dürfen, daß der Zwischenfall abgethan sei. War dochder Tod Donald's, in dessen Kopf zweifellos der Planzu dem Attentate entstanden und der den Lieutenant nurals Handlanger benutzt hatte, ohnehin eine schwere Sühnefür die aus Leidenschaft und Verblendung entsprungene,That. Umsomehr mußte es ihn befremden, als er er-fuhr, daß der gefangene Genosse des Erster» zum Todedurch den Strang verurtheilt worden sei und der Voll-zug dieser Strafe unmittelbar bevorstehe. Man gingdabei mit der größten Heimlichkeit und Eile zu Werk.In weitem Kreisen, aus welchen Georg zufällig dieNachricht geschöpft hatte, war nicht einmal der Name desOpfers bekannt.
Georg begriff nicht, warum ihm durch Gordon vonalledem gar nichts gesagt worden war. Schnell ent-schlossen eilte er zu dem Commandanten, um kein Mittelunversucht zu lassen, das die Aufhebung des Urtheilsversprach.
Mit verlegenem Achselzucken hörte Gordon ihn an.„Ich habe gern bemerkt", erklärte er, „daß Ihr keineGenugthuung für die erlittene Unbill verlangt. Aberes mußte ein Exempel statutrt werden; denn es handeltesich nicht nur um den Angriff auf Euch, vielmehr wur-den durch die Hand des Lieutenants Kametsch zwei Sol-daten getödtet und einer gefährlich verletzt; ich habe ihnweder zu schonen noch zu retten vermocht, und jetzt ist'szu spät: soeben ging die Ordonnanz von mir, welche dieMeldung vom Vollzug des Urtheils brachte.
Tief erschüttert kehrte Georg in seine Wohnungzurück. —
Georg befand sich noch keine Stunde in seinerWohnung, als ein Bote von Elsbeth erschien mit derBitte, Georg möchte ohne Verzug in die Herberge kom-men. Er wurde durch die Alte vor der Thüre em-pfangen. Unter Thränen theilte diese ihm mit, daß derZustand Marion's fast hoffnungslos sei. Er eilte dieTreppe hinauf, und ein einziger Blick in das Antlitzder Kranken gab ihm die Ueberzeugung, daß die Be-fürchtung gerechtfertigt war. Mit einem matten Lächelnreichte Marion ihm die Hand. „Wie danke ich Euch",flüsterte sie, „daß Ihr kommt! Nun sterbe ich gern."
Georg suchte vergeblich die Kranke auf andere Ge-danken zu bringen. Sie bewegte in stiller Ergebungdas Haupt.
„Ich fühle es", sagte sie, „wieder Tod zu meinemHerzen heraufzieht. Doch es ist gut so; ich lasse Euchfroh und glücklich zurück!" Sie schaute mit einem Blickvoll Liebe auf ihn. „Vernehmet das Bekenntniß einerSterbenden", fuhr sie dann, sich ein wenig emporrich-tend, fort, „der Euere Gegenwart die letzte Stunde ver-süßt. Was unter andern Verhältnissen wohl nie übermeine Lippen gekommen wäre, erfahret Ihr heute: ichliebte Euch fast vom ersten Augenblick an, und diesesGefühl hat meinem Leben den Stempel eines, wenn auchnur kurzen Glückes aufgedrückt. Ich kann Euch nichtalles so sagen, wie ich gern möchte; die Kraft fehlt mirdazu. Doch das sollt Ihr wissen: durch die Liebe zuEuch bekam mein Dasein erst einen Zweck. Um meinemarmen Vater ein hartes Loos zu ersparen, habe ich michgleichsam in die Gewalt meines Onkels verkauft. Ichwar ihm, da er nichts Böses verlangte, anfangs zuPillen, ohne mich um sein Thun zu bekümmern. Wirhielten uns eine Zeit lang in München und Wien auf,nachher an mehreren protestantischen Höfen und zuletzt
