebtet in großer Gefahr,die vielleicht noch nicht abgewandt ist, und mir war es