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ungen einziehen. Er wurde belehrt — und zwar falsch,wie gewöhnlich, — daß. wir umkehren und den andernWeg gehen müßten. Dies kostete uns eine schwereMenge Zeit.
Wir kletterten und kletterten; wir kamen wohl übervierzig Hügel, aber immer erschien ein neuer so großwie die frühern. Es begann zu regnen; wir wurdendurch und durch naß, und es war bitterkalt. DampfendeNebelwolken deckten bald den ganzen Abgrund zu; derEisenbahndamm, auf welchen wir stießen, war unser ein-ziger Wegweiser! Manchmal krochen wir längs desselbenein Stück weit fort, allein als sich der Nebel etwaszertheilte, bemerkten wir mit Schrecken, daß wir uns mitdem linken Ellbogen über einem bodenlosen Abgrund be-fanden, weshalb wir eiligst wieder den Bahndamm zuerreichen trachteten.
Die Nacht brach ein, rabenschwarz, neblig und kalt.Etwa um 8 Uhr abends hob sich der Nebel etwas undließ einen ziemlich undeutlichen Pfad erblicken, der linksaufwärts führte. Diesen Weg einschlagend, waren wireben weit genug weg vom Eisenbahndamm, um denselbennicht wieder finden zu können, als auch schon wiedereine Nebelwolke herabschoß und alles in undurchdring-liches Dunkel hüllte.
Wir befanden uns an einem rauhen, dem Unwettervollkommen preisgegebenen Ort, und waren genöthigt,auf- und abzugehen, um uns warm zu machen, obgleichwir dadurch Gefahr liefen, gelegentlich in einem Abgrundzu verschwinden.
Um 9 Uhr machten wir die wichtige Entdeckung,baß wir jeden Pfad verloren hatten. Wir krochen aufHänden und Knieen umher, konnten ihn aber nicht mehrfinden; somit setzten wir uns wieder in das nasse Grasund warteten das weitere ab. Plötzlich jagte uns eineungeheure dunkle Masse, die vor uns auftauchte, nichtgeringen Schrecken ein; sie verschwand aber alsbald wiederim Nebel, es war, wie wir später erfuhren, das längstersehnte Nigi-Kiflm-Hotel, aber die nebelhafte Vergrößerungließ es uns als den gähnenden Nachen eines tödtlichenAbgrundes erscheinen.
Da saßen wir nun eine lange Stunde mit klapperndenZähnen und zitternden Knieen, den Rücken gegen denvermeintlichen Abgrund gekehrt, weil von dorther etwasZugluft zu verspüren war. Dabei ereiferten wir unsleidenschaftlich, denn jeder wollte dem andern die Dumm-heit in die Schuhe schieben, denBahnkörper verlassen zuhaben.Nach und nach wurde der Nebel dünner und als Harriszufällig um sich blickte, stand das große, hell erleuchteteHotel da, wo vorher der Abgrund gewesen war. Mankonnte beinahe Fenster und Kamine zählen.
Unser erstes Gefühl war tiefer, unaussprechlicherDank, unser zweites rasende Wuth, weil das Hotelwahrscheinlich schon seit dreiviertel Stunden sichtbar ge-wesen war, während wir pudelnaß dasaßen und unszankten.
Ja, es war das Rigi -Kukm-Hotel auf dem Gipfeldes Nigi, und wir fanden dort die Zimmer, die unserBursche für uns bestellt hatte, — allerdings bekamen wirzuvor die hochmüthige Ungefälligkeit des Portiers unddes sonstigen Dienstpersonals gründlich zu kosten.
Wir verschafften uns trockene Kleider, und währendunser Abendbrod bereitet wurde, irrten wir einsam durcheine Anzahl höhlengleicher Wohnräume, von denen einereinen Ofen besaß. Dieser Ofen in einer Ecke des
Zimmers war von einer lebendigen WäNd der allerver-schiedensten Menschenkinder umgeben. Da wir nun nichtanS Feuer herankommen konnten, wandelten wir in denarktischen Regionen der weiten Säle umher, unter einerMenge Menschen, die schweigend in sich verloren undwie versteinert das Problem zu ergründen suchten, warumsie wohl solche Narren gewesen waren, hierher zu kommen.Einige davon waren Amerikaner, einige Deutsche, dieweitaus überwiegende Anzahl aber waren Engländer. Ineinem der Räume drängte sich alles um die „Souvenirsäu Liglli", die dort feilgeboten werden. Ich wollte zu-erst auch ein geschnitztes Falzbein mit Gemshorngriffmitnehmen; ich sagte mir jedoch, daß mir der Nigi mitseinen Annehmlichkeiten wohl auch ohnedies in guter Er-innerung bleiben würde, — und erstickte deshalb dasGelüste.
Das Abendessen erwärmte uns, und wir gingen so-fort zu Bette, — d. h. nachdem ich an Bädeker nocheinige Zeilen geschrieben hatte. Derselbe ersucht nämlichdie Touristen, ihn auf etwaige Irrthümer in feinemReisehandbuch aufmerksam zu machen. Ich schrieb ihm,daß er sich, indem er den Weg von Weggis bis zumGipfel nur zu 3^ Stunden angebe, just um drei Tagegeirrt habe. Eine Antwort habe ich nie erhalten, auchist im Buche nichts geändert worden — mein Brief mußalso wohl verloren gegangen sein.
Wir waren so todmüde, daß wir sofort einschliefenund uns nicht regten noch bewegten, bis die herrlichenTöne des Alphorns uns weckten. Man kann sich denken,daß wir keine Zeit verloren, sondern schnell ein paarKleidungsstücke überwarfen, uns in die praktischen rothenTeppiche wickelten und unbedeckten Hauptes in den pfei-fenden Wind hinausstürzten. Wir erblickten ein großeshölzernes Gerüste, gerade am höchsten Punkte der Spitze.Dorthin lenkten wir unsere Schritte, krochen die Stufenhinauf und standen da, erhaben über der weiten Welt,mit fliegenden Haaren und im Wind flatternden rothenTeppichen.
„Mindestens fünfzehn Minuten zu spät!" sagteHarris mit trauriger Stimme, ,die Sonne steht schonüber dem Horizont."
„Schadet nichts," erwiderte ich, „es ist dennochein großartiger Anblick, und wir wollen ihn noch weitergenießen bis die Sonne höher steht."
Einige Minuten waren wir tief ergriffen von demwunderbaren Anblick und für alles andere todt. Diegroße, klare Sonnenscheibe stand jetzt dicht über einerunendlichen Anzahl weißer Zipfelmützen — bildlich ge-sprochen. Es war ein wogendes Chaos riesiger Berg -massen, die Spitzen geschmückt mit unvergänglichemSchnee und umfluthet von der goldenen Pracht des zit-ternden Lichtes, während die glänzenden Sonnenstrahlendurch die Nisse einer der Sonne vorgelagerten schwarzenWolkenmasse gleich Schwertern und Lanzen aufschössenzum Zenith.
Wir konnten nicht sprechen, ja kaum athmen; wirstanden in trunkener Verzückung und sogen diese Schön-heit ein, als Harris plötzlich schrie: „Der-, sie gehtja unter!"
Wahrhaftig, wir hatten das Morgenhornblasen über-hört, hatten den ganzen Tag geschlafen und waren erstam Blasen des Abendhorns aufgewacht; das war nieder-schmetternd.
Auf einmal sagte Harris: „Allem Anschein «ach