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sie zu ergreifen, um sie dann als Gefangene nach Persien zu dem erbarmungslosen Tyrannen, dem er diene, zuschicken."
Sarah wurde bei dieser Nachricht sehr blaß.
«Du mußt diese Nacht noch fliehen, theures Mäd-chen," sagte LycidaS, «diese Wohnung bietet Dir keinenSchutz mehr."
„Wohin kann ich fliehen und wie?" murmelte dieWaise, «ich habe keinen Freund hier, außer —"
Sarah zögerte und LycidaS beendete den Satz.„Außer dem Einen, dem Dein leisester Wunsch Befehlist, dem jedes Haar auf Deinem Haupte theurer alssein Leben istl" rief der Athener .
«Sprich nicht so zu mir, LycidaS," sprach Sarahtn bittendem Tone, «Du kennst zu gut die unüber-steigliche Kluft, welche uns trennt."
„Nicht unübersteiglich, Sarah!" rief der Grieche.«Sie ist beseitigt, ich habe sie überschritten, sie trenntuns nicht mehr. Höre mich, Tochter Abrahams! Vielhabe ich gelernt, seit ich diese Schwelle überschritt, vielhabe ich geforscht in Euren Schriften, schon lange habeich heimlich die Weisen befragt und mich von ihnenunterrichten lassen in Eurem Glauben. Ich bin nunüberzeugt, daß es nur einen Gott gibt, einen Gott, dersich selbst dem Abraham offenbart hat: ich habe jedemheidnischen Aberglauben entsagt, ich handle in allenDingen nach dem GesiO- Mosis, ich bin als ein völligBekehrter in die jüdische Religion aufgenommen undbin nun, wie Achior der Ammoniter, außer Namen undGeburt, in allen Dingen ein Hebräer."
Sarah konnte einen Ausruf des Entzückens nichtunterdrücken, ihr ganzes Gesicht war überstrahlt voneinem Ausdruck glückseliger Freude, die einen Widerscheinauf den, der vor ihr stand, warf. In jenem wonne-vollen Moment fühlte LycidaS, daß er geliebt wurde.
«O Freude!" rief Sarah, indem sie ihre Händefaltete, „dann bist Du also auch in den heiligen Bundaufgenommen und wirst zu den Kindern Abrahams ge-zählt! Dann darf ich auf Dich wie auf einen Brudexsehen!"
„Kannst Du nicht auf mich wie auf etwas mehrals einen Bruder sehen, Sarah?" rief der Athener .„Kannst Du nicht fliehen, — da Du doch fliehen mußtvon diesem gefährlichen Ort — unter dem Schutze einesliebenden. Dir verlobten Gatten?"
Sarah erröthete, zitterte, bedeckte ihr Gesicht mitden Händen und sank auf den Divan, von welchem siesich erhoben hatte, als sie das Anklopfen des Griechengehört hatte, zurück.
LycidaS wagte eS, sich neben sie zu sehen, eineihrer Hände zu nehmen und sie zuerst an sein Herz,dann an seine Lippen zu drücken — denn er hieltSarah'tz Stillschweigen für Zustimmung.
Aber das Gesicht des Mädchens trug nicht denAusdruck ungetrübten Glückes, sie fühlte sich beunruhigtund war unschlüssig über das, was sie thun sollte.Sie bedeckte wieder ihr Gesicht mit den Händen undmurmelte: „O, daß meine Mutter hier wäre, mich zuleiten!"
„Hadassah würde eine» Bekehrten, den die Nettestenangenommen haben, nicht zurückstoßen, sie war zu groß-herzig und zu gerecht," sagte LycidaS enttäuscht undetwas verletzt durch die Zweifel, welche augenscheinlichdas Gemüth des Mädchens beunruhigten. „Höre nun,
«eine Sarah," fuhr er fort, „den Plan, welchen ich zpDeiner Flucht entworfen. Ich habe schon mit demtreuen Joab Vorkehrungen getroffen. Er wird eineStunde nach Mitternacht eine Pferdesänfte bringen,welche Dich und Deine Magd aufnehmen und fort-bringen wird. Ich selbst werde mich bewaffnen undzu Rosse Dich begleiten. Wir werden zunächst unsemWeg nach der Küste zu nehmen. In Joppe werdenwir, so hoffe ich, ein Schiff finden, dessen weiße Flügeluns bald in mein schönes, herrliches Vaterland bringenwerden, wo Liebe, Freiheit und Glück meine schöneBraut erwarten."
Einige Minuten lang gab Sarah keine Antwort.Wie verlockend war die Aussicht, die sich da so plötz-lich vor ihr öffnete, strahlend in rosigem Licht, wie dieWolken beim Sonnenaufang. Dann zeigte Sarah ihrAntlitz wieder, aber ohne es zu erheben oder LycidaSanzublicken, und sagte mit vor Bewegung zitternderStimme:
„Hadassah, meine Mutter, würde es für unschicklichbefunden haben, wenn ein Mädchen aus ihrem Vater-lande in ein Land, wo Gott weder bekannt ist, nochangebetet wird, unter dem Schutze eines Mannes, dernicht zu ihrer Verwandtschaft gehört, flieht."
«Ich glaubte, Du hättest keine Verwandten, Sarah,"sagte LycidaS, „und es wäre von Deiner Familieniemand übrig geblieben» dessen Schutz Du suchenkönntest."
«Ich habe — oder hatte — eine alte Verwandte,Nahel von Bethsura," antwortete Sarah, „welche, wennsie noch lebt, mich in ihrer Heimath aufnehmen wird.Demnächst sind die hasmonäischen Brüder meine Ver-wandten."
«Die edelste Familie des Landes!" rief der Athener .„Wenn es denn wirklich unmöglich für Dich ist, mit mirnach Griechenland —"
„Nicht unmöglich, aber unrecht," warf Sarah sanftein. „ES wäre gegen den Willen meiner Mutter, derenWünsche mir jetzt heiliger sind, denn je."
„Dann werde mein in Deinem eigenen Vaterlande l"rief LycidaS, «wo ich zeigen werde, daß ich verdiene.Dich zu gewinnen. Werden der edle Judas und seineBrüder mich für unwürdig halten, mich mit einer ihresStammes zu verbinden, wenn ich mein Schwert der-selben Sache weihe, für welche sie kämpfen, einer Sache,die ebenso glorreich ist, als die, für welche mein Vor-fahr bei Marathon starb?"
Noch wollte die Wolke deS Zweifels nicht vonSarah's Stirn weichen. Es gab noch ein Hinderniß,welches dem LycidaS zu offenbaren ihr schwer wurde.Endlich sagte sie schüchtern, indem ihre Wangen sich miteiner Purpurröthe überzogen: „Soll ich ganz aufrichtiggegen Dich sein, LycidaS?"
„Ganz," antwortete der Athener mit peinlicher Be-sorgniß im Herzen.
„Meine geliebte Großmutter ist zur Ruhe, ich kannihre theure Stimme nicht wehr hören, aber sie hat michüber ihre Wünsche und Pläne nicht in Unwissenheit ge-lassen," sagte Sarah. „Ich glaube — ich bin sogarganz gewiß," — Sarah konnte tn ihrer Verwirrungkaum deutlich genug für das Ohr des LycidaS sprechen,der sich bemühte, keines ihrer Worte zu verlieren —„sie hat «ich für einen Anderen bestimmt, ich weißnicht einmal, ob ich nicht schon verlobt bin."