Ausgabe 
(21.3.1896) 24
Seite
175
 
Einzelbild herunterladen

175

auch die Heiden?" rief Hadafsah.Du sollst einenFremden nicht bedrücken, sagte der Herr. Lebt nichtHobab, der Medianiter, unter dem Volke Israel, wurdenicht Achior, der Ammoniter, von den Aeltesten in Be-thern begrüßt? Wurde nicht das Blut des Hethiters vonder Hand Davids gefordert? und Jthai, der Gethiter,treu erfunden, als die Jsraeliten von ihrem Könige ab-fielen? Gott sagte von Cyrus dem Perser, er ist meinHirt, und Alexander von Macedonien durfte dem Herrnund dem Gatte Jakobs opfern. Ja, hat nicht Jesaia,der Prophet, erklärt, daß er, der Heilige, der Messias,auf den wir warten, den Heiden Gerechtigkeit bringensoll? Daß er seine Hand über die Heiden erheben wolle?Ach, die Zeit kommt, möge sie bald kommen!Wenn die Abgötter ganz vertilgt werden sollen, wenndes Herrn Haus wieder aufgerichtet wird und alle Völkerdarin versammelt werden."

Die edlen Züge der Matrone flammten vor Be-geisterung, und als sie ihre Hand zum Himmel erhob,schien sie den Herrn anzurufen, seine glorreichen Gna-denverheißungen dem Volke, das noch in Finsterniß wan-delte, zu bestätigen.

(Fortsetzung folgt.)

» I I »

Arzt und Priester.

Von A. Radar.

DupUhtren, der berühmte französische Chirurg, arbei-tete fast beständig; wenig Menschen haben ein so arbeit-reicheS Leben geführt wie er. Sommers wie Winters warer um 5 Uhr auf, um 7 Uhr war er im Hotel Dieu , indem berühmten Pariser Spital, das er um 11 Uhr ver-ließ. Dann machte er seine Besuche bet Privatpatientenund ging nach Hause, um Kranke zur Konsultation zuempfangen. Obgleich er sie mit einer fast brutalen Ge-schwindigkeit beförderte, so waren sie doch jeden Tag sozahlreich, daß die Konsultationen oft bis in die späte Nachtdauerten.

Eines Tages, als sich die Untersuchungen noch längerals sonst hinausgezogen hatten, wollte Dupuytren, erschöpftvon Müdigkeit, sich ein wenig ausruhen, als ein letzter,verspäteter Besuch an der Thür seines Kabinets erschien.

Es war ein Greis von kleinem Wuchs. Man hättenur schwer sein Alter errathen können. Das Antlitz desMännchens war voll und rosig, hatte etwas Rundlichesund Freundliches, obfchon augenscheinlich das Rasiermesserniemals darüber zu gehen brauchte.

Unter einem Netz zahlreicher feiner Furchen undFältchen hatte er einen kleinen Mund, eine kleine, fein-gezeichnete Adlernase; seine Füße und Hände waren wiealles übrige sn rniniatnro; in seinen blauen Augen,in seiner Physiognomie, in seinen Bewegungen zeigte ereine Schüchternheit, eine Sanftheit, eine Güte, die köst-lich waren.

Es gibt solche glückliche Physiognomien, auf denender Blick mit Wohlgefallen verweilt. Wenn man dasruhige, friedliche Gesicht des kleinen Greises betrachtete,war es einem, als wenn man selber besser würde; manwurde unwiderstehlich zu ihm hingezogen; man empfandes wie ein Bedürfniß, ihn zu lieben. In seiner Rechtenhielt das Männchen einen Stock mit Schnabelgriff; ertrug ein ganz und gar schwarzes Kostüm; wenn er grüßte,zeigte sich eine große Tonsur; es war ein Priester.

Dupnytren heftete die Augen auf ihn, streng undeisig.Was haben Sie?" sagte er hart.

Herr Doktor," erwiderte sanft der Priester,darfich mich setzen? Meine armen Beine sind schon einwenig alt ... . Vor zwei Jahren bekam ich eine An-schwellung an dem Hals. Der Arzt in meinem Dorfe ich bin Pfarrer von Belleville bei Nemours hatmir gesagt, es habe nicht viel zu bedeuten; aber daSUebel wurde immer schlimmer, und nach fünf Monatenging die Geschwulst auf. Ich habe lange daS Bett ge-hütet, ohne daß es besser wurde; dann war ich genöthigt,aufzustehen; denn ich bin allein, habe die Seelsorge invier Filialen, und ... ."

«Zeigen Sie mir Ihren Halst« herrschte ihn derArzt an.

Die guten Leute," fuhr der Greis unbeirrt fort,haben mir wohl angeboten, sich alle Sonntage an einemOrte zu versammeln, um dort die hl. Messe zu hören:aber sie haben viel Arbeit während der Woche und nnrden einen Tag, um sich auszuruhen. Ich habe mir ge-sagt: Es ist doch nicht recht, daß alle diese Leute sichdeinetwegen gar so bemühen, und dann, wissen Sie, daist auch der Erstkommunikanten-Unterricht, der Katechis-mus. Se. Bischöflichen Gnaden wollten noch warten, bissie mir einen Geistlichen zur Hülfe schickten. Da habenmir aber meine Pfarrkinder gesagt, ich solle nach Paris gehen, um Sie zu konsultieren. Ich habe einige Zeitnöthig gehabt, bis ich mich entschloß; denn die Reisenkosten viel Geld, und ich habe viel arme Leute in meinerGemeinde. Ich habe aber nachgeben und thun müssen,was sie wollten; so benutzte ich die Post .... DaSist also mein Leiden, Herr Doktor!" sprach er, indem erihm den Hals hinstreckte.

Dupuytren untersuchte lange. Der Hals des Krankenzeigte ein Loch von nahezu einem Centimeter Durchmesser.Es war ein Absceß am Unterkiefer, kompliziert durch eineGeschwulst der Blutader. Die Wunde war an mehrerenStellen krebsartig. Der Fall war dermaßen ernst, daßDupuytren erstaunte, daß der Kranke vor ihm noch aufden Beinen stehen konnte.

Er schob die Ränder der Wunde weit zurück unduntersuchte die Umgebung durch so schmerzhaftes Drücken,daß man hätte ohnmächtig werden können.

Der Geistliche zuckte nicht einmal. Als die Unter-suchung beendigt war, drehte Dupuytren plötzlich denKopf des Patienten in seinen beiden Händen herum, be-trachtete ihn fest und sagte ihm ins Gesicht, indem erihn mit schrecklicher Stimme anfuhr:

Jawohl. Herr Abbs, da ist nichts zu Machen, mitso etwas muß man sterben."

Der AbbL nahm sein leinenes Tuch und umwickeltefeinen Hals, ohne ein Wort zu sprechen. Dupuytrenhatte immer die Augen auf ihn geheftet; als er sichfertig verbunden hatte, zog der Priester ein in Papier gewickeltes Fünffrankenstück aus der Tasche und legtees auf den Schreibtisch.

Ich bin nicht reich, Herr Doktor!" sagte er miteinem ruhigen Lächeln.Verzeihen Sie mir, daß icheine Konsultation des Herrn Doktor Dupuytren nicht besserhonorieren kann ... Ich bin glücklich, Sie besucht zuhaben; wenigstens bin ich vorbereitet auf das, was mirbevorsteht. Vielleicht hätten Sie diese große Entscheidung,"sagte er mit unendlicher Sanftmuth,mir mit etwa-mehr Rücksicht mittheilen können. Ich bin fünfundsechzig