in Dresden , von wo wir nach Großmeseritsch kamen.Mein Onkel unterhielt überall einen regen Verkehr. InGroßmeseritsch bemerkte ich, daß er Euch für seine Plänezu gewinnen versuchte. Nun bekamen diese ein Interessefür mich. Ich forschte nach und erfuhr gerade genug,um ihm zu erklären, daß er dabei auf meine Unter-stützung nicht zählen dürfe. Er stand davon ab. Spä-ter hat er seine Absicht mit einem Andern, den er indie unmittelbare Umgebung des Herzogs zu bringenwußte, erreicht: mit Fritz Donald, welchem eine hervor-ragende Rolle in den geheimen Umtrieben zugetheilt war.Mein Oheim ist französischer Agent. Er wußte sicheinen umfassenden Einblick in die Geheimnisse aller Par-teien zu verschaffen und beutete diese, den Einen gegenden Andern benutzend, zu seinem Zweck aus. Kaiser-liche Räthe, schwedische und sächsische Befehlshaber, jader Astrologe Seni selbst haben mit ihm in Verbindunggestanden und in der Akrobatenbude verkehrt. KeinWunder, wenn man in Paris über die wahre Sachlagein Deutschland stets viel besser unterrichtet war als inMünchen, DreSden und Wien . Dazwischen spielten sichjedoch auch Privatränke ab. Donald erwartete als Lohnfür seine Dienste meine Hand, und mein Onkel hattesie ihm zugesagt, während ich ihn verabscheute. AusRücksicht für meinen Vater, dessen Existenz in dem Be-lieben Leferrier's lag, mußte ich jedoch vorsichtig sein.Ich that das Möglichste, verstand mich aber auf dieVerstellungskunst nicht gut genug, um zu verhindern,daß Donald errieth, wie es in meinem Herzen aussah.Deßhalb haßte er Euch. Er verbündete sich mit einemandern Offizier, der ebenfalls einen bittern Groll gegenEuch hegte, zu einem Kampf auf Leben und Tod. EinZufall machte mich mit ihren Anschlägen bekannt. MeinHerz gebot mir, über Euch zu wachen. Ich habe esnach Kräften gethan. Ihr solltet aber Euere Feindeauch selbst kennen lernen. Um dies zu bewirken, batich Euch in Pilsen zu mir. Ihr kamt nicht, und ichkonnte nicht auf Euch warten; denn mein Onkel kehrteplötzlich zurück und führte uns weiter nach Prag . DieSorge um Euch rieb mich fast auf. Da traf ich Euchhier, und nun ist meine Absicht erreicht: Ihr seid außerGefahr, und die Ruchlosen hat, wie mir Elsbeth sagte,das Schicksal ereilt!"
„Ja", erwiderte er, „sie wurden Beide furchtbargestraft, und bei dem Einen ist überdies noch die Prophe-zeiung mit grauenvoller Ironie in Erfüllung gegangen,die er von Euch einst bezüglich seiner Zukunft bekam:vor wenigen Stunden wurde er zum Galgen geführt."
„Möge der Unglückliche einen gnädigen Richter fin-den", flüsterte daS Mädchen und fügte dann mit weh-müthigem Ernste hinzu: „Der Scherz, welchen ich wirdamals in Großmeseritsch mit den ohne Wahl und Ab-sicht aus einem französischen Buche entnommenen VerS-chen erlaubte, trug jedenfalls keine Schuld, weder anEuerm Glück noch an des Andern Schmach. Es gibteine gerechte Vergeltung."
Eine fahle Blässe überzog plötzlich ihr Antlitz. Miteinem Seufzer sank sie in die Kissen zurück. Die Auf-regung hatte die Katastrophe beschleunigt. Noch einenletzten langen Blick warf sie auf Georg, dann schloffensich die schönen Augen für immer.
Die langsam verglühenden Strahlen der Abendsonnefielen durch die bleigefaßten Scheiben auf Marion'S nochim Tode liebliche Züge.