Ausgabe 
(17.3.1896) 22
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15,000 Mann theilgenommen, die unter dem Ober-befehle des Generals Baratteri standen. Der vierfachüberlegene Feind zwang die Italiener zu solch vollstän-diger Deroute, daß diese u. a. ihre gesammten Gebtrgs-batterien mit 60 Kanonen im Stiche lassen mußten.Gleich nachdem diese abermalige italienische Niederlagein Rom bekannt wurde, nahm das Ministerium Crisptseine Entlassung, und am 10. März trat ein neuesMinisterium unter dem Vorsitz des Marchese Rudini zu-sammen. Das Colonialprogramm Rudini's lautet: Aufrecht-haltung des afrikanischen Besitzstandes von 1891 undZurückziehung der Truppen auf das Dreieck Massaua ,Keren, Asmara , Anknüpfung guter Beziehungen zu allenabessynischen Häuptlingen, um einen durch den andernin Schach zu halten, Verzicht auf den Vertrag vonUtschalli, ehrenvoller Frieden mit Menelik.

Da auch die italienische Bevölkerung von einerFortsetzung des unseligen Kolonialkrieges nichts wissenwill, so steht zu hoffen, daß weiterem unnützen Blutver-gießen in Afrika ein Ende gemacht wird.

Zu unseren BildernFritjof Nansen , der Uordlandfahrer.

Aus den Eisfeldern Sibiriens kam in den letzten Wochendie Kunde, daß es dem kühnen Norweger Fritjof Nansen gelungen wäre, das Ziel, für das schon so viele Tapfereihr Leben gelassen, zu erreichen: der Nordpol wäre den Sterb-lichen nickt mehr unbekannt. Leider ist die Nachricht noch heuteohne Bestätigung, Nansen selbst ist noch fern von jedem Kultur-land, aber daß er Botschaft vorausgesandt haben kann vonseinem großen Erfolge, das wagt niemand ernstlich zu bestrei-ten. Ist die Meldung richtig, so hat der tapfere Mann injungen Jahren Höchstes erreicht. Nansen steht heute in derBlüthe seiner Kraft. Er ist am 10. Oktober 1861 in der Nähevon Christian« geboren. Nachdem er in den Jahren 1880 und1881 seine Universitätsstudien erledigt hatte, machte er imSommer 1882 auf dem Seehundsfänger Viking seine erste Reiseins Eismeer. Dann übernahm er das Amt des Konservatorsam zoologischen Museum in Bergen. Aber es duldete denThatenlustigen nicht bei seiner stillen bürgerlichen Beschäftigung.Er faßte den Plan, zu vollbringen, was noch niemand vorihm gelang. So zog er im Mai 1888 mit fünf Gefährtenaus, Grönland zu durchqueren. Nach mancherlei Irrfahrtenan der durch das Eis versperrten Ostküste begann am 15. Augustvom Gyldenlövefjörd aus die Wanderung mit fünf Schlitten,und am 16. September erreichte sie bei Godthaab an der West-küste ihr Ende. Wohlbehalten hatte man die 490 Kilometerzurückgelegt, dabei Höhen von 3000 Meter überstiegen undTemperaturen von 50 Grad Celsius beobachtet. Mit einemSchlage stand Nansen in der ersten Reihe der Nordlandfah- er.So wunderte sich niemand, als er einige Jahre später miteinem ganz neuen Plane, an den Nordpol zu gelangen, hervor-trat. Er wollte sich von Neusibirien aus nördlich wenden, umden großen Eisstrom zu erreichen, der nach seiner Meinungvon dort über den Pol hinweg nach der Ostküste Grönlands treibt. Von diesem wollte er sich einschließen und mitführenlassen, die Naturkräfte klüglich benützend, statt gegen sie anzu-kämpfen. Am 24. Juni 1893 verließ er auf dem zu diesem Zweckeigens gebauten SchiffFram" Christiania in Begleitung vonvierzehn Gefährten und mit einer auf fünf Jahre berechnetenAusrüstung an Nahrungsmitteln. Bis Chabarowa an derJugor'schen Straße, der letzten europäischen Station, wo Nansen eine Anzahl für die Expedition nothwendiger Hunde an Bordnahm, begleitete ihn sein Sekretär Christofersen. Dieser sahihn am 3. August 1893 in das karische Meer Hinaussegeln, am20. bat man ihn dort noch erblickt, und seitdem ist keinerleiNachricht über den weiteren Verlauf und das Schicksal der Ex-pedition nach Europa gelangt. Im August 1893 waren nachden Aussagen von Robbenfängern die Eisverhältnisse NansensVorhaben sehr günstig. Was ihm dann weiter zugestoßen ist,kann man allerdings nur vermuthen. Daß Nansen schon jetztzurückzuerwarten sei, hat er selbst nicht in Aussicht gestellt, viel-mehr die Dauer seiner Expedition auf vier bis fünf Jahre be-messen. Allein eS ist wohl denkbar, daß er die Fahrt zum Nordpol in kürzerer Zeit zurückgelegt hat, als er selbst in Aussicht nahm.

Andererseits ist es auch möglich, daß er auf Hindernisse ge-stoßen ist und ein großes, weitausgedehntes Land angetroffenhat, das er nicht umschiffen konnte und das ihn zur Rückkehrzwang. Wer weiß es?I Jedenfalls aber wünscht alle Welt demunermüdlichen Forscher den schönsten Lohn für seinen stolzenWagemuth. _

Die größte Drauerei der Weil.

