23. Ireitag, den 20. März 189k.
. ^ ^ ^ Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischsn Instituts von HaaS «c Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler) .
Zudas Makkaöäus.
Historischer Roman von A. L. O. E.
Frei nach dem Englischen von D. Colonius.
(Fortsetzung.)
2. Kapitel.
Das Mitternächtliche Begräbnis?.
Die Scene, welcher Lyctdas beigewohnt, hatte seinGemüth in einen erregten, fieberhaften Zustand versetzt.Der kühle Abeudwind, welcher durch die Blätter derOlivenbäume säuselte, und die Einsamkeit wirkten er-frischend aus den Geist des jungen Griechen. Er warfsich in das Gras unter einen der Bäume, lehnte sichgegen den Stamm und blickte aufwärts zu den Sternen,welche wie Edelsteins den azurblauen Himmel zierten.„Ob die Geister jener Braven wohl jetzt aus einem die-ser Himmelskörper herrschen?" dachte der Poet. „Oderfind die Sterne selbst lebende Wesen, Geister, welche,befreit von den Fesseln des Irdischen, für immer dortoben am Firmament leuchten? Ich möchte mehr wissenvon der Religion der Hebräer und jemand ausfindigmachen, der mich in ihre Geheimnisse einweiht, wenn eseinem Fremden überhaupt gestattet ist, sie zu lernen."
Die Gedanken des Lycidas kehrten zu seinem Ge-dicht zurück und versuchten, die Ideen, welche ihm durchdas Märtyrerthum, dem er beigewohnt hatte, eingegebenworden waren, in Verse zu bringen, aber er verzweifeltebald an diesem Versuch. „Poetische Ausschmückung würdedie großen Umrisse einer solchen Geschichte nur verder-ben", sagte er zu sich selbst. „Wer würde Blumengraben auf Pyramiden, oder einen Obelisken, der zumHimmel zeigt, mit Gänseblümchen bekränzen?"
Nach und nach bemächtigte sich der Schlaf desjungen Griechen, sein Kopf sank auf seinen Arm, seineAugen schlössen sich, und er schlummerte lange und tief.
Da wurde Lycidas erweckt durch leise, unterdrückteLaute, den vorsichtigen Tritt vieler Füße, gedämpftesGeflüster und leises Rauschen von Gewändern in seinerNähe. Der Athener öffnete seine Augen und erblicktevon seinem hinter dichtverzweigten Olivenstämmen ver-borgenen Platze eine seltsame, ergreifende Scene.
Der Mond, voll und rund, war eben ausgegangen,aber daS Laub der Bäume verdunkelte bisher noch dengrößten Theil seines Lichtes, seine Silberlampe hing naheam Horizont, lange, schwarze Schatten über die Erdewerfend. Mehrere Gestalten bewegten sich in dem
schwachen Schein umher, wie eS schien, in eine Arbeitvertieft, welche Verborgenheit erheischte; denn keine vonihnen trug eine Fackel.
Lycidas, still wie das Grab, beobachtete die Scenevor ihm mit einer Begierde, welche eine Zeit lang seinGemüth so sehr einnahm, daß er darüber seine eigene,persönliche Gefahr ganz vergaß, obgleich er gewahrwurde, daß das Eindringen eines Fremden in diese ge-heimnißvollen, mitternächtlichen Vorgänge nicht alleinsehr unwillkommen, sondern auch für ihn selbst gefähr-lich werden konnte. Die Gruppe der an jenem Orteversammelten Männer gehörte augenscheinlich dem hebräi-schen Volke an, und als die Augen des Lycidas sichmehr an die Dunkelheit gewöhnten und der aufsteigendeBlond mehr Kraft hatte, sie zu durchdringen, fand erbald einen heraus, der der Führer und das Oberhauptdes Ganzen sein mußte. Nicht, daß seine Tunika undsein Mantel von reicherem Stoffe gewesen wären alsder seiner Kameraden. Einfach und staubig von derArbeit waren die Sandalen an seinen Füßen, und ertrug den weißen Turban, den ein Feldarbeiter auch ge-tragen haben würde. Aber niemals hatte ein Turbaneine majestätischere Stirn umrahmt, und die in denMantel gehüllte Gestalt hatte jene majestätische Würde,welche diejenigen auszeichnet, die zum Befehlen geborensind. Der Tritt seiner Füße erinnerte Lycidas au dendes Wüstenkönigs, und aus den dunklen, tiefliegendenAugen blickte die ruhige Seele eines Helden.
„Hier sei der Platz, sagte der Anführer, indem erauf die Erde unter den nämlichen Zweigen deutete,gegen deren Stamm Lycidas seine Schläfe preßte undbegierig sich vorbog, um zu beobachten und zu hören.Nicht ein Wort wurde geantwortet, aber die Männergingen, nachdem sie ihre Oberkleider abgelegt hatten,an's Werk, um, wie es schien, ein weites Grab zugraben. Der Führer selbst warf seinen Mantel ab,nahm einen Spaten und arbeitete mit einem Eifer,welcher die ganze Kraft seiner mächtigen Glieder beidieser niedrigen Arbeit zeigte. Alle arbeiteten in tiefemSchweigen, ohne inne zu halten, nur von Zeit zu Zeithorchten sie auf, wie Menschen, denen Gefahr einigeVorsicht auferlegt. Während sie fortfuhren zu graben,strengte Lycidas seine Augen an, um die Umrisse einer an-deren einige Schritte davon entfernten Gruppe zu betrach-ten, obgleich welche von der ersteren getrennt, zu derselbenGesellschaft zu gehören schien. Zwei Gestalten saßen