LycidaS konnte sich kaum eines leidenschaftlichenAusrufes enthalten.
„Es war böse — grausam — schändlich I" rief er,„so über Deine Hand zu verfügen, ohne Deine Zu-stimmung!"
„Solche Worte dürfen niemals gebraucht werdengegen etwas, was sie that. Die treue Mutter hattestets das Glück und die Ehre ihres Kindes im Auge.Sie würde mir niemals eine Ehe aufgedrungen haben,gegen die mein Herz sich empörte, aber sie machte michmit ihren Wünschen bekannt, und an dem letzten Tage,an welchem wir zusammen waren" — die Thränen flössenreichlich aus Sarah's niedergeschlagenen Augen, indemsie fortfuhr — „an jenem verhängnißvollen Tage, bevorich sie verließ, um dem Passahfeste beizuwohnen, beauf-tragte sie mich bet der Liebe, die ich für sie hegte, nie-mals einen wichtigen Schritt im Leben zu thun, ohnevorher ihn, den sie für «einen besten irdischen Be-schützer hielt, um Rath zu fragen."
„Und wer wag dieser Anserwählte sein?" fragteLycidaS beinahe heftig, während eine qualvolle Eifersuchtsich in seinem Innern regte, als er den Namen seine-Nebenbuhlers zu hören wünschte.
Sarah murmelte: „Judas MakkabäuS ."
„Judas Makkabäus !" rief der junge Grieche indie Höhe springend, ebenso bei dem Klänge dieses Namensbeunrnhtgt, als die Krieger von Nikanor.
Lycidas hatte die Laufbahn des hebräischen Heldenmit der begeisterten Bewunderung betrachtet, wie solchenur edle, nur poetische Naturen, gleich der seinigen,empfinden. Die Geschichte deS Makkabäus erschien demGriechen wie ein Heldenspicl. Im Charakter, im Ruhmschwebte Judas in seinen Augen wie ein Riese überallen anderen Menschen seines Zeitalters. Lycidas wardem Anführer nur einmal im Leben begegnet, aber beidiesem einen Zusammentreffen mit Judas hatte LycidasEindrücke empfangen, die ihm Makkabäus mehr als einWesen, gleich dem der Halbgötter , von welchen dieDichter sangen und die man anbeten mußte, erscheinenließen. Er war in den Augen des begeisterten Dichterseine lebende Verkörperung deS „Heldenmuthes derTugend." Der Grieche hatte niemals vorher daran ge-dacht, daß Makkabäus menschlichen Leidenschaften unter-worfen fein könne, und daß er ebensowohl versuchenkönne, eines WeibeS Herz zu gewinnen, als über seineFeinde den Steg davonzutragen. Der Gedanke, ihn zumNebenbuhler zu haben, erfüllte den jungen Athener bei-nahe mit Verzweiflung. Es schien mehr als vermessen,mit einem Gegner, wie diesem, die Arena zu betreten.Lycidas war überzeugt, daß, hätte Antiochus Epiphanes die Krone von Syrien zu Sarah'S Füßen gelegt, siedieselbe zurückgewiesen haben würde; aber athmete einMädchen in Judäa , das anders als mit Stolz die dar-gebotene Hand eines solchen Helden angenommen habenwürde — eines Helden, der gegen andere Sterblichewar wie der schneegekrönte Libanon gegen einen Maul-wurfshngel.
Sarah fühlte, daß ihre Enthüllung dem Gemüthdes Lycidas mehr Unruhe verursachte, als sie beabsichtigthatte, oder als gerechtfertigt werden konnte durch denwirklichen Stand der Beziehungen zwischen ihr und demhebräischen Führer.
Sie beeilte sich, die Befürchtungen des Griechen zubeseitigen.
„Ich verehre Makkabäus, " sagte das Mädchen,„ich fetze das höchste Vertrauen in seine Weisheit undseine Ehre, aber persönlich ist Judas mir nicht mehr,wie einer seiner Bruder."
Lycidas athmete erleichtert aus. Dankbar für dieErmuthigung, welche er in diesem Geständniß fand,nahm der Grieche seinen Platz wieder an Sarah'sSeite ein. „Was willst Du denn bei Makkabäus?"fragte er.
„Ich muß ihn um Rath fragen, wie Hadassah mirbefohlen," sagte das Mädchen, „er muß alles wissen,was mich angeht, es ist mir, als ob er jetzt Vaterstelle anmir verträte."
Die Gemüthsstimmung des Lycidas hob sich betdiesem Worte. Sein Herz füllte sich mit neuer Hoffnung.
„Unser erstes Ziel, Geliebte," sagte er, „muß nunsein, Deine Person in Sicherheit zu bringen. Da Du keineZuflucht in Attika suchen willst, wollen wir unserenWeg südwärts richten, was ja auch Dein Wunsch ist,und Deine alte Verwandte in Bethsura aufsuchen. Ichwollte, sie wohnte in einer anderen Gegend als Beth-sura; denn diese Stadt hat eine syrische Besatzung, daSHeer deS LystaS ist unterwegs und das südliche Judäa wird so von kriegerischen Banden beunruhigt, daß dasReisen sehr unsicher dort ist. Hast Du in Galiläa keineFreunde und Verwandten oder an der Küste?"
Sarah schüttelte den Kopf. „Ich weiß von nie-mand," sagte sie. „Nahe! wohnt nicht in Bethsura,sondern nahe dabei an einem abgelegenen Ort, daß derFeind ihn kaum finden wird. Wenn das Land vonbewaffneten Banden beunruhigt wird, so sind dies dieMänner des Makkabäus, und von diesen haben wirnichts zu befürchten."
Obgleich Lycidas nicht wenig enttäuscht darüber war,daß er seinen Plan, Sarah nach der Küste und dannnach Attika zu bringen, hatte aufgeben müssen, so konnteer doch ihre Bedenken nur ehren und mußte gestehen,daß der Weg, für welchen sie sich entschieden, nicht nurder beste, sondern auch der weiseste sei. Sie kamennun dahin übercin, daß Sarah unter dem Schutze deSLycidas zu der zuerst von dem Griechen vorgeschlagenenStunde reisen, aber daß ihr Ziel anstatt Joppe Beth-sura sein sollte, welchen Ort sie, wenn sie die ganzeNacht reisten, vor der Morgendämmerung erreichenkonnten.
Während Sarah mit Lycidas über diese Vor-kehrungen berieth, kehrte Hannah von Jerusalem zurück.Das Gesicht der treuen Dienerin verrieth die größteAngst. Eine Warnung, die sie von einer hebräischenBekanntschaft erhalten, machte sie über die Sicherheitihrer Herrin unruhig. „Q Gott, die Hunde sind demWilde auf der Spur." Herzlich froh war die Magd,als sie hörte, daß der athenische Herr gekommen sei,um die Flucht Sarah's zu bewerkstelligen, und daßseine Talente, sein Muth und das Gold, welches erreichlich spendete, die Schwierigkeiten, die ihrer Fluchthinderlich fein könnten, beseitigen würden.
(Fortsetzung folgt.)
---i-AL-i-»--
Goldkörner.
Zwischen Lipp' und KclcheSrand
Schwebt der finstern Mächte Hand. Fr. Kind.
—s--