Ausgabe 
(21.3.1896) 24
Seite
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Zustand gebessert zu haben; aber diese Besserung warnur scheinbar, und Dupuytren fühlte das wohl. Er sahsich sterben; er hatte die ihm noch gestatteten Augenblickegezahlt. Sein Charakter wurde noch verschlossener, finstererin dem Maße, als er sich dem verhängnißvollen Ziel-punkte näherte.

In diesen letzten und traurige» Stunden der moral-ischen Einsamkeit und der Vereinsamung, die ihn, Angesichtgegen Angesicht, dem Tode gegenüber stellte, gab demSterbenden sein Gewisien eine feierliche Mahnung.

Eines Tages erhielt der Abbs in Belleville folgen-den Brief:

Mein theurer Abbs!

Nun ist die Reihe am Doktor. Er braucht Sie.Komme» Sie schnell! Vielleicht kommen Sie zu spät.

Ihr Freund

Dupuytren. -

. Schon am andern Tage war der kleine Pfarrer zurStelle. Lange blieb er mit Dupuytren eingeschlossen.

Als der Abbs auS dem Zimmer des Sterbendentrat, waren seine Augen feucht, und sein Antlitz strahltevon einer sanften Begeisterung.

Tags darauf, es war der achte Februar 1835, warDupuytren gestorben.

Am Tag der Beerdigung war der Himmel vomMorgen an traurig mit grauen Wolken bedeckt. Ein feinerund andauernder Regen, mit Schnee untermischt, durch-drang eisig die ungeheuere und schweigsame Menge, dieden Platz Saint-Germain-l'AnxerrotS und den weitenHof des SterbehcmseS erfüllte. Die Kirche Saint-Eustachefaßte kaum das Leichengeleite.

Nach dem Gottesdienst trugen die Schüler den Sargbis zum Friedhof. Der kleine Abbs aus Belleville folgteweinend dem Zuge. (Luz. Vaterland.)

Eiue Nigibestelgung.

Von Mark Twain .

Vorbemerkung der Redaktion. Die Leserunseres Feuilletons sind dem vorgenannten amerikanischenHumoristen an dieser Stelle schon begegnet. Der fröhlicheGeselle Humor, um dessen Freundschaft so manche Federumsonst buhlt, ist Mark Twain ein treuer Begleiter, wiekaum einem zweiten. Seine Eingebungen erfüllen mitheiterer Ruhe und Behagen. Nachstehend ein Beweishiefür. Wir entnehmen die Probe dem 6. Bande dersoeben bei Nob. Lutz in Stuttgart erschienenen NeuausgabevonMark Twains ausgewählten humoristischen Schriften."« «-

Der Rigi kann per Eisenbahn, zu Pferde oder zuFuß erstiegen werden, je nach Belieben des Reisenden.Ich und mein Freund warfen uns in Touristenanzügeund fuhren an einem herrlichen Morgen per Dampfbootden See hinauf. In Weggis, einem Dorfe am Fußedes Berges, drei Viertelstunden von Luzern, gingen wirans Land.

Bald ging's behaglich und stetig den schattigenFußweg hinauf und unsere Zungen waren, wie gewöhn-lich, bald in schönster Bewegung. Alles ließ sich herr-lich an, und wir versprachen uns nicht wenig, solltenwir doch zum erstenmal den Genuß eines Sonnenauf-gangs in dm Alpen erleben; das war ja der Zweck

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unserer Tour. Wir hatten akischeküend keinen triftigenGrund, zu eilen, unser Reisehandbuch hatte den Wegvon Weggis bis zum Gipfel als nur 3'/^ Stunden weitangegeben. Anscheinend, sage ich, weil uns Bädekerschon einmal angeführt hatte.

Als wir etwa eine halbe Stunde gegangen waren,kamen wir in die richtige Stimmung für das Unter-nehmen und trafen Anstalt zum Steigen, das heißt, wirmietheten einen Burschen zum Tragen der Nlpcnstöcke,Reisetaschen und Ueberzieher, wodurch wir die Händefrei bekamen.

Wahrscheinlich haben wir häufiger im schönen, schat-tigen Gras geruht, um ein paar Züge aus unserenPfeifen zu thun, als unser Führer gewohnt war, dennplötzlich fuhr er uns mit der Frage an, ob wir ihn nachdem Tarif oder fürs Jahr miethen wollten. Wir sagten,er möge immer vorangehen, wenn er Eile habe. Ererwiderte, Eile habe er eigentlich nicht, doch möchte erden Berg hinauf kommen, so lange er noch jung sei.Wir sagten ihm, er möge nur vorausgehen, das Gepäckim obersten Hotel abgeben und unsere baldige Ankunftmelden. Er meinte, Zimmer wolle er für uns schon be-stellen; wenn aber alles voll sei, wolle er ein neuesHotel bauen lassen und dafür sorgen, daß Maler- undGypserarbeit trocken wären, bis wir ankämen. Untersolchen spöttischen Bemerkungen verließ er uns und warbald unsern Augen entschwunden.

Um 6 Uhr waren wir schon ein gutes Stück inder Höhe, und die Aussicht hatte an Reiz und Umfangbedeutend zugenommen. Bei einem kleinen Wirthshausemachten wir Halt, genossen im Freien Brod, Käse undein oder zwei Liter frischer Milch, und dazu das groß-artige Panorama; dann setzten wir uns wieder inBewegung.

Nach zehn Minuten begegneten wir einem Engländermit heißem, kupferrothem Gesicht, der in mächtigen Sätzenden Berg herabstürmte, indem er sich an seinem Alpen-stock immer eine tüchtige Strecke vorwärts schwang.Athsmlos und schweißtriefend hielt er bei uns an undfragte, wie weit es bis Weggis drunten am See sei.

Drei Stunden!"

Was? der See scheint ja so nahe, als ob maneinen Kieselstein hineinwerfen könnte. Ist das einWirthshaus?"

Ja."

Das ist recht! Ich kann es nicht noch einmal dreiStunden aushalten."

Auf meine Frage, ob wir wohl nahe am Gipfelseien, rief er:Meiner Treu! Ihr habt ja eben erstangefangen zu steigen!"

Ich schlug deshalb meinem Neisegenossen Harrisvor, auch im besagten Wirthshaus zu bleiben. Wirdrehten um, ließen uns ein warmes Nachtessen bereitenund verlebten mit dem Engländer einen lustigen Abend.

Die deutsche Wirthin gab uns hübsche Ziminer undgute Betten, und ich und mein Freund legten uns niedermit dem Entschluß, früh genug aufzustehen, um unsernersten Sonnenaufgang in den Alpen nicht zu versäumen.

Aber wir waren todmüde und schliefen wie Nacht-wächter; folglich war es, als wir am Morgen erwachtenund ans Fenster stürzten, für den Sonnenaufgang schonzu spät; es war halb 12 Uhr. Das war ein harterSchlag, doch trösteten wir uns mit der Aussicht auf eingutes Frühstück und beauftragten die Wirthin, den Eng-