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Schnellzug nach London zu fahren. Bald nach Mittagkehrte ich zu dem Juwelier zurück, der mich bereits er-wartete. Er war ein melancholischer, kleiner Mann,eines jener sonderbaren Geschöpfe, die, selbst unzufriedenmit dem Leben, auch andere zu ihren düsteren Ansichtenbekehren wollen. Er bewunderte den Diamanten un-gemein, aber als ich ihm sagte, wie sehr ich mich freute,ihn glücklich herübergebracht zu haben, antwortete er mittrübem Lächeln: —
„Ach, mein lieber Herr, loben Sie den Tag nichtvor dem Abend! Sie müssen Ihren Schatz noch einigeMeilen weiter tragen, und manches kann sich währenddieser Zeit noch ereignen!
Da er mich dadurch, gelinde gesagt, verstimmt hatte,wartete er mir noch mit einer sehr heiteren Anek-dote auf.
„Ach, sagte er zu mir, wie gut erinnere ich michnoch des armen Forley, der die Rubinen der Gräfinvon Blank aus New Jork herübergebracht hat. Um dieWahrheit zu gestehen, er war ein leichtgläubiger Ireund unfähig, etwas für sich zu behalten. Er wurdevon Amerika aus verfolgt und wenige Meilen außerhalbLondons mit durchschnittener Kehle aufgefunden. JedeSpur von den Edelsteinen fehlte."
In meiner Lage war diese Geschichte keineswegsangenehm zu hören. Herr French beobachtete mich einigeAugenblicke mit kritischen Blicken und erkundigte sichdann, ob ich Feuerwaffen bei mir führte. Ich ant-wortete daß dies nicht der Fall sei. Dies sei ein großerFehler, versicherte er mir und drang unablässig in mich,daß ich mit ihm gehen und vor meiner Abreise einenRevolver kaufen mutzte. Dann verabschiedete ich michvon meinem neuen Freunde mit einem Gefühle der Er-leichterung und versuchte der Furchtsamkeit, mit welcherer mich angesteckt hatte, los zu werden. In einemZeitungS-KioSk verschaffte ich mir noch einen kleinenVorrath Lektüre. Ich wählte mir ein kleines Coups2. Klasse und die grausigen Geschichten des Herrn Frenchnoch immer im Kopfe, versicherte ich mich, ob ich in demCoups auch allein und ungestört bliebe. Ich schleudertemeine Zeitungen und die Reisetasche auf einen Sitz undsuchte dann auf dem Perron nach einem Schaffner.Diesem ließ ich etwas in die Hand gleiten und bat ihn,darauf zu sehen, daß niemand in meine Abtheilung komme.Er ging mit mir zurück und sperrte, als ich meinen Platzeingenommen, die Thüre ab. Ich richtete mich bequemin einer Ecke ein, in dem Gefühle absoluter Sicherheit,das mich schon seit langem geflohen hatte. Vor Abgangdes Zuges rüttelte noch manch ungeduldige Hand ander Thüre, aber da es unmöglich war, den Eingang zuerzwingen, verließ ich Southampton ungestört.
ES war noch hell genug, um zu lesen. Ich durch-blätterte die Zeitungen, lehnte mich in die Polster zurückund vertiefte mich in meine Blätter. Dabei belästigtemich mein Revolver in der Seitentasche. Nun muß icheine große Schwäche eingestehen, nämlich meine außer-ordentliche Abneigung gegen Feuerwaffen. Um BonGualtier's Worte zu gebrauchen, „habe ich einen heil-samen Schrecken vor Pulver und Stahl." Und so zogich den Revolver aus meiner Tasche und legte ihn nebenmich. Dies war sehr unvernünftig gehandelt, da einplötzlicher Ruck des Wagens ihn hätte Herabschleudernund entsetzliches Unglück veranlassen können. Jedoch ichthat es, und fing mit erneutem Eifer wieder zu lesen an.
Eine Viertelstunde lang vertiefte ich mich in eineninteressanten Artikel, legte die Zeitung dann weg undblickte um mich. Plötzlich machte ich eine überraschendeEntdeckung: der Revolver war verschwunden. Zuerstbefremdete eS mich nur. Ich schaute auf die Sitze nebenmir, langte in meine Taschen, um zu sehen, ob ich ihnin der Zerstreutheit nicht etwa eingesteckt habe, — aberer war nicht zu finden. Und als ich so dasaß, erstauntund erschreckt, drängte sich mir die entsetzliche Ueberzeug-ung auf, daß ich nicht allein sei, daß jemand sich untermeinem Sitze befinde und mit mir eingeschlossen sei.ES war ein lähmender Gedanke. Ich wagte nicht, michzu bewegen und beschloß, in dieser höchst kritischen Lagemich so tapfer als möglich zu halten.
Zuletzt beredete ich mich, daß der hier VerborgeneeS keinesfalls auf mich könne abgesehen haben. Zu-fälligerweise hatte icb wohl den Wagen, in welchem irgendein unglückliches Geschöpf sich versteckt hatte, gewählt.Der Versuchung nicht widerstehend und waffenlos, hattees sich meinen Revolver angeeignet. Ich glaubte, daßunter diesen Umständen vielleicht doch der nächste Halte-platz heil zu erreichen wäre. Ich brauche nicht zu be-merken, daß an eine Fortsetzung meiner Lektüre nichtzu denken war. Mit der Zeitung in der Hand saß ichda, starr vor mich Hinblicken!». Ich weiß nicht, wievielZeit verflossen sein mochte, als ich fühlte, daß etwasmeinen Fuß berühre. Ohne meinen Körper im Geringstenzu bewegen, beugte ich meinen Kopf vor und sah hin-unter. Was mußte ich sehen! Eisig kalt durchschauertees meinen Körper und jede Fiber meines Innern zitterte.Am Boden an meinem Fuße war eine Hand, — unddiese Hand war schwarz!
Nun wußte ich es ganz gewiß, daß ich in Todes-gefahr schwebte; ich stand diesem elenden Bösewichte, dermir bis hieher nachgeschlichen war in der entschiedenenAnsicht, sich des Diamanten auf jeden Fall zu bemäch-tigen, allein und ohne Waffen gegenüber. Ich fühlte,daß er einen Strick um meine Füße schlingen wollte,um mich noch hilfloser zu machen. Es kam mir wieein entsetzlicher Traum vor, aus dem ich jeden Augen-blick zu erwachen hoffte. Mein Schicksal schien besiegelt.Keine Möglichkeit zu entkommen war gegeben. DerTod starrte mir inS Gesicht. Was immer für Schwächenich auch an mir haben mag, feige bin ich nicht; und sowar ich entschlossen, nöthigenfalls zu sterben, mich abermeiner Haut bis aufs Aeußerste zu wehren.
Ich nahm meinen ganzen Muth zusammen, ergriffMit einer blitzschnellen Bewegung jene dunkle Hand undzog den Jndier aus feinem Versteck. Mein Angