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Und wie hatte Sarah dieses letzte halbe Jahr zu-gebracht? Sehr langsam und sehr schwer war ihr dieZeit vergangen, wie sie gewöhnlich denen vergeht, die eingroßes Leid im Herzen tragen. Tief, sehr tief trauerteSarah um Hadaffah, die ihr mehr als eine Mutter ge-wesen, ihre Rathgebertn, ihre Führerin. Viel weinteauch Sarah um ihren Vater, obgleich eine wehmüthigeFreude diesem Kummer sich beimischte. Tausendmalwiederholte sie sich seine Segensworte, — tausendmaldankte sie Gott inbrünstig, daß er sie und ihren Vaterzusammengeführt. Die Worte des Lysimachus hattenihr Herz von dem, was es sonst schwer bedrückt habenwürde, erleichtert. Jene Worte sagten ihr, daß Polluxein verurtheilter Mann war, daß ein Abfall ihrerseitsfein Leben nicht gerettet haben würde, und daß, wenner nicht von dem Dolch des Syrers starb, er unwider-ruflich dem Beil des Scharfrichters verfallen mußte.Und wäre Pollux auf solche Weise umgekommen, sowürde jener Hoffnungsschimmer, der, in Sarah's Augenwenigstens, auf Abner's Grabe ruhte, nicht vorhandengewesen sein.
Sarah verließ nie den Umkreis ihrer abgeschiedenenWohnung, außer, wenn sie das Grab besuchte. Wohinsie ging — so oft sie sich hinauswagte, war sie vonder treuen Hannah begleitet. Kein fremder Fuß über-schritt jemals ihre Schwelle. Sarah's einfache Bedürf-nisse wurden immer befriedigt. Hannah veräußertein Jerusalem den Flachs, den ihre junge Gebieterin ge-sponnen, sobald sie hinreichende Kraft fühlte, um ihrebescheidenen häuslichen Arbeiten wieder vorzunehmen.Während der Krankheit des Mädchens hatte Hannahheimlich jene kostbaren Pergamentrollen, von welchenHadaffah eine Abschrift gemacht hatte, verkauft unddafür einen Preis bekommen, der sie in den Standsetzte, der Kranken für viele Wochen jede Bequemlichkeit,deren sie bedurfte, ja manchen Luxus zu verschaffen.
Die Abschriften entstanden selbst von einer Hand,die nun im Grabe ruhte, und Sarah zählte sie zuihrem kostbarsten Besitzthume. Ihre liebste Beschäftigungwar, in ihnen zu lesen, über ihnen zu beten und denInhalt ihrem Gedächtniß einzuprägen.
Sarah hatte nicht die Mittel zu einer längerenweiteren Reise, wenn sie dieselbe nicht zu Fuß machenwollte, sie hätte denn einige Juwelen, die sievon ihren Eltern geerbt hatte, veräußern müssen. Aberhierzu konnte sie sich nicht entschließen, da sie ihr zutheuer waren, auch fürchtete sie, daß durch den Verkaufder Edelsteine ihr Zufluchtsort leicht entdeckt werdenkönne. Hannah war wohl als Dienerin treu, aber alsRathgebertn nicht zuverlässig, und ihre junge, schüchterne,sanfte Gebieterin fühlte sich so ohne jeden Schutz undFührer nicht stark und muthig genug, um eine so ge-fährliche Reise von Jerusalem nach Bethsura zu unter-nehmen.
Die Nothwendigkeit, den Schutz deS Makkabäusaufzusuchen, falls Rahel nicht mehr lebte, vergrößertenoch ihre Unlust, ihren jetzigen Zufluchtsort zu ver-lassen. Das Mädchen erinnerte sich noch zu gut dessen,was Hadaffah ihr hinsichtlich ihrer Vereinigung mitJudas eröffnet, um nicht zu fühlen, daß es äußerstpeinlich für sie werden würde, wenn sie sich an dieGüte ihres braven Verwandten wendete. Sarah hätteihm um alles nicht sagen können, warum ihr der Ge-danke einer Vereinigung mit ihm verhaßt und warum
sie abgeneigt war, die Wünsche des MattathiaS und derHadaffah zu erfüllen.
