auf dem Boden. Die eine war in dunkle Gewändergekleidet, die andere mit einem leinenen weißen Schleierbedeckt. Noch andere Gestalten in Weiß schienen aufdem Boden ausgestreckt zu sein. Lycidas betrachtetelange die Gruppe, und alle blieben regungslos wie Mar-mor, nur daß dann und wann die dunkle, weiblicheGestalt eine schwankende Bewegung vor- oder rückwärtsmachte, und daß mehreremale der verschleierte Kopf sichmit einer schnellen Bewegung umwandte, wie in Unruhe,wenn der Wind ein wenig lauter als gewöhnlich in denBlättern rauschte oder Laute aus der Stadt hinübertrugzu den empfindlichen Ohren der Frauen.
Indessen ging daS Werk des Grabens stetig vor-wärts, und der aufgeworfene Erdhaufen wurde groß;denn die Arme der Arbeiter waren stark und willig,und kein Mann hielt inne, um zu ruhen oder zusprechen, außer einmal. Es war beinahe eine Erleich-terung für Lycidas, endlich den Laut einer menschlichenStimme zu hören von jenen phantomgleichen nächtlichenArbeitern. Der, welcher sprach, war der am wildestenaussehende der Männer mit etwas von der Wildheit derRasse JsmaelS in den Zügen, deren stark markirte Um-risse die hebräische Abstammung im ausgedehntesten Sinnedes Wortes kennzeichneten.
„Es liegt etwas in der Luft", sagte er, indem ersich auf seinen Spaten stützte und sich an den wendete,dem Lycidas innerlich den Namen „der hebräische Fürst"gegeben hatte, wegen der Vornehmheit und Hoheit seinesBenchmcnS und der Ehrerbietung, mit welcher seineBefehle in Empfang genommen wurden.
Keine Antwort erfolgte auf die Bemerkung, undder wild aussehende Jude sprach weiter: „Habt Ihrgehört, daß Apelles morgen nach Modin mit einem Auf-trage des Tyrannen geht, die dortigen Einwohner zuzwingen, einem seiner verfluchten Abgötter zu opfern?"
„Ist das wahr? Dann will ich vor Tagesanbruchnach Modin abreisen", war die Antwort.
„Es möchte doch dem ehrwürdigen Mattathiaslieber sein, wenn Du hier bliebest", bemerkte der ersteSprecher.
„AbischatI wenn der Sturm losbricht, ist desSohnes Platz bei seinem Vater", entgegnete der he-bräische Fürst, und als er dies sagte, warf er einenSpaten voll Erde auf das Loch, welches, wie Lycidasnicht zweifelte, ein Grab werden sollte.
Wieder ging die Arbeit stillschweigend vorwärts.Der Mond war über den Bäumen aufgegangen, bevorjenes Stillschweigen noch einmal, und zwar diesmaldurch den Führer der Schaar, gebrochen wurde: „Esist jetzt tief und breit genug, bringt jetzt die verehrtenTodten!"
Dem Befehle wurde sogleich Folge geleistet. AlleMänner, mit Ausnahme des Führers, welcher in demGrabe stand, gingen aus die Gruppe zu, deren wir vor-her Erwähnung gethan. Lycidas blieb wie angewurzeltan seinem Baume stehen, obgleich die Klugheit ihm rieth,diese günstige Gelegenheit zu benutzen, um sich in allerStille davonzuschleichen.
Der Grieche bemerkte nun, sich im Schatten haltend,wie auf der rohesten aller Todtenbahren, bestehend auszwei Speeren, die durch Querhölzer aneinander befestigtwaren, die eingehüllten Todten einer nach dem andernan den Rand des Grabes getragen wurden. Sie warengefolgt von den beiden weiblichen Gestalten, welche bet
den Todten Wache gehalten hatten, während das Grabgemacht wurde. Die erstere dieser beiden, eine große,stattliche Frau, deren zurückgestrichenes Haar im Mond-licht wie Silber erglänzte, zeigte noch die Spuren einsti-ger Schönheit in ihrem Gesichte.
Ernst und traurig stand die hebräische Matronean dem Grabe der Märtyrer, keine Thräne in ihrenAugen, die wie von prophetischer Eingebung glänzten.So würde die Debora wohl gestanden haben, hätteSissera den Sieg errungen, um den Todtenschleier überIsraels Erschlagene zu breiten, anstatt die Eroberer beiihrer Rückkehr zu begrüße».
Die andere Gestalt, kleiner und außerordentlichanmuthig in ihren Bewegungen, hielt sich etwas zurückund blieb dicht verschleiert. Lycidas bemerkte, daß dieAugen deS Führers die verschleierte Gestalt, als sie sichnäherte, mit einem weichen, etwas ängstlichen Ausdruckbeobachteten. Dies war jedoch nur für einige Augen-blicke, dann aber widmete er seine Aufmerksamkeit demfrommen Werke, mit welchem er beschäftigt war.
Noch in dem Grabe stehend, empfing der Anführerdie todten Körper, einen nach dem andern, von denMännern, welche sie nach dem Beerdigungsplatze getra-gen hatten. Er nahm jeden Körper in seinen mächtigenArm und legte ihn ohne Hilfe in die letzte Ruhestättenieder, so sanft, als ob er einen Schläfer auf sein wei-ches Kissen legte, welchen er aufzuwecken fürchtete.
Lycidas gewann einen Blick in das blasse, ruhigeGesicht einer der verdeckten Gestalten, aber er bedurftenicht dieses Blickes, um zu fühlen, daß diejenigen, derenUeberreste so geheimnißvoll von ihren Freunden undVerwandten mit Gefahr ihres eigenen Lebens beerdigtwurden, dieselben waren, deren Märlyrerthnm er mitso tiefem Unwillen beigewohnt hatte. Lycidas wußtegenug von dem syrischen Tyrannen, um ermessen zukönnen, wie gewagt und schwierig es sein mußte, soviele Körper seiner Opfer vor der Schande zu schützen,den Hunden oder Geiern überlassen zu werden. DieErgebenheit der Lebenden, sowie das Märtyrerthum derTodten gab jenem mitternächtlichen Begräbniß einenVorzug, den kein irdischer Pomp ihm beigelegt habenwürde. Der Geist des jungen Atheners glühte vonedlem Mitgefühl, und obgleich er von hoher Abstamm-ung war, würde er es für eine Ehre gehalten haben,das Grab für jene acht Hingerichteten Juden mit helfengraben zu dürfen. Die Bestattung verlief im tiefstenStillschweigen, außer was die Matrone anbetraf, derenfeierliche Worte eine passendere Seelenmesse für dieMärtyrer waren, als die lautesten Klagen gemietheterLeichenbegleiter gewesen sein würden. Als der Anführerjeden todten Körper in seinen Armen empfangen hatte,sprach die Matrone einige kurze Worte darüber in einerSprache, die, vermischt mit dem Chaldäischen, seit ihrerVäter Zeit bei den Juden Sitte war.
Ihre Gedanken kleideten sich, als sie denselben Aus-druck gab, in nicht vorher überlegte Poesie. Der Athener konnte weder ihre Worte verstehen, noch ihre Anspielungauf das Vergangene; aber ihre majestätischen Beweg-ungen und der melodische Ton ihrer Stimme ließen ihnaufhorchen, als ob er den Orakelspruch einer begeistertenPriesterin hörte.
„Wir wollen nicht laut um Dich, mein Sohn, weh-klagen, noch unsere Kleider zerreißen, nicht uns in Sackund Asche setzen, noch Staub auf unsere Häupter wer-