Im Bereiche der Pabst'schen Brauerei zu Milwaukee ^stehtnoch das wahrhaft liliputanische Holzhäuschen, in dem JakobBest, der Begründer des Unternehmens, wohnte. Damals, 1844,zählte Chicago 5000 Einwohner, Milwaukee kaum halb so viele,so daß für's erste 200300 Barrels Bier jährlich für den to-talen Bedarf genügten. Mit der Stadt wuchs auch die Brauerei,und der Inhaber hatte bereits einen Jahresumsatz von 11,000Barrels erzielt, als er seinen Schwiegersohn Fritz Papst, einenThüringer von Geburt, als Theilhaber in seine Firma aufnahm.Papst hatte bis dahin als Dampferkapitän den Michigansee be-fahren, aber, obgleich nichtvom Fach", griff er doch so ziel-bewußt ein, daß der Konsum stetig zunahm und die Brauereiöfter erweitert werden mußte. In neuerer Zeit ist sie in eineAktiengesellschaft umgewandelt und mit vollem RechtePabstBrewing Company " genannt worden. Heute wird dasPabstbier in ganz Amerika getrunken, aber auch nach Asten,Afrika (Capland) und Australien verschickt. Die Leiter des Unter-nehmens führen deutsche Namen: Pabst, Schandein, Best, Falkund so weiter. Amerikanisch großartig produzirt es jährlich 1'/,Millionen Barrels 2 Millionen Hektoliter Bier. Das indem Hauptcomptoir aufliegende Fremdenbuch weist durchschnitt-lich 300 Eintragungen pro Tag auf, daher ist's nöthig, daß dieFirma drei Leute zum Herumführen der Besucher hält. Zunächstgeht's in das Maschinenhaus, wo die Dampfkraft und die kalteLuft für die Lagerräume erzeugt werden. Das Bier wird hiernämlich nur mittelst kalter Luft gekühlt, für die mächtige Eis-maschinen sorgen, indem sie täglich ein Kälte-Aequivalent von750 Tonnen oder 15,000 Zentner Eis hervorbringen. Weißüberfrorene eiserne Röhren absorbiren die in andern Maschinen-häusern oft so lästige Hitze und führen den Kältestrom dahin,wo man feiner benöthigt. Ein größeres Interesse erweckt daseigenartige Leben und Treiben in der Bottlerei, wo Bierflaschengefüllt und versandtbereit gemacht werden. Auf Rädern, durcheine unsichtbare Kraft vorwärts bewegt, rollen große, mit leerenFlaschen gestillte Körbe heran, flinke Hände nehmen die Flaschenheraus und stellen dieselben unser Röhrenmündungen, aus denendas Bier nur so lange strömt, bis die Flaschen gefüllt sind.Während die gefüllten durch leere ersetzt werden, wandern ersterein beweglichen Flaschengestellen vor eine Maschine mit einer un-ablässig sich drehenden Scheibe, auf der je fechs Flaschen Platzfinden. Nun beginnen die menschlichen Armen vergleichbarenMaschinentheile zu arbeiten, einer setzt den Kork auf, der zweitetreibt ihn in den Flaschenhals, der dritte legt den Draht darum,und so geht's weiter, bis die Flaschen vollständig verkorkt, ge-drahtet und verkapselt sind. Jede dieser Maschinen macht ineiner Minute fünfundzwanzig Flaschen versandtbereit, und dasechs Maschinen beständig arbeiten, ist es der Brauerei mög-lich, jährlich weit über zwanzig Millionen Flaschen Bier zuversenden. Von der großartigen Ausdehnung der Mälzereikann man sich ein Bild machen, wenn man hört, daß die PabstBrewing Company jährlich 1,700,000 Bushels Malz, 10,000Zentner Hopfen und 30,000 Zentner Reis verarbeitet. DerReis dient zur Herstellung des sehr beliebten, außerordentlichhellenböhmischen" Bieres. Mit dem elektrischenAufzug hinauf aufsObservatorium", d. h. auf die Dachhöhe der Mälzerei, von derman einen herrlichen Blick auf Milwaukee genießt. Wie schönsie doch daliegt, die deutscheste Stadt Amerikas, einem duftendenWaldblumenstrauß vergleichbar, den der Michigansee sich an dieBrust steckte. Um das eigentliche Geschäftsviertel schließt sich einKranz von Gärten mit hocheleganten Villen und unzähligenhübschen Holzhäusern im Kottrgestil. Die Villa Pabst und VillaSchandein sind die schönsten, und ganz Chicago hat keinen sogefälligenWolkenschieber" auszuweisen, wie ihn Milwaukee inseinem zwölfstöckigenPabstbau" besitzt. Derselbe enthält eingroßes Restaurant, mehrere Kaufläden, eine Bank, sowie einigehundert Comptoii'räume, alles gut vermiethet. Auch das deutscheStadttheater hat Pabst erbaut, und er verliert daran freiwilligGeld, indem er es einer tüchtigen deutschen Schauspielertruppe,die sonst nicht bestehen könnte, pachtfrei überläßt. Auch dasKünstlerheim", eine prächtige altdeutsche Bierstube, und dasreizende AusflugszielWhitefishbay" sind uneigennützige Pabst'fche.Gründungen. Christian Benkard.