Während Makkabäus oft eine fast unüberwindlicheSehnsucht fühlte, Sarah noch einmal zu sehen, schaudertediese bei dem Gedanken an den hebräischen Führer.Eine große Liebe fesselte auch die Waise an das Grabihrer Eltern und an den Ort, wo sie ihre Kindheitverlebt hatte; liebe Erinnerungen knüpften sich beinahean jeden Gegenstand, auf dem ihr Auge ruhte. Die-jenigen, denen die Gegenwart eine dornige Einöde undderen Blick in die Zukunft durch düstere Nebel getrübtist, verweilen lieber als andere bei freundlichen Bildern,die das Gedächtniß in der Vergangenheit erblickt. Esist der Jugend so natürlich, in die Zukunft zu schauen,Sarah dagegen blickte, was ihr Leben auf Erden an-betraf, nur zurück. Welch ein Segen war es für sie,daß sie es mit einem so wenig beunruhigten Gewissenthun konnte. Wer nicht den Werth eines Schatzes er-kannt, bis die Zeit das verachtete Gut hinwrggefpült,trägt selbst die Schuld an dem Elend, das er fühlt undmacht sich die Welt zu der Wildniß, die sie ist.
Als der Winter heranzog und die Zeit der Wein-lese vorüber war, die Blätter fielen und die Luft nachSonnenuntergang kälter wurde, traten Umstände ein,welche eine Veränderung in dem einförmigen, ruhigenLeben Sarah's herbeiführten. Der Sturm des Lebenswar im Begriff, eine andere Wendung zu nehmen undsie neuen Prüfungen auszusetzen.
30. Kapitel.
Veränderungen.
Eines Abends gegen Sonnenuntergang, als Sarahallein an ihrem Rade saß und die Rückkehr Hannah'saus der Stadt erwartete, wurde sie dadurch erschreckt,daß eine Hand leise an ihre Thür klopfte. Die Handwar nicht der Hannah gehörig; denn diese hatte betihrer Rückkehr stets eine besondere Art, ihr Erscheinenkund zu geben. Da niemals ein Besucher in Sarah'sWohnung kam, war es kein Wunder, daß diese bei demungewohnten Geräusch erschrak, besonders als sie ihregewöhnliche Vorsicht, in Hannah's Abwesenheit die Thürzu verriegeln, versäumt hatte. Als das junge Mädchenhastig aufstand, um das Versäumte nachzuholen, wurdedie Thür von außen geöffnet und Lycidas stand vorihr. Das Gesicht deS Griechen drückte Angst und Un-ruhe aus.
„Vergib mir mein Eindringen," sagte Lycidas,indem er sich höflich vor dem erstaunten Mädchen ver-neigte, „allein die Sorge um Deine Sicherheit zwingt«ich, die Zusammenkunft zu suchen. Ich sah heuteLysimachuS, den syrischen Höfling — wie wir zusammen-trafen und weßhalb er mir das sagte, was ich im Be-griffe bin, Dir zu eröffnen, thut nichts zur Sache, undich werde mich kurz fassen: Lysimachus erzählte mir,daß nach Mittheilungen, ^die er erhalten hätte — wie,das weiß ich nicht — er Ursache hätte, zu vermuthen,daß das Mädchen, welches vor ungefähr einem halbenJahre von Antiochus zum Tode verurtheilt worden wäre,falls sie sich weigerte, von ihrem Glauben abzufallen,in einem einsam liegenden Häuschen im Osten vonJerusalem wohne. Der Syrer erklärte, daß er die Ab-sicht habe, morgen früh jeden Fleck, der möglicherweisedem Mädchen als Zufluchtsort dienen könne, sorgfältigdurchsuchen zu lassen und, wenn sie gefunden würde,