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Jahre alt, und tn meinem Alter hängt man manchmaldoch noch sehr am Leben. Ich bin Ihnen aber dochnicht böse. Sie haben mich auch nicht überrascht; seitlangem bin ich auf diesen Augenblick gefaßt. Adieu,Herr Doktor! So will ich denn in meinem Pfarrhaussterben."
Und so ging er weg.
Dupuytren blieb in Gedanken versunken. Diesereiserne Charakter, dieses mächtige Genie zerbrachen wiedünnes Glas gegen ein paar einfache Worte einesarmen Greises, den er ganz hinfällig und krank inseinen Händen gehalten und mit dem er spielen zu könnengeglaubt hatte. Er war in diesem schwachen und leidendenKörper einem Herzen begegnet, das stärker war alsseines; einem Willen, der energischer war als seiner:Er hatte seinen Mann gefunden.
^ Dann eilte er rasch aus dem Zimmer. Der kleinePriester stieg eben langsam die Stufen hinab, indem ersich an dem Geländer festhielt.
„Herr Abbs!" rief er, „wollen Sie noch einmalheraufkommen?"
Der Abbs kam sofort zurück.
„Es ist vielleicht eine Möglichkeit, Sie zu retten.«sagte der Arzt, „wenn Sie wollen, daß ich Sie operiere."
„Ach, guter Gott, Herr Doktor!" sagte der Abbs,indem er sich mit einiger Lebhaftigkeit seines Stockesund Hutes entledigte, „aber ich bin ;a nur deßhalb nachParis gekommen. Operieren Sie nur alles, was Siewollen!"
„Aber vielleicht machen wir einen vergeblichen Ver-such, uud die Sache wird lang und schmerzhaft sein."
„Operieren Sie, operieren Sie, Herr Doktor! Ichwerde alles ertragen, was nothwendig ist. Wie würdensich meine armen Pfarrkinder freuen!"
„Nun denn gut! Sie begeben sich sogleich in dasHotel Dien, Saal St. Agnes. Sie werden dort voll-kommen gut aufgehoben sein; die Schwestern werden esan nichts fehlen lassen. Sie ruhen sich heute Abendgut aus, auch morgen und übermorgen, das andere wirdsich finden."
„Es ist abgemacht, Herr Doktor! Ich danke Ihnen."
Dupuytren warf einige Worte auf ein Papier, daser dem Abbö übergab. Dieser ging direkt nach demSpital, wo fast die ganze Schwesternschaft herbei kamund ihn in einem kleinen, mit weißen Vorhängen um-gebenen Bette unterbrachte. Alle machten sich mit ihmzu thun, brachten Kissen herbei und erfrischende Säftezum Trinken. Der kleine Priester wußte gar nicht, wieer ihnen danken sollte.
Den zweiten Tag darauf waren die fünf- bis sechs-hundert Schüler, die jeden Tag dem klinischen VortragdeS Meisters folgten, kaum versammelt, als Dupuytrenankam. Er schritt auf das Bett des Priesters zu. Dasimposante Geleite folgte, und die Operation begann.
Dupuytren schnitt mit Messer und Scheren darauflos. Seine stählernen Zängelchen sondierten die Tiefeder Wunde und führten Fäden empor, die er drehte unddarauf befestigte. Dann entfernte knirschend die Säge kariöseStücke aus dem Unterkiefer; jeden Augenblick wurden dieSchwämme ausgedrückt; das Blut lief in Strömen. DieOperation dauerte 2b Minuten. Der Abbs zuckte nichtmit den Wimpern; nur als die Umgebung mit befreiterBrust aufathmete, und alle vor Erwartung und Furcht
beklommen aufstöhnten und Dupuytren sagte: „ES istfertig", war der Abbs etwas blaß.
Dupuytren verband ihn selbst.
„Ich glaube, alles geht gut", sagte er freundlich zuihm. „Haben Sie viel gelitten?"
„Ich habe mich bemüht, an etwas anderes zu denken",erwiderte der Priester.
Dann wurde er ohnmächtig.
Dupuytren beobachtete ihn einen Augenblick in tiefstemSchweigen; dann zog er die weißen Vorhänge des BetteSzu, und die Krankenvisite wurde fortgesetzt.
Der Priester war gerettet.
Jeden Morgen, wenn Dupuytren kam, überspranger, sonderbar und ganz gegen seine Gewohnheiten, dieersten Betten und begann seine Visite mit seinem Lieblings-kranken. Später, als dieser aufstehen und einige Schrittemachen konnte, kam Dupuytren nach Beendigung seinerKlinik auf ihn zu, nahm seinen Arm und machte mitdem Rekonvalescenten einen Gang durch den Saal.
Für jeden, der die rücksichtslose Härte kannte, mitder Dupuytren gewöhnlich seine Kranken behandelte, wardiese Veränderung der Behandlungsweise unerklärlich.
Als der Abbs im Stande war, die Reise aushaltenzu können, nahm er von dem Doktor Abschied und kehrtezu'seinen Pfarrkindern zurück.-
Einige Monate später sah Dupuytren, als er in dasHotel Dien kam, den Abbs auf sich zukommen, der ihnim Saale St. Agnes erwartet hatte. Der Abbs trugwie immer seinen bescheidenen schwarzen Anzug; aber derwar voller Staub, und feine Schnallenschuhs waren ganzweiß, als ob er einen weiten Weg zu Fuß zurückgelegthätte. Er trug im Arm einen großen Weidenkorb, der mitStricken befestigt war und aus welchem Strohhalme heraus-sahen. Dupuytren empfing ihn sehr freundlich, und nach-dem er sich überzeugt hatte, daß die Operation keinerleischlimme Folgen gehabt hatte, frug er. was ihn nachParis geführt habe.
„Herr Doktor!" erwiderte der Priester, „es ist heuteder Jahrestag meiner Operation, ich wollte den sechstenMai nicht vorübergehen lassen, ohne Sie zu besuchenund Ihnen ein kleines Geschenk Mitzubringen. Da habeich denn in meinen Korb zwei schöne Hühner gesteckt auLmeinem Hofe, Obst aus meinem Garten, wie Sie solcheskaum in PariS bekommen. Sie müssen mir versprechenund mir die Hand darauf geben, von allem diesem auchzu versuchen!"
Dupuytren drückte ihm innig die Hand; er wollteden guten Greis veranlassen, mit ihm zu speisen; aberdieser schlug es ab, nicht ohne einen gewissen Kampf mitsich selber. Seine Augenblicke seien gezählt, meinte er;und er müsse wieder den Rückweg antreten.-—
Noch zwei Jahre, am sechsten Mai, sah Dupuytren den kleinen Priester mit seinem unvermeidlichen Korb undseinen unvermeidlichen Hühnern wiederkehren. Der Doktorempfing feine Besuche mit einer Art Bewegung. Einewahre, innige Freundschaft hatte die beiden Männerverbunden.
Da fühlte Dupuytren die ersten Anzeichen jenerKrankheit, vor welcher sogar seine Wissenschaft, so großsie sein mochte, zurückweichen mußte. Er reiste nach Italien, aber ohne Hoffnung, daß er durch diese Reise, die zuunternehmen ihn die vereinigte Fakultät veranlaßt hatte,Heilung finden werde. Als er nach Frankreich zurück-kehrte, es war im Monat März 1834, schien sich sein