Ausgabe 
(8.5.1896) 38
Seite
289
 
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Der schwarze Diamrmt.

Aus dem Englischen von Emma Hanrieder.

Nachdrul velbote».

ES war ein trüber Frühlingsmorgen. Der DampferNelson", der vor vier Wochen Calcutta verlassen hatte,kam nun in Sicht von Southampton. Die Leute aufdem Ausguck hatten das Land gesehen, lange bevor dasungeübte Auge eS selbst durch ein Glas bemerken konnte.Allein als die Morgennebel zerflossen, erschien ein langerKüstenstrich, und bald waren der Hafen und seine Um-gebung deutlich sichtbar. Viele Passagiere hatten sichauf dem Deck versammelt, um einen ersten Blick aufdas Land zu werfen. ES waren darunter sonnver-brannte Soldaten, von denen einige ihr Vaterland seitJahren nicht mehr gesehen, und die über die Veränder-ungen nachdachten, welche die Zeit in ihrer Heimath mitsich gebracht haben mochte. Es befanden sich dabei zarte,blonde Kinde?, von besorgten Müttern bewacht, derenHerzen sich zufammenkrampften beim Gedanken an diezurückgelassenen Gatten, beim Gedanken an die Kleinen,die sie, ach, so bald, der Obhut Fremder übergebensollten.

Als ich daneben stand und die aufgeregten Ge-sichter, die alle nach einer Richtung schauten, beobachtete.sagte ich mir, daß vielleicht keines von ihnen so frohsein würde, das Ziel unserer Reise zu erreichen, als ich.Gewöhnlich denkt ein jeder auf diese Weise, denn dieeigenen Angelegenheiten scheinen uns immer viel wichtigerzu sein als die Anderer. Für mich war gewissermaßendieser egoistische Gedanke berechtigt, denn für mich be-deutete die Landung in Southampton mehr, als bloßeine glückliche Ueberfahrt von Indien nach England ,nämlich das Erreichen eines Zieles, welches seit Monatender Gegenstand all' meiner Hoffnungen nud Gedankenwar. Mit dieser Landung war eine Mission, von welchermeine ganze Zukunft abhing, glücklich beendet. An ihrhing für mich in der That die Entscheidung zwischenErfolg und Mißlingen.

Während der fünfnnddreißig Jahre meines Lebenshatte ich mancherlei durchgemacht, aber nichts, das mirsoviel Angst eingeflößt hätte, als diese Reise von Calcuttanach Southampton . Meine Miipassagiere auf demDampfer hatten keine Ahnung, welch' ungeheure Ver-antwortlichkeit auf mir lag daß, wenn ich ein nassesGrab gefunden hätte, 80 000 Psd. Sterling mit mir indie Tiefe gegangen wären, daß Braffingion, die wohl-bekannte Londoner Juwelenhandlung, nicht im stände ge-wesen wäre, einen königlichen Auftrag, nämlich Lieferungeines Hochzeiisgeschenkes für eine Prinzessin auszuführen.Seit mehr als zehn Jahren war ich in dem Geschäfteder Herren Brassington angestellt, und obwohl man mirdort immer das größte Vertrauen geschenkt hatte, so er-blickte ich doch in meiner Sendung nach Indien, wo ichden Ankauf eines historischen, einem reichen Najah ge-hörigen Diamanien abschließen sollte, die höchste Aus-zeichnung, deren ich mich je zu erfreuen hatte. Icherinnere mich noch lebhaft des Entzückens, das ich em-pfand, als der ältere Brassington, der Chef der Firmamich auf sein Zimmer kommen ließ und, nachdem erüber die Unterhandlungen wegen deS Diamanten ge-sprochen, zu mir sagte:

Herr Fenton, wir haben beschlossen, Sie mit derverantwortlichen Aufgabe zu betrauen, ihn aus Indienzu holen."

