Ausgabe 
(5.5.1896) 37
Seite
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Als sie noch zögernd dastand, hörte sie hinter sichihren Vater, wie er der Schildwache die Losung sagte.Seine Stimme stärkte den Muth seines Kindes. Eswar sür sie ein großer Trost, ihn in der Nähe zuwissen. Indem Sarah nun den Garten verließ, tratsie in den dunklen Gang. Er war nicht ganz so finster,als er von außen geschienen. Das Mädchen konnteschwach in der Wand eine Nische unterscheiden, inwelche sie ihren Krug stellte, welcher ihr bei ihrerFlucht nur noch eine Last war. Der Gang, durchwelchen Sarah sich jetzt tappen mußte, war ein Schleich-weg für Sklaven, welche Fleisch und andere Lastentrugen. Auch kam es nicht selten vor, daß Höflingemit geheimen Aufträgen ihn benutzten. Er grenzte aneinen viel größeren Gang, der ihn in einem rechtenWinkel durchschnitt und zu einer Pforte des Palastesführte, an welchem Tag und Nacht viele Krieger Wachehielten.

Als Sarah den Punkt erreichte, wo der kleineGang in den größeren mündete, wurde sie des größtenHindernisses gewahr, welches sie zu bestehen gehabt.Die hier Wache haltenden Krieger waren nämlich wachund die Thür, welche ein weiteres Vordringen ermöglichte,stark verriegelt. Dem jungen Flüchtling schien diesesHinderniß unüberwindlich. Dem Auge Sarah's zeigtesich nicht die kleinste Möglichkeit, diese Thür aufzuriegeln,damit sie hinauskäme.

Das Herz des fliehenden Mädchens sank. Es warschrecklich, der Freiheit so nahe zu sein und noch ein sounüberwindliches Hinderniß vor sich zu haben. Wieschrecklich sahen die tödtlichen Waffen der Krieger aus,als sie dort in dem erblaßten Fackellicht schimmerten,wie ernst starrten die wettergebräunten Krieger desAntiochus Epiphanes vor sich hin.

Sarah lehnte sich an die Wand des dunkeln, engenGanges und horchte auf die Fußtritte ihres Vaters.Sie wagte nicht, sich aus dem Schatten in den er-leuchteten Gang zu begeben.

Jetzt war Pollux an ihrer Seite; sie fühlte seineHand leise auf ihrer Schulter.

Alles ist verloren, wenn Du mich zu rettensuchst, Vater," flüsterte des zitternde Mädchen.O,gehe ohne mich weiter, überlasse mich GottesFührung. Ich kann nicht an jenen Wachen vorbei-gehen."

Wenn ich meine Hand erhebe, dann komm' undfolge mir," flüsterte Pollux. Darauf trat der Höfling,nicht wie ein Gefangener, der fliehen will, sondern mitdem festen Tritt eines Mannes, der nicht an seinemRecht und seiner Macht zweifelt, zu gehen, wohin esihm beliebt, in den Gang und näherte sich den Wachen,welche nach orientalischem Brauch einen Edlen hohenStandes, der ihnen allen bekannt war, grüßten.

Die Losung ist: Das Schwert des AntiochuslRiegelt jenes Thor schnell auf, ich bin hier in dringendenAngelegenheiten, die keinen Aufschub erleiden dürfen,"redete Pollux die Wachen im Tone des Befehls an.

, Dieser Befehl wurde augenblicklich befolgt. Sarahhörte mit freudig klopfendem Herzen, wie Riegel aufRiegel zurückgeschoben wurde und die Thür in denAngeln kreischte. Sie fühlte das Wehen der frischenLuft, die von außen eindrang. Pollux schien hinaus-gehen zu wollen, als er plötzlich die Hand zum Zeichenfür seine Tochter erhob. Sarah gehorchte in athem-

loser Spannung dem Zeichen und glitt vorwärts, umaus dem Palast zu kommen. Einer der Krieger ver-sperrte ihr jedoch den Austritt mit seiner Waffe.

Lass' die Sklavin gehen," gebot Pollux ernst.

Augenblicklich senkte sich die Spitze der Waffe.Aber ein anderer Krieger war im Begriff, Einspruch zuerheben.Es ist gegen die Ordnung," begann er.

Aber Pollux ließ ihn nicht ausreden.Mich dünkt,Du dientest unter mir im Heer des Gorgias," bemerkteder Höfling mit großer Geistesgegenwart.

Ja, gewiß mein Herr," antwortete der Krieger.

Wenn wir das nächste Mal Makkabäus wieder-sehen, wollen wir ihn nicht schonen," bemerkte derEdle.Hier, mein Braver," sagte er, indem er einenschweren Beutel mit Gold hervorzog,theile dies unterEuch und trinke auf glücklichen Sieg für die Tapferen."

Die Krieger konnten kaum ein Freudengeschrei überdie unerwartete Freigebigkeit des Pollux unterdrücken.Nicht einer sah mehr auf Sarah, als sie in die freieLuft sich hinausbewegte.

O beseligendes Gefühl der Freiheit! Wie köstlichwehte die frühe Morgenluft in das Antlitz der Flücht-linge, wie herrlich breitete sich das Gewölbe über ihnenaus, welches im ersten Licht der Dämmerung sich zuröthen begann! Pollux fühlte, wenn auch in viel ge-ringerem Grade, etwas von der Freude, die seine Tochterempfand, als er mit ihr die Marmorstufen hinabstieg,die von dem im griechischen Stil erbauten Palast zu derPlattform, auf welcher er errichtet war, hinabführten.

Dies ist der Weg, den wir einzuschlagen haben,"sagte Pollux, indem er Sarah fortzog und auf eineder hohen, engen Straßen Jerusalems deutete.Wirmüssen soviel Raum als möglich zwischen uns und dieVerfolger bringen, bevor die Sonne ausgeht. WollteGott , wir wären eher fortgekommen! Viele Gefahrenliegen noch vor uns."

Eine war näher, als der Sprecher ahnte. Kaumwaren nämlich die Flüchtlinge in die nächste Straße ein-gebogen, als sie einem syrischen Höfling in prächtigerKleidung begegneten, dessen unsicherer Gang verrieth, inwelcher Weise er die Nacht zugebracht hatte. Trotzdemer mehr als halbberauscht war, erkannte Lystmachus dochsofort den Pollux.

Ha, wo willst Du hin?" rief Lysimachus, welcherin dem engen Pfade dicht vor den Flüchtlingen hin- undherschwankend stehen blieb.

Ich gebe über meine Handlungen nur denenRechenschaft, die ein Recht haben, danach zu fragen,"sagte Pollux stolz, indem er an seinem Gegner vor-bei ging, während Sarah dicht hinter ihrem Vaterblieb.

Der Fuchs haite die Falle bemerkt, Pollux hatgewittert, daß ich sein Todesurtheil in den Händen habe,und daß vor Sonnenuntergang sein Kopf noch fallenmuß!" schrie Lysimachus . Pollux fuhr bei diesen Wortenseines Feindes auf.

Er will fliehen!" fuhr Lysimachus noch lauterfort.Er will zu den Hebräern zurück, aber diessoll ihn aufhalten." Und mit einer schnellen, uner-warteten Bewegung stieß der Syrer einen Dolch in dieBrust des Pollux. Dann aber fiel er selbst leblos inden Staub. Lysimachus war von einem Schwerthiebedes Lycidas niedergestreckt worden, der nur wenige Schrittehinter ihm gewesen war.