Ausgabe 
(21.3.1896) 24
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Samstag, den 21. März

tt

1896.

-kür die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler) .

Zudas MakkaSäus,

Historischer Roman von A. L. O. E.

Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS.

(Fortsetzung.)

Mit besonderer Zärtlichkeit hauchte die Matroneihr Requiem über den siebenten Körper, als er zu denübrigen gelegt wurde.

Du Jüngster und am meisten Geliebter DeinerMutter, Du Blume des Frühlings, Du sollst in Frie-den schlummern an ihrer Seite. Ihr liebtet Euch innigim Leben, und im Tode sollt Ihr nicht getrennt werden."

So äußerlich ruhig hatte die Matrone, ihrenKummer beherrschend, ihre letzten Worte über die todtenKörper der hingeopferten Brüder gesprochen. Aber inihrer Wehklage über die Mutter der sieben Brüder lageine Bitterkeit des Schmerzes, welche Lycidas jedes Wortwie Blutstropfen, die sich losrangen von dem Herzender Sprecherin, erscheinen ließ.

Gesegnet, dreimal gesegnet seist Du, meine Schwe-ster Salame! Sieben Söhne hast Du geboren und unterihnen nicht einen, der seinen Gott verleugnet hat! DeinDiadem bedarf keines Edelsteines! Gesegnet ist sie, dieMit ihren Söhnen sterbend zu ihrem Gölte sagen konnte:Siehe, hier bin ich und die Kinder, die Du wir ge-geben hast!- Und als die Matrone ihre Klagen beendethatte, raufte sie ihr Haar, zerriß ihre Kleider und beugteihr Haupt mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes.

Da nun alle Körper in ihr Grab niedergelegtwaren, stieg der Anführer heraus und trat zu seinenGefährten. Da redete Abischai ihn an:Hadassah hatihre Wehklage beendet, Sohn des Phinehas, NachkommeAarons, deS Hohenpriesters, hast Du kein Wort zusagen über das Grab derjenigen, die in ihrem Glaubenstarben?"

Der Anführer hob seine rechte Hand zum Himmelund sprach leise jene Verse aus dem Jesaia, welchejenen, die in jener Periode lebten, geheimnißvoll wie auchtrostvoll erscheinen mußten.Aber Deine Todten wer-den leben und mit dem Leichnam auferstehen. Wachetauf und rühmet, die Ihr lieget unter der Erde; dennDein Tau ist ein Tau des grünen Feldes, aber dasLand der Todten wirst Du stürzen." «

Die Worte jener glorreichen Verheißung schienenHadassah aus ihrem Kummer zu erheben. Ihr gebeug-tes Haupt auflichtend, sah sie ruhig und verklärt aus.

Indem sie sich zu dem neben ihr stehenden Mädchenwandte, sagte sie:Wir können für diese, unsere ge-liebten Todten kein Näncherwerk brennen, aber Du,Sarah, mein Kind, hast Blumen mitgebracht, derenWohlgeruch wie Weihrauch aufsteigen wird; wirf sie indaS Grab, bevor wir eS schließen."

Gehorsam dem Befehl ihrer alten Verwandten glittdas Mädchen, zu dem Hadassah gesprochen, an den Randdes Grabes und warf einen duftenden Blüthenregenhinein. Da nun bei dieser Bewegung ihr Schleier sichetwas zurückschob, sah Lycidas den Schimmer eines Ge-sichtes, dessen Lieblichkeit alles, was der Poet jemalsin seinen Träumen gesehen, übertraf. Der volle Strahldes Mondes fiel auf das Gesicht der schönsten allerTöchter Zions. Ihre langen, dunklen Augenwimperngesenkt und von Thränen feucht, vollführte sie gegenihre todten Verwandten diesen einfachen Akt der Ehr-furcht. Dann erhob Sarah ihre Augen mit einem kum-mervollen, süßen Ausdruck, der sich aber plötzlich inSchrecken verwandelte. Sie fuhr zurück, und ein leiserSchrei entwand sich ihren Lippen. Das Mädchen hatteden Fremden, der sich in den tiefen Schatten bückte,erblickt ihr Auge war dem seinen begegnet, eine Verbor-genheit war nunmehr unmöglich; Lycidas war entdeckt.

3. Kapitel.

Leben oder Tod.

Ein Spion! ein Verräther! Werst ihn niederhaut ihn in Stücke!" Das waren die Rufe, die nichtlaut, aber schrecklich, wie Donner auf Blitz dem Auf-schrei der Sarah folgten. Kalter Stahl schimmerte imMondlichte.

Lycidas, der bisher kaum an seine eigene persön-liche Gefahr gedacht hatte, sah sich nun plötzlich voneiner wüthenden Bande umgeben, die Waffen gegen ihnerhoben, um ihm das Leben zu nehmen. Mit dem In-stinkt der Selbsterhaltung sprang der junge Athener vor-wärts, umfaßte die Kniee des Anführers und rief:Kein Spion! Kein Syrer! Kein Feind! Wie Du aufGnade hoffst in Deiner Todesstunde, höre mich an!"Dann beschämt, bei etwas ertappt worden zu sein, wasihm für feige Furcht ausgelegt werden konnte, sprangder Grieche, nach Athem haschend, in die Höhe und er-wartete beim nächsten Athemzuge den Dolch in seinerSeite und daS Schwert an seiner Kehle zu fühlen.

Haltet ein laßt ihn sprechen, bevor er stirbt!"