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denn er konnte das Antlitz des Pollux nicht ansehen,ohne zu glauben, daß das Leben erloschen sei. „Wirmüssen den Sohn sanft aus den Armen der Mutterlösen." Aber diese Beiden, die im Leben so lange ge-trennt gewesen waren, konnten im Tode nicht getrenntwerden. Ein Mensch hatte nicht die Kraft, sie voneinander zu scheiden. Oft hatte Hadassah geglaubt, daßihr Herz vor Kummer brechen würde, — nun war esvor Freude gesprungen! Die Tage ihrer Trübsal warenvorüber. Ihre ewige Sabbathruhe hatte begonnen.Das selige Lächeln, welches kürzlich noch im Schlaf ihreLippen umspielt hatte, lag auch jetzt darauf im letzten,friedlichen Schlummer, aus welchem sie zum Weinennie wieder erwachen sollte. Ihr war nach Herzens-wünschen gegeben, so konnte sie in Frieden dahinfahren.Gesegneter Tod, glückselige Heimfahrt!
28. Kapitel.
Vereinigt im Grabe.
Lycidas wagte erst nicht, Sarah die schrecklicheWahrheit zu entdecken, daß sie mit einem Schlage ihrerbeiden Beschützer beraubt, daß sie nun wirklich eineWaise und allein in der Welt sei. Sarah sah, daßihr Vater todt war, glaubte aber, daß Hadassah nurin tiefer Ohnmacht läge. Die halb unterdrückte Weh-klage Hannah's über ihre Gebieterin offenbarte zuerstdie ganze Ausdehnung ihres Verlustes. Seine Größebetäubte sie beinahe. Es war ein lähmender Schreck.
Lycidas erinnerte sich nunmehr der großen Ge-fahr, in der Sarah, welche dieselbe für den Augenblickganz vergessen hatte, schwebte, sobald sie von den Syrernentdeckt und verhaftet würde. DeS Griechen Hauptsorgewar jetzt, ihr kostbares Leben zu retten. Er versuchtesie zur Flucht zu bewegen, aber selbst seine Bittenkonnten die Trauernde von den todten Körpern desPollux und der Hadassah nicht fortbewegen. Es schien,als ob Sarah die Größe des Verlustes nicht fassenkönne. „Was ist hier zu machen?" rief der Griechevoll Verzweiflung. „Wenn die Syrer sie hier finden,ist sie verloren. Die Stadt wird bald lebendig sein,schon höre ich das Dröhnen von Rossehufen."
In demselben Augenblicke erschien ein Mann, derein großes, mit zwei leeren Körben beladenes Maul-thier am Zügel führte und im Begriff war, einsamseines Weges weiter zu ziehen. Bet seiner Annäherungerkannte Lycidas zu seiner großen Freude, daß es Joab war, ein Mann, dessen Gesicht er wohl so leicht nichtvergessen konnte, da es von den hervorragendsten Er-eignissen in dem Leben des jungen Atheners unzertrenn-lich war.
„Ha l die Frau Hadassah!" rief der Maulthiertreiberin einem Ton des Erstaunens und des Bedauerns, alssein Auge auf den leblosen Körper fiel, an den Sarahsich fest klammerte.
„Ich habe Dich früher schon gesehen, ich weiß, daßDu ein guter, zuverlässiger Mann bist," sagte Lycidasschnell, „Du wagtest Dein Leben beim Begräbniß derMärtyrer, Du wirst uns auch jetzt in unserer großenNoth helfen. Lass' uns diese Körper auf Dein Maul-thier laden und bringe sie so heimlich und schnell alsmöglich in das Haus der Hadassah."
„Ich wollte alles für meine alte Herrin wagen,"entgegnete Joab , „aber was jenen seidegekleideten Syreranbetrifft, so habe ich nicht Lust, mein Maulthicr
mit seinem Leichnam zu beladen." Der Maulthier-treiber sah dabei mit Erstaunen auf den Körper desPollux.
„Wer ist er?" fuhr Joab fort, „und wie kommtes, daß er von den Armen der Frau Hadassah um-schlossen ist?"
„Mein Vater, — er ist mein Vater!" schluchzteSarah.
„Nimm sie Beide auf!" sagte Lycidas, „wirkönnen sie nicht trennen, und es ist keine Zeit zu ver-lieren!"
Die vereinigten Anstrengungen sämmtlicher ge-nügten kaum, die beiden Körper auf den Rücken desMaulthieres zu heben, welches, obgleich ein großes,starkes Thier, kaum die doppelte Last tragen konnte.Joab nahm seinen großen, groben Mantel und deckteihn über die Leichname, um sie zu verbergen. Dannnahm er sein Thier am Zügel und führte es still-schweigend vorwärts.
„Droht von diesem keine Gefahr?" fragte Hannahden Lycidas, indem sie auf Lysimachus deutete, welcherbesinnungslos und, da sein Kopf beim Fall sich starkan einen Stein gestoßen hatte, blutend am Bodenlag. Nach einer kurzen Untersuchung überzeugte sichLycidas, daß der Höfling sich wirklich in einem Zustandevölliger Bewußtlosigkeit befand und von dem, was umihn vorging, nichts merkte.
Lycidas wandte sich nun zu Sarah, die, wie einegeknickte Lilie gebeugt, dem Leichnam der Hadassahund des Pollux folgte. Er bot ihr bei dem Gangeseine Hilfe an. Sie vermochte dieselbe nicht zurückzu-weisen. Eine Todeskälte schien über sie gekommen zusein, und hätte Lycidas sie nicht gehalten, würde sieauf dem Wege umgesunken sein. Mit sonderbaren Ge-fühlen dachte Lycidas später an diesen Gang durchJerusalem . Das Wesen, welches er auf dieser Weltam meisten liebte, lehnte sich auf seinen Arm, zu er-schöpft, um seine Hilfe zurückzuweisen.
Er war unaussprechlich glücklich, ihr so nahe zusein. Was aber die Seele des Lycidas am tiefsten be-wegte, war eine verzehrende Angst um Sarah und derWunsch, bald einen Ort zu erreichen, wo er sie bei derdrohenden Gefahr geborgen wußte. Entsetzlich langsamerschien ihm der Gang des schwer beladenen Maul-thieres, schrecklich lang die Strecke, die noch zurückzu-legen war.
Der Maulthiertreiber vermied absichtlich den geradenWeg und wählte einen weniger besuchten, der außerhalbder Stadt an den Trümmern der Mauern von Jerusalem vorbeiführte, die Apollonius niedergerissen hatte. Sehrunwillkommen war dem Lycidas das Anbrechen desTages, das die Stadtbewohner zu neuem Leben erweckte.Jedes menschliche Wesen, das ihnen begegnete, selbstwenn es nur ein Kind war, flößte ihnen Schrecken ein.Der wüthige junge Grieche war voll tödtlicher Angstum ein Wesen, das in seinem Kummer allen Sinn fürpersönliche Gefahr verloren hatte.
Daß die kleine Schaar nur Wenigen begegnete,verdankte sie theils der Klugheit und Geschicklichkett, mitwelcher Joab seinen Weg wählte, theils der frühenTagesstunde, in welcher nur Leute aus ärmeren Klassenin den Straßen sich zeigten, um ihrer Tagesarbett nach-zugehen. Fragende Blicke richteten sich zwar oft aufden kleinen Zug, doch lehrte jene Zeit der Gefahr und