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länder zu rufen; aber sie erzählte uns, daß dieser unterallerlei Verwünschungen schon bei Tagesanbruch auf unddavon gegangen sei. Wir konnten nicht auf den Grundseiner Erregung kommen. Er hatte die Wirthin nachder Höhe des Wirthshauses über dem See genau gefragtund sie hatte 1495 Fuß angegeben; diese Zahl mußteihn ganz außer Rand und Band gebracht haben, denner habe hinzugefügt: „In einem Lande wie in diesemkönnen Narren und Reisehandbücher einem in 24 Stundenmehr Bären aufbinden, als sonstwo in einem Jahre."
Gegen Mittag nahmen wir den Weg wieder unterdie Füße und strebten frischen, gewaltigen Schrittes demGipfel zu. Als wir etwa 200 Meter marschiert warenund anhielten, um zu rasten, blickte ich beim Anzündenmeiner Pfeife von ungefähr nach links und entdeckte ineiniger Entfernung eure Rauchsäule, die wie ein langerschwarzer Wurm lässig den Berg hinauskroch. Daskonnte nur der Rauch einer Lokomotive sein. Auf unsereEllbogen gestützt, stierten wir das uns völlig neue Mirakeldieser Bergbahn an. Es erschien unglaublich, daß dasDing schnurgerade aufwärts kriechen konnte, auf einerschiefen Ebene, steil wie ein Dach; es geschah aber vorUnsern Augen: ein leibhaftiges Wunder! —
Noch ein paar Stunden, und wir erreichten einschönes zephymmsäuseltes Hochthal, wo die Dächer derkleinen Sennhütten mit großen Steinen belegt waren,um sie am Grund und Boden festzuhalten, wenn diegroßen Stürme toben. Weit weg am andern Ufer desSees konnten wir einige Dörfer erblicken und jetzt zumerstenmal ihre zwerghaftcn Häuser mit den Bergriesenvergleichen, an deren Fuße sie schliefen.
Wenn man sich inmitten eines solchen Dorfes be-findet, kommt es einem ziemlich ausgedehnt vor, unddie Häuser erscheinen stattlich, selbst im Verhältniß zuden hereinragenden Bergen; aber von unserm hohenPlatze aus, welch eine Veränderung! Die Berge er-schienen massenhafter und großartiger, dagegen waren dieDörfer so klein geworden, beinahe unsichtbar, und lagenso dicht am Boden, daß ich sie nur vergleichen kann mitwinzigen Erdarbeiten von Ameisen, überschattet von demhimmelanstrebenden Bau eines Münsters. Die Dampf-boote, welche drunten den See durchschnitten, erschienenin der Entfernung nur noch so groß wie Kinderspielzeugund vollends die Segel- und Ruderboote wie winzigeFahrzeuge, bestimmt für die Elfen, die in Lilienkelchenhaushalten und auf Brummhummeln zu Hofe reiten.
Wir gingen weiter und stießen bald auf ein halbesDutzend weidender Schafe unter dem Gischt eines Gieß-baches, der wohl hundert Fuß hoch sich am Felsenherabstürzte. Doch horch! Ein melodisches „Lal . . .
loil-lahi-o-o-o!" trifft unser Ohr.Wir hören zum erstenmal das berühmte Alpenjodeln in-mitten der wilden Gebirgsgegend, in der es heimisch ist.Es ist jenes seltsame Gemisch von Bariton und Falsett,das wir zu Hause Tiroler Triller nennen.
Das Gejodel war hübsch und munter anzuhören,und bald erschien der Jodler — ein Sennbub von16 Jahren. In unserer Freude und Dankbarkeit gabenwir ihm einen Franken, damit er weiter jodle. Er jodelte,und wir lauschten. Beim Weitergehen jodelte er unsgroßmüthig außer Sicht. Ebenso der zweite, auf denwir eine Viertelstunde später stießen, und dem wir seineKunst mit einem halben Franken bezahlten.
