AnttrAattimgsdlatt
M
„Augslmrger PostMung".
M 37.
Dinstag, den 5. Mai
1896.
Für die Redaction verantwortlicb: vr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Berlag des Lilerarischen Instituts von Haar L Graddcrr in Augsburg (Borbesttzer l>r. Mar Huttler).
Judas Wakkabäus.
Historischer Roman von A. L. O. E.
Frei nach dem Englischen von D. Colonius.
(Fortsetzung.)
27. Kapitel.
Die Flucht.
Mit einem sonderbaren Gemisch von Glückseligkeitund Furcht folgte Sarah ihrem Vater aus dem Gemach,welches ihr Gefängniß gewesen war. Der SegenAbner's lag so warm auf dem Herzen seiner Tochter.Sarah war nun nicht mehr wie eine, die in die Tiefender Finsterniß blickt, um den Schimmer irgend einesschrecklichen Gegenstandes zu erspähen; sie hatte ge-funden, was sie gesucht, und durch die Bande der Liebeeinen verlorenen Vater an's Licht gezogen und gerettet.Es erfüllte Sarah mit Entzücken, wenn sie daran dachte,wie groß die Freude der Hadassah bei der Wiederkehrihres Sohnes sein würde. Das Mädchen konnte sichder überstandenen Gefahren freuen und mit einem Muth,über den sie sich selbst wunderte, den bevorstehendenentgegengehen. So klar konnte sie nun sehen, daß ihreLeiden für die, die sie liebte, ein Mittel zum Segengewesen waren. Mit leichtem, geräuschlosem Schritt folgteSarah der Weisung ihres wiedergefundenen Vaters und,ihn immer im Auge behaltend, kam sie in den erstenHof, den sie zu durchschreiten hatte. Er war gepflastert,von Pfeilern umgeben, unter freiem Himmel, dessentiefes Blau im Morgenlichte erblaßte. Sie bemerkte,daß ihr Vater ängstlich zu dem Gebäude, welches dielinke Seite des Hofes bildete, blickte, wo marmornePfeiler mit gekrönten Säulen und reich verziertenKapitälen einen prachtvollen FricS trugen. Antiochusselbst bewohnte diesen Palast, aber kein Auge blickte zujener frühen Stunde auf die beiden Gestalten, welcheda unten über den marmorgepflasterten Hof glitten.Unter dem Schatten des nun erreichten Säulengangeserwartete Pollux seine Tochter. Die erste Gefahr warglücklich überstanden. Pollux deutete nun auf einenbreiten, bedeckten Gang zur Rechten, welcher von Lampenerleuchtet war, deren einige schon ausgebrannt waren,während andere nur noch flackerten. Sarah sah aufdem andern Ende dunkle Gestalten. Es waren dieWächter, die, von der langen Nachtwache ermüdet,augenscheinlich schliefen; denn sie schienen sich in halbsitzender, halb liegender Stellung zu befinden und ver-hielten sich vollkommen ruhig.
Sarah mußte nun zuerst gehen, und mit klopfendemHerzen näherte sich das Mädchen den beiden Kriegern,indem sie, da sie die Größe der Gefahr fühlte, ein un-hörbares Gebet hauchte. Der Gang, an dessen Endedie Krieger Wache hielten, mündete in einen der kleinenGärten, welche das Innere des ausgedehnten Gebäudesschmückten, mit einem Bassin in der Mitte, von welchemgewöhnlich ein schöner Springbrunnen aus einer Gruppevon Marmorstatuen, die Niobe mit ihren Kindern dar-stellend, in die Höhe stieg.
Es war unmöglich, den Garten zu erreichen, ohnean den beiden Wächtern vorbeizukommen. Sarahkonnte nicht unterscheiden, ob sie wirklich schliefen, undder Raum zwischen ihnen war kaum breit genug, umihr den Durchgang zu ermöglichen. Zitternd und dochvoll Hoffnung ging Sarah langsam und doch vorsichtig,den Krug auf dem Kopfe, vorwärts.
Gerade, als sie bet der Wache vorbeiglitt, fuhr dieeine in die Höhe und ergriff ihr Gewand. „Ha,Sklavin! Was hast Du vor zu dieser frühen Stunde?"
„Mein Herr hat mir geboten, meinen Krug injenen Teich zu tauchen," sagte Sarah mit so festerStimme, als es ihr nur möglich war.
„Ich glaube, Dein Herr hat sich mit starken Ge-tränken erhitzt, sonst würde er zu dieser frühen Stundekein Wasser brauchen," sagte der Krieger, indem erSarah losließ, welche verwundert über ihren Erfolgschnell in den Garten eilte. Sie vergaß beinahe inihrer Hast zu entkommen, daß es doch nöthig war, ihrenKrug in das Wasser zu tauchen, da sie noch in Sichtder Syrer war. Das Mädchen mußte noch zwei bisdrei Schritte zurückgehen und beugte sich dann über denRand des Bassins. Das kühle Wasser erfrischte sie,als sie ihre schlanken Finger hinetntauchte.
„Nun," dachte Sarah, „ist noch ein langer,dunkler Gang zu durchschreiten, liegt er zur Rechtenoder zur Linken? Ich kann mich kaum der Weisungmeines Vaters erinnern und ein Irrthum kann fürihn und für mich verhängnißvoll werden. O, mag Gott mich führen!"
Als Sarah ängstlich umherblickte, bemerkte sie zurLinken, in der Menge von Gebäuden, welche denGarten einschlössen, eine enge Oeffnung. Die Ocffnungwar so finster, daß sie dem zitternden Mädchen wie derMund eines offenen Grabes vorkam, und sie fürchtetesich hineinzugehen.