Meine Kollegen, wenn auch etwas neidisch öö«meine Bevorzugung, überhäuften mich mit Glückwünschenund erklärten, daß deralte Dick" auf dem besten Wegesein Glück zu machen! Meine Gedanken waren in derThat ähnlicher Natur, denn, falls ich weine Missionerfolgreich ausführte, würde ich voraussichtlich nie wiederzu den andern Schreibern gezählt, sondern höchst wahr-scheinlich jüngerer Theilhaber der blühenden FirmaBrassington und Comp. werden. Beseelt von diesersanguinischen und ehrgeizigen Hoffnung, ging ich nach demOsten, wo ich meine Instruktionen bis auf den letztenBuchstaben ausführte und das werthvolle Objekt, einenprächtigen Stein in Haselnnßgröße, erwarb. Unter meinemRock und meiner Weste trug ich einen starken, ledernenGürtel, in welchem sich eine kleine Kapsel befand. Indieser wollte ich den Stein nachhause bringen. Ich hatteMich entschlossen, den Gürtel weder bei Tag noch bei Nachtabzulegen, bevor ich den kostbaren Inhalt nicht meinemAuftraggeber ausgehändigt Hütte.

Nachdem der Diamant in meinen Besitz überge-gangen war, verbrachte ich bis zu meiner Einschiffungin Calcutta eine unruhige Zeit. Denn der Verkauf desSteines war bekannt geworden, und die Eingeborenenwaren eine kräftige, listige Nasse, auf die ein Juweleine ebenso große Anziehungskraft ausübt, wie einMagnet auf eine Nadel. Jedoch es gelang mir, michallen Plünderern zu entziehen, und ich ging an Borddes Dampfers mit dem Gefühle, daß, wenn nur dieEleuiente günstig wären, ich nichts mehr zu fürchtenhätte. Im Ganzen genommen war die Heimreise schön,und als Southampton in Sicht kam, fühlte ich mich wieeiner, der weiß, daß ihm der Sieg sicher ist.

Nach meiner Landung mußte ich zu einem Juwelierin der Stadt, einem Agenten unserer Firma gehen, demHerr Brassington die Beangenscheinignng des Diamantenversprochen hatte. Wenn ich diesen Mann gesprochenhatte, blieb mir nur mehr übrig, einen passenden Zugzu wählen und nach London zu reisen, wo ich noch vorLadenschluß anzukommen hoffte, um mich dortselbst vonjeder weiteren Verantwortlichkeit zu befreien.

Als ich mit den andern Passagieren den Dampferverließ, bemerkte ich einen großen schwarzen Mann, denwährend der Reise gesehen zu haben, ich mich nicht ent-sinnen konnte. Er trug einen schäbigen, europäischenAnzug, hatte aber eine auffallende Ähnlichkeit mit einemder eingeborenen Diener des Najah, von welchem ich denDiamanten gekauft. Dieser Mensch sah wenig vertrauen-erweckend aus, und ich vermuthete stark, daß er sich inden Besitz des Steines sehen wolle, denn in Calcuttawar er mir überallhin auf dem Fuße gefolgt. Als ichlänger darüber nachdachte, kam ich jedoch zu der Ueber-zeugung, daß der Diener Najah kaum mit dem Manne,der mit mir sich ausschiffte, identisch sein könne. Dennwährend der erstere keine Gelegenheit versäumte, michmit seinen wachsamen und listigen Blicken zu verfolgen,ging der andere ohne das geringste Zeichen des Er-kennens an mir vorbei und verlor sich bald unter derMenge.

Ich ging sogleich zu Herrn French, dem erstenJuwelier in Southampton , den ich zu meinem Aergernicht zu Hause fand. Ich war angewiesen, den Dia-manten nur ihm zu zeigen, und deshalb genöthigt, seineRückkehr abzuwarten. Dies verhinderte mich, den Früh-zug zu benutzen, und ich entschloß mich, mit dem Abend-