Von nun an begegneten wir alle zehn Minuten
einem Jodler, dem ersten gaben wir 8 Cts., dem zweiten6, dem dritten 4, dem vierten 1 Cts., Nummer 5, 6,7 er-hielten gar nichts! Für den Rest des Tages erkauftenwir das Stillschweigen der übrigen Jodler mit 1 Fr.per Kopf. Mau bekommt es unter solchen Umständendoch schließlich satt.
Zehn Minuten nach 6 Uhr erreichten wir die Kalt-badstation, wo ein geräumiges Hotel mit Veraudas steht,die einen weiten Umblick auf die Berge und Seen ge-statten. Wir waren nicht so sehr ermüdet, aber umam andern Morgen ja den Sonnenaufgang nicht zuverschlafen, machten wir unsere Mahlzeit so kurz alsmöglich und eilten zu Bett. Es war unaussprechlichangenehm, unsere steifen Glieder in den kühlseuchtenBetten auszustrecken. Und wie fest wir schliefen! KeinSchlaftrunk wirkt so trefflich, wie eine solche Alpenfußtour.
Morgens erwacht, waren wir beide mit einemSprung aus den Federn; wir zerrten die Vorhängezurück, erfuhren aber leider eine neue herbe Enttäuschung:es war nämlich schon halb 4 Uhr mittags. In sehrmürrischer Laune kleideten wir uns an, wobei jeder demandern die Schuld in die Schuhe schob. Harris meinte,wenn ich ihm gefolgt wäre und wir den Reisediencr mit-genommen hätten, wäre uns dieser Sonnenaufgang nicht,entgangen. Ich behauptete dagegen, daß dann einer ^von uns hätte aufbleiben müssen, um den Dienerzu wecken, außerdem hätten wir Mühe genug mit unsselbst aus dieser Klettertour, auch ohne die Sorge fürden Reisediencr.
Das Frühstück regte unsere Lebensgeister wiederetwas an, besonders auch die beruhigende Versicherung imBädcker, oben auf dem Nigi brauche der Reisende nichtbesorgt zu sein, daß er den Sonnenaufgang verschlafe,er werde vielmehr bei Zeiten von einem Mann geweckt,der mit einem großen Alphorn von Zimmer zu Zimmergehe und seinem Instrumente Töne entlocke, die Totezu erwecken im Stande seien; und noch eine andere Be-merkung des Reisehandbuches tröstete uns, die Versicher-ung nämlich, daß oben in den Nigi-Hotels die Gästesich morgens nicht ganz anzukleiden brauchen, sondernsich einfach ihrer rothen Bett-Teppiche bemächtigen undmit diesen, wie Indianer drapirt, ins Freie stürmen.O, das muß schön und romantisch sein! — 250 Per-sonen auf dem windigen Gipfel gruppiert, mit fliegendenHaaren und wehenden rothen Bett-Teppichen, in derfeierlich ernsten Gegenwart der schneeigen Bergspitzen, be-leuchtet von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne,das muß ein herrlicher und denkwürdiger Anblick sein!Unter diesen Umständen war es fast ein Glück, kein Un-glück, daß wir die frühem Sonnenaufgänge verfehlthatten.
Nach dem Reisehandbuch waren wir nun 3228Fuß über dem Spiegel des Sees und konnten somitvolle Zweidrittel unserer Wanderung als vollendet be-trachten.
Wir brachen in Kaltbad ^ nach 4 Uhr nach-mittags von neuem auf; etwa hundert Schritte über demHotel verzweigte sich die Bahnlinie, der eine Arm ginggerade aufwärts den steilen Berg hinan, der andere bognach rechts ab in ziemlich sanfter Steigung; wir folgtendem letzteren über eine Meile, bogen um eine Felsen-ecke und kamen in Sicht eines neuen hübschen Hotels.Wären wir gleich weitergegangen, so hätten wir denGipfel erreicht, aber Harris wollte allerhand Erkundig-