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Bei diesem Commandowort führe» die Klinge» indie Höhe, und wie Leoparden auf dem Sprunge um-gaben die Hebräer ihren Gefangenen, um die Möglich-keit seiner Flucht zu verhindern.
„Was kannst Du zu Deiner Vertheidigung sagen,junger Mann? fragte der Anführer in ruhigem, ernstemTone. „Kannst Du leugnen, daß Du als ein Spioneiner Scene beigewohnt hast, die, wenn Du sie ver-räthst, für unser Leben gefährlich werden kann?"
„Ich bin ein Grieche, ein Athener ", erwiderteLycidas, welcher seine Selbstbeherrschung wiedergewonnenhatte und nun instinktmäßig fühlte, daß er von derGnade eines Mannes abhing, der wohl ernst und ge-recht, aber niemals übermäßig grausam sein würde.„Ich bin hier, aber nicht als Spion, — nicht, um mitSpäheraugen Eure feierliche, heilige Handlung anzu-schauen. Durch Zufall an diese Stelle geführt, über-mannte mich unter diesem Baume der Schlaf. Ich wolltelieber meine rechte Hand, ja, sogar mein Leben hin-geben, als daß ich eine so edle Handlung verrathensollte." —
„Willst Du ihn anhören, den heidnischen Hund,den Sohn des Belial, den lügenden Heiden?" riefAbischai , dessen glänzende weiße Zähne und flammendeKlugen ihm beinahe eine wolfähnltche Wildheit verliehen,die gut zu seinem Geschrei nach Blut paßte. „Er wargegenwärtig — ich weiß es — als unsere Brüder hin-geschlachtet wurden. Er sah ihre schreckliche Marterl —Mißt ihn in Stücke! — Setzt Eure Fersen auf seinenNacken! — Er hat sich über den Tod der Gerechtengefreut!"
"„Nein!" rief Lycidas mit Heftigkeit, „ich rufe zumHeugen den —"
„Stopft ihm die Lästerzunge Mit dem Stahl!"j rief Abischai wüthend. „Laßt ihn nicht unsere Ohrenmit dem Namen der Götter beleidigen, welche er an-betet! Haut ihn nieder, jenes Grab kann noch einenKörper aufnehmen — das Blut unserer Brüder schreitum Rache!"
Mehrere Stimmen wiederholten diese ungestümeForderung, aber mitten in diesem wilden Nachegeschreihörten die Ohren des Lycidas und des Anführers den/ schwachen Ausruf des Mädchens: „O, Judas , habe Er-i barmen, schone ihn!"
Noch hielt die ausgestreckte Hand des Führers' allein die wüthende Bande zurück, welche ihr wehrlosesOpfer niedergehauen haben würde. Aber da lag aufder Stirn des FührerS noch ein banger Zweifel. Nicht,daß er sich von der blutigen Forderung des Abischai be-einflussen ließ, sondern er überlegte für sich und seineGefährten die Größe der Gefahr, wenn er den Ge-fangenen frei ließ.
Lycidas fühlte, daß sein Schicksal an den Lippendieses ruhigen, fürchterlichen Mannes hing, und warbeinahe von dieser Thatsache befriedigt. Ein Wunschstieg in dem Innern des Griechen auf: „Wenn ichsterben muß, so sei es durch diese Hand."
„Fremdling", begann der Sohn des MattathiaS ,^ und bei dem Ton seiner Stimme schwieg der Tumult,alle standen still, um zu hören. „Ich zweifle nicht anf Deinem Wort, ich dürste nicht nach Deinem Blut. Wäre
^ nur mein eigenes Leben in Gefahr, nicht ein Haar auf
Deinem Haupte sollte Dir gekrümmt werden; aber anDeinem Stillschweigen über das, was Du heute gesehen,
hängt die Sicherheit aller hier Versammelten, selbst die-jenige dieser Töchter Zions; denn der Tyrann schontunsere Frauen nicht. Wir haben nicht die Macht Ge-fangene festzuhalten — würdest Du angesichts dieses Mär-tyrergrabes im Stande sein, uns Grausamkeit vorzuwer-fen, wenn wir uns für jenen Weg entschieden?"
Lycidas begegnete, ohne zurückzufahren, dem ruhigenernsten Auge des Sprechers, aber er konnte die Fragenicht beantworten. Er wußte, daß unter ähnlichen Um-ständen weder Grieche noch Syrer vorher gezögert, nochnachher Gewissensbisse bei einer That gefühlt haben wür-den, die sie als erste Nothwendigkeit erachteten. Dieberedten Lippen des Dichters hatten kein Wort, für seinLeben zu bitten.
„Warum noch Worte verschwenden?" rief der wildeAbischai aus. „Warum zögerst Du noch, Judas? Mansollte Dich kaum für den Sohn des PhineaS halten, dersich dadurch unsterblichen Ruhm erwarb, daß er Simriund CaSbi mit einem Stoße durchstach. Dein Augedarf nicht bemitleiden. Deine Hand darf nicht schonen,Schuld liegt auf Deinem Haupte, wenn Du diesen gehenläßt. Wurden nicht die Kananiter im Lande ausge-rottet? Wer heißt uns die Hand zurückziehen, wennder Herr selbst die Beute unseren Schwertern über-liefert?"
„Ich thue es — ich!" rief Hadassah, indem siean den Rand des Grabes trat, welches sie und ihreEnkelin von den hebräischen Männern und ihrem Ge-fangenen trennte. „Schäme Dich, Abischai , Mann desBlutes, Du, obgleich der Gemahl meiner verstorbenenTochter — ich wiederhole, Schande über Dich, daß Duden Namen des Herrn mißbrauchst, um Deinen Rache-durst damit zu beschönigen! Höre mich, Sohn des Matta-thias, Ihr Männer von Juda, höret mich! Der All-barmherzige heißt mich sprechen, und ich kann Mich nichtenthalten, Euch die Worte zu verkünden, die er mirselbst in den Mund legt.",,
Die Matrone stand augenscheinlich bei den Anwe-senden in hohem Ansehen. JudaS war mit ihr durchdie Bande des BluteS verwandt und Abischai durchHeirath. Zwei der anderen fünf Hebräer waren in glück-lichen Tagen ihre Diener gewesen; aber es war haupt-sächlich die Hoheit in Hadassahs Charakter, die ihrenWorten Gewicht gab. Die verwittwete Frau wurde bei-nahe als eine Prophetin betrachtet, die mit Weisheitvon oben erleuchtet war. Ihre Forderung mochte wohlnicht einleuchten, aber sie wurde mit Respekt angehört.
„Der Kananiter wurde aus dem Lande vertrieben,"sagte Hadassah; „Seba und Zalmuna wurden erschla-gen, Casbi und Simri mit einem Wurf getroffen, aberdiese waren Sünder, und ihr Maß des Bösen war voll.Die Schwerter Israels führten nur Gottes gerechtenRachebefehl über sie aus, ebenso wie die Wellen desMeeres den Pharao überwältigten und die Sündflutheine Welt von Bösewichtern. Aber der Gott der Ge-rechtigkeit ist auch ein Gott der Gnade, langsam zumZorn und voller Güte. Er nennt die Rache fein, —sein eigenes Werk. Er hat seinem heiligen Diener zupredigen befohlen: „Freue Dich über den Fall DeinesFeindes nicht, und Dein Herz sei nicht froh über seinemUnglück."
„Ein Feind, im Hause Israels geboren, nicht einniedriger Heide", murmelte einer der Männer.
„Hat der Herr nur die Juden erschaffen, nicht