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Kuh und ein Hammel da war. Dann zog er wieder ab,um das Experiment an einem anderen Ort zu wiederholen.Natürlich hat man da keine Lust, sich zu Plagen, damitcS ein Anderer wegnimmt."
Die Fellachen, welche nahe bei den Bedninengebietenihre Aecker bebauen, haben noch eine weitere Plage. Esgeschieht nämlich gewöhnlich, daß die Beduinen meistensdes Nachts über die anstehenden Feldfrüchte einer Ge-meinde herfallen nnd nicht selten Hunderte von Kamelenauf einmal beladen. Da sie keine Sicheln haben, soschneiden sie die obere Hälfte der Halme mit Säbeln ab,weßhalb dieser Diebstahl karä, d. i. Aösäbelung, genanntwird. (Wetzstein bei Schegg, Archäologie, S. 147.) Da-her zahlen die Bauern ihren räuberischen Nachbarn die„Bruderschaft" (okrnvrvo), einen Tribut an Getreide, undkaufen sich dadurch von den Räubereien der Beduinen los.
Ich weiß nicht, ob es einen härteren Kampf um'sDasein gibt, als den eines palästinensischen Fellachen.
Der Boden Syriens ist fruchtbar. Bibel und Tal-mud, FlaviusJosephns und Ammianus Marcellinus (14,6),ja selbst der klassische Antisemit Tacitus (bist. 5, 6) be-zeugen uns dieses für das Alterthum. Aber auch jetztnoch ist er fruchtbar oder könnte reichen Ertrag liefern.„Selbst die syrische Wüste besteht nicht aus Sand, son-dern aus gutem Boden, der nach dem ersten Regen eineUnzahl von Blumen und Kräutern, die fetteste Weidehervorsprießen läßt." (Bädeker I.VI.) Raubbau, Entwald-ung und nach Fraas eine Aenderung des Niveaus habenPalästina um den Ruhm gebracht, das Land zu sein, woMilch nnd Honig fließt. Charakteristisch für das heiligeLand ist der Mangel an Humus. „Selbst die grüne Ebenezwischen Meer und Gebirge, die Ebene von Saron undEsdrelon, bietet wohl den lieblichsten Anblick und gewährtnamentlich dem Wüstenreisenden doppeltes Entzücken —aber von Rasenvegetation ist keine Rede. ES ist vielmehreine kräuterreiche Steppenvegetation, üppig zwar in derNiederung, entzückend durch hundertfache Farbennüancen— aber immer tritt der Fuß auf nackten Boden, aufSand in allen Farben, auf rothen und braunen Lehm,der über den Kalken liegt, auf lichte Mengungen vonKalk und Kreide — nur nicht auf europäischen Gras-boden." (Fraas, Aus d. Orient, 1867, S. 196 u. ff.)Während Conder den Unterschied zwischen einst und jetztnur einen Unterschied des Grades und nicht der Artnennt (Pds Lnivs^ ok "lV. kniest. 4. Band x. 495),schließt Fraas a. a. O. aus dem einstigen Hnmusreich-thum, worauf die Wiesen und Wälder, an welchen nachden alten Berichten Palästina so reich war, hinweisen, undaus der jetzigen Abwesenheit von Humus, daß eine Niveau-änderung der Oberfläche des heiligen Landes eingetreten>ein muß.
Wie dem auch sei, der Raubbau und die Entwald-ung haben sicher viel beigetragen, den Ackerbau wenigerlohnend zu machen. Das geht schon daraus hervor, daßda, wo der Ackerbau rationell betrieben wird, z. B. inden deutschen Kolonien, sich ganz günstige Resultate er-geben. Eine Aufforstung im großen Stile würde sichernicht ohne bedeutenden Einfluß auf die hydrographischenVerhältnisse und dadurch aufKlima undFruchtbarkeit bleiben.
Der unermüdliche Dr. Anderlind hat auch hierüberForschungen angestellt, von welchen er2vkV 1885, S. 101u. ff. in dem Artikel „Der Einfluß der Gebirgswald-ungen im nördlichen Palästina auf die Vermehrung derwässerigen Niederschlüge daselbst" Rechenschaft gibt.
Anderlind vergleicht die meteorologischen Beobacht-ungen von Jerusalem mit denen von Nazareth. Jerusalem liegt nämlich in einer nahezu waldlosen Gegend, erst imNorden 75 Kilometer in der Luftlinie und 45 Kilometernach Osten bei eS Salt trifft man größere Wälder; west-lich von Jerusalem befinden sich nur zwei kleine Wäld-chen (ca. 16 Kilometer entfernt) bei Bet Mahsir, welchezusammen 6'/z Hektar ausmachen.
Dagegen ist Nazareth von Wälder» umgeben. Aller-dings sind diese Wälder nicht so dicht wie bet uns undsehr oft nur Niederwald. „Es umfassen die Waldgebieteum Nazareth herum einschließlich der darin enthaltenen»»bewaldeten Flächen 1580 Quadratkilometer---158,000Hektar; die darin vorkommenden wirklichen Waldflächen,das heißt die mit vollkommenen oder unvollkommenen Wald-beständen bedeckten Flächen, 580 Quadratkilometer oder58,000 Hektar; die Vollwalduugen, das heißt die Flächen,welche sich ergeben, wenn man die zu einem großen Theilenicht vollbestandenen wirklichen Waldflächen sich auf voll-bestandenen Niederwald resp. Hochwald zurückgeführt denkt,258 Quadratkilometer oder 25,800 Hektar, wovon 194Quadratkilometer (19,400 Hektar) alsVollniederwaldungenund 64 Quadratkilometer (6400 Hektar) als Voll-Hoch-waldungen gelten können. Ich habe bei dieser Schätzungangenommen, daß die Niederwaldungen durchschnittlich zurHälfte voll bestockt seien, daß ein Hutewald nur ein Drittelvon der Stammzahl eines Hochwaldes gleicher Flüchen-größe enthalte und daß daher die Dichtheit der Bestock«ung erst 3 Flächeneinheiten Hutewald gleich zu erachtenseien einer Flächeneinheit vollen Hochwaldes" (1. v.S.112).
Wie diese Niederwaldungen aussehen, davon gibt Hr.Pfarrer Künzer in seiner bereits citirten Rede folgende,auch nach meinen Erfahrungen treffende Schilderung:„Wenn man zuweilen Reiseschilderungen liest, z. B. überden Karmel, dann denkt man, es muß eine Pracht sein,dieser Berg. Aber wie wird man enttäuscht bei dem An-blick. Kein Wald, nur Gestrüpp, nicht einmal Gras; nureinige dürftige Kräuter sprossen hier und da hervor."
Von den 5 großen Waldgebieten um Nazareth , welche,wie gesagt, mit den 2 kleinen Wäldchen bei Jerusalem die einzigen Wälder diesseits deS Jordans sind, kenneich 3 aus eigener Anschauung: den Karmel, den Taborund den großen Wald zwischen Haifa, Akko und Naza-reth ; dagegen die 2 übrigen, den Wald bet Umm el fahm ")und den zwischen Tyrus-Safed-Nazareth liegenden, habeich nicht besucht. Wenn ich mein Urtheil über die vonmir durchrittenen Wälder abgeben soll, so kann ich nursagen, daß selbst die Hochwälder nie und nimmer dassind, was wir Deutsche einen Wald nennen. Denn dieBäume stehen zu weit auseinander; es machen diese«Wälder" den gleichen Eindruck wie der Münchener Hof-garten. Dort stehen auch eine Menge Bäume, aber jederin respektabler Entfernung von dem andern. Die Nieder-wälder machen den Eindruck wie die Auen an unserenFlüssen. Erst der Cedernwald auf dem Libanon ist das,was man im Deutschen einen Wald nennt.
Anderlind gelangt nach Vergleichung der meteoro-logischen Beobachtungen der beiden Orte zu dem Re-sultate, daß die GebirgSwalduugen Nordpalästiua's dieRegenmenge daselbst wahrscheinlich nicht unerheblich ver-mehren. „Aeußern sonach", schließt Auderlind S. 114,„wahrscheinlich schon Wälder von der Ausdehnung undBeschaffenheit der im nördlichen Palästina vorkommenden
") Das ist der Wald Ephraim der Bibel.