Dn Ackerbau im heutigen Palästina,
Von vr. Seb. Enringer, Pfarrer.
(Fortsetzung und Schluß.)
Kehren wir zu den Ernteerträgnissen zurück, so be-merken wir, daß große Schwankungen im Ertrage herr-schen. Ueber die Bedingungen, welche die Ernte günstigresp. ungünstig beeinflussen, gibt uns die AvkV 1886,S. 46 folgende Aufschlüsse:
„Zunächst ist zu bemerken, daß überall da, wo mannicht bewässern kann, also fast überall in Palästina, nurmittelmäßige Erträgnisse zu verzeichnen sind. GeringeErnten, ja völlige Mißernten können stattfinden, wennwährend der Regenzeit die Negenhöhe hinter der nor-malen beträchtlich zurückbleibt, wenn beim Keimen desWeizens und der Gerste die Regenzeit durch einen an-sehnlichen regcnlosen Zeitraum unterbrochen wird, wennder Spätregen gar nicht, nicht reichlich genug oder zuspat eintritt, wenn während des Wachsthums der cnlsOsten, Südosten, Süden und Südwesten über die Wüstenkommende, den Boden rasch austrocknende Chamsinwind( Sirokko) tagelang weht, und wenn große Heuschrccken-schwürme sich einstellen oder Mäuse, Ameisen, Engerlingeu. s. w. große Verbreitung erlangen. Sind die äußerenVerhältnisse nicht ungünstig, so gibt es namentlich in denEbenen oft sehr ergiebige Ernten."
Ueber das Betriebskapital, dessen ein Fellache be-darf, um einen FeddLn zu bebauen, gibt uns Schu-macher 2l)kV 1889, S. 164 folgende Zusammenstel-lung, welche sich zunächst auf die Verhältnisse in Galiläabezieht, aber mit geringen Modifikationen auch für dasübrige Palästina gilt.
Unter leääLv versteht man in Galiläa stets dieArbeit eines Paars Ochsen, die es während der Pflug -zeit je eines Jahres, in der Regel während eines Mo-nats zu leisten im Stande ist. Bei Nazareth ackert derFellach mit einem Paar Ochsen mittleren Schlages 30Württembergische Morgen — 9,45 Hektar im Jahre. Nachdiesem Maß rechnet auch die Regierung, indem der ge-setzliche teclciäll — 9 Hektar ist.
Zum Betrieb eines solchen IsäckLn braucht der Fellach:1 eichenes Pfluggestell 46 Piaster^) — 6 M. 90 Pf.1 Pflugschar (siklri) 30 „ — 4 M. 50 Pf.
1 Ochsenstachel (ininsao) 8 „ ---1 M. 20 Pf.
1 Joch und Zubehör 18 „ — 2 M. 70 Pf.
Macht für einen Pflug 102 Piaster — L5M. 30 Pf.
Die übrigen Gerüche kosten:
1 blecherne Röhre zum Säen "" '
(link) . ..... 4 Piaster--0 M. 60 Pf.
1 Sichel (inancksalral) .12 „ —IM. 80 Pf.
1 Dreschschlitten (nanracksoli) 46 „ ^6 M. 90 Pf.
1 Wnrfgabel mit 2 Zinken(soliaüst) .... 3 „ — 0M. 45Pf.
1 Wurfgabel mit 5 Zinken
(miclrn).12 „ — 1 M. 80 Pf.
Holzhaken und sostbLIr, Ge-flecht (für EctreidetranS-port auf Lastthicren) nebstSieb werden vom Fellachen
selbst gefertigt. . 0 ^ 0 M. 00 Pf.
Somit kosten alle Ackergeräthe zusammen 179 Piaster
— 26 M. 85 Pf.
Dazu kommen: Saatfrucht für einen FeddLn (Wei-zen, Gerste, Lura) sammt Weizen zum Hausgebrauchbis zur Ernte 800 Piaster — 120 M.
Ein Paar Ochsen kräftigen Schlages L 600 Piaster —1200 Piaster — 180 M.
Also braucht der Fellache ein Betriebskapital von2179 Piaster oder 326 M. 85 Pf., um einen FeddLn
— 30 württembergische Morgen — 9,45 Hektar zu be-bauen.
Diese Summe ist auch für jeden Grundbesitzer maß-gebend; für jeden neu eintretenden Pflüger hat derarabische Grundbesitzer diese Summe beizubringen, diedem Fellachen bis zur Ernte mit Zins und Ziuses-zins aufgeschrieben und ihm auf der Tenne von seinemAntheil am Ertrag (dem Fünften) abgezogen wird. Dader Fellach ein schlechter Rechner, der Grundbesitzer aberMein und Dein gerne verwechselt, so ist nicht zu ver-wundern, daß der Bauer trotz aller Arbeit stets ein De-ficit macht, das ihn Zwingt, jedes andere Jahr das Dorfzu verlassen und seine Lehmhütte in einem andern auf-zurichten. Wachsen aber seine Schulden ihm über denKopf, so packt er seine paar Decken, seinen Kochkessel,seinen Wasserschlauch und, wenn es hoch kommt, seinenWasserkrug (ibmlr) und seine Schuhe zusammen, bepacktden einzigen Esel, wenn ihm dieser noch gelassen wurde,und seine Frau damit und wandert bei Nacht und Nebeldurchs Jordanthal in den Hanran und nach "Adschlün,wo er vor seinen Gläubigern sicher ist. (2I)?V 1889,S. 165.)
Da ich gerade daran bin, das Klagelied des Fel-lachen zu singen, so möge noch ein Passus aus der Rededes Herrn Pfarrers Künzer aus Haifa folgen, welcherin der Generalversammlung des Palästinavsreins derKatholiken Deutschlands am 27. Nov. 1893 sich ver-nehmen ließ:
„Nicht der einzelne Mensch ist besteuert, sondernder Bezirk. Die etwas haben, müssen beitragen; die nichtshaben, können eben nicht. Es arbeitet also jeder nur soviel, als nöthig zum Leben; die fleißig sind, müssen fürdie Faulen mitbezahlen. Das System ist gleichsam einePrämie auf den Müßiggang . Ein anderer Uebelstand istder Naturalzehnt. Von jedem durch die Ernte Erzieltenmuß der Zehnt abgegeben werden. Nun gefällt es demSteuer-Einnehmer oft nicht, zu kommen, um die Erntezu schätzen. Diese muß also liegen bleiben, und oft, umdie ganze Ernte nicht verderben zu lassen, muß der Eigen-thümer noch einen „Backschisch" geben, damit der Ein-nehmer die Gnade hat, zu kommen. Also die Art undWeise der Besteuerung ist mit schuld an dem Niedergangdes Landes .... und so wird das Sprichwort: „Unterdem Fuße des Islam kann nur die Wüste blühen!" einwahres Wort. In unserer Nähe passirte kürzlich Folgendes:Der Kommandeur der Garnison hörte, daß auf einemDorfe noch ein ziemlicher Wohlstand herrscht. Sofortrückte er mit einer Abtheilung Soldaten hin und sagtedem Vorsteher, es hätten sich Militärpflichtige aus demDorfe der Gestellung entzogen. Alles Widersprechen undBeweisen half nichts; er blieb da, so lange noch eine
_ 77 Piaster —11M. 55 Pf.
,") 1 Piaster selmrülr (solche sind gemeint) ist — ca. 15Pfennig.
und Umgebung zu sein. Gewöhnlich aber (nach Konsul Wetz-stein) werben die Siebe von den narnvar verfertigt. Sieheoben. Wetzstein gibt aber keinen Preis an.
") Der Zinsfuß ist meist 20°/„.