Ausgabe 
(13.3.1896) 21
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Als der Hauptmann in das Quartier zurückkam,fand er ein Schreiben von Piccolomini , worin dieser ihmmittheilte, daß eine wichtige Angelegenheit ihn schleunigstnach Wien gerufen habe. Er beklagte das erschütterndeDrama in Eger, welches, trotz der Absicht es zu verhin-dern, nun wohl ihm von der Welt zur Last gelegt werde.Gleichzeitig wurde dem jungen Manne ein unbeschränk-ter Urlaub ertheilt.

Die letztere Vergünstigung war Balsam für Georg'swundes Gemüth. Keinen Tag länger mochte er inner-halb der Mauern Eger'S mit ihren blutigen Erinner-ungen bleiben. Selbst die bevorstehende BestattungMarion's hielt ihn nicht auf.Fort, fort in die Het-math", riefen tausend Stimmen in ihm, und er folgteihrer Mahnung ohne Verzug, um, wenn auch nicht zuvergessen, so doch vielleicht zu verwinden, was ihm hierso weh gethan.

Als er am folgenden Morgen die Thore der Stadtpassirt hatte, begegnete ihm ein halb geschlossener Wagen,in dem sich neben dem Akrobaten Leferrier der AstrologeSeni befand. Wenn er je noch an Marion's Mittheil-ungen gezweifelt, durch diesen Anblick wurde der letzteNest des Zweifels zerstört. Der Vertraute des Herzogsvon Frtedland hatte für seine Kunst schnell einen neuenWirkungskreis zu finden gewußt.

15.

Der Frühling hielt seinen Einzug tn's Land. Schonseit Wochen schallte das tausendstimmige Concert dergefiederten Sänger durch den Buchenwald , der früherals sonst sein Auferstehungsfest feierte und sich über denlustig zu Thal rauschenden Wtldbächen mit duftendemGrün zu schmücken begann. In Stadt und Burg Groß-meseritsch herrschte ein reges Leben. Das vollständigerneuerte Schloß prangte im Festschmuck, und vom Thor-weg bis hinunter zur Kirche war die ganze Straße mitBlumen bestreut. Heute, nachdem etwas über ein Jahrseit dem Tode des Herzogs verflossen, gedachte der Schloß-hauptmann Georg Selkow die Braut heimzuführen.

Jsabella, die Wittwe Wallenstein's, hatte schon seiteiniger Zeit Großmeseritsch zum bleibenden Wohnsitz ge-wählt, den sie jährlich nur einmal zum Besuch ihrerTochter Maria, die in Wien beim Großvater erzogenwurde, auf einige Wochen verließ. Die alte Leibdienerinwar vor einem halben Jahre gestorben, und seitdem be-fand sich Magdalena bei ihr. Sie hatte auch, als wäredas Mädchen ihre eigene Tochter gewesen, für eine reicheAussteuer gesorgt.

In dem Gemüthe Georg's waren die peinlichen Bil-der der Vergangenheit allmülig verblaßt. Auch ein Zu-sammentreffen mit dem Schloßvogt und dessen Frau bliebihm erspart. Martin's Vater hatte wenige Tage vorseiner Ankunft in Großmeseritsch das Zeitliche gesegnetund sein Weib bei einer in Prag lebenden Schwestereine Heimath für den Lebensabend gesucht. Nur Einesbeunruhigte Georg noch: das Geheimniß, welches ihmvon Leßlie bezüglich Magdalenens anvertraut wordenwar. Mehr als einmal schon hatte er sich gefragt, ober nicht wenigstens den Pater Vincenz einweihen solle;allein er erinnerte sich des gegebenen Wortes, an dessenZurücknahme er bei der letzten Begegnung mit dem Oberst-wachtmeister in seiner Aufregung nicht gedacht hatte, undschwieg. Ob auch Leßlie den übernommene» Verpflichtungen nachkam? Er hoffte es, wenn auch der Cha-rakter jenes Mannes keine sichere Gewähr hierfür gab.

Am Morgen der Hochzeitstages befanden sich indem zum prächtigen Gemach umgeschaffenen ehemaligenZimmer der verstorbenen Base Georg Selkow und dessenBraut, Pater Vincenz und die Herzogin Jsabella.

Eine besondere Veranlassung hatte sie zusammen-geführt. Es war ein Bote von Wien mit einem ver-siegelten Schreiben gekommen, das nach einer ausdrück-lichen Bestimmung auf dem Couvert vor den genanntenPersonen geöffnet und allen vollinhaltlich bekannt ge-macht werden sollte. In gespannter Erwartung blickteman auf den Pater Vincenz, der es erbrach. AußerGeorg, welcher die Bedeutung der Botschaft errieth, be-saß Niemand auch nur eine Ahnung von dem Inhalt.

Pater Vincenz hatte das Siegel gelöst, und zweizusammengefaltete Schriftstücke fielen auf den Tisch; daseine war der Taufschein Magdalenens mit einem ange-hefteten Schreiben der verstorbenen Gräfin, welches denEnthüllungen Leßlie's in Allem die vollste Bestätigunggab; das andere ein Brief des Oberstwachtmeisters, worinJener mittheilte, daß er seiner Aufgabe nicht mehr inihrem ganzen Umfange gerecht werden könne; denn derVertrauensmann, bei welchem Magdalenens Erbe hinter-legt worden sei, habe seitdem fallirt und das Weite ge-sucht. Diese Einbuße fiel für die Brautleute in ihrerFreude über den wettern Inhalt des Briefes kaum in'sGewicht. Sie fühlten sich so glücklich, daß ihnen daSverlorene Vermögen geradezu als ein willkommenes Opfererschien. Ueberdies war für ihr Auskommen durch Georg'sStellung und die Güte der Herrin mehr als genügend gesorgt.

Die Herzogin wurde durch die unerwartete Ent-hüllung mit hoher Freude erfüllt. Sie zog das Mäd-chen zärtlich an die Brust.Seit ich Dich kenne", sagtesie,hast Du meinem Herzen nahe gestanden; nun be-grüße ich Dich als meine Tochter. Fürderhin sollenmeine Liebe und Sorgfalt zwischen Maria und Dtr ge-theilt sein."

Dann führte sie die Jungfrau dem Bräutigam zu.Die Mittheilung", fuhr sie fort,welche uns heute zu-kam, kommt mir vor wie ein Gruß aus dem Jenseitsvon der Heimgegangenen Mutter, die an dem bedeutungs-vollen Feste ihres Kindes gedacht hat. Es ist ihr Segen,und der Segen einer Mutter ist einHochzettsgeschenk, wieich kein besseres zu nennen vermag. Möge der HimmelEuch jenes Glück schenken, das die unglückliche Frauvergeblich suchte!"

Drei Stunden später legte Pater Vincenz die HändeGeorg's und Magdalenen's zusammen und flehte dieGnade des Himmels auf ihren Lebensweg herab.

Lange schaltete Georg Selkow an der Seite seinertreuen Magdalene als Schloßhauptmann auf Großmese-ritsch. Das Glück und der Friede hatten endlich da-selbst ihr Heim aufgeschlagen. Geliebt und verehrt be-wegte sich die schwergeprüfte Herzogin in ihrer Mitteund setzte sich in den Herzen der Armen und Krankender ganzen Gegend ein bleibendes Denkmal.

Pater Vincenz erlebte noch daS Ende des dreißig-jährigen Krieges. Nur wenige Wochen nach Veröffent-lichung der FricdenSbestimmungen schloffen sich die Augendes fast neunzigjährigen Greises. Er starb, wie er ge-lebt hatte, als ein Apostel der Liebe. Ein Lächelnschwebte um den welken Mund, und das bleiche Antlitzwar von dem Hauche jenes heiligen Friedens verklärt,den der Herr über Leben und Tod auch den sterblichenHüllen der Gerechten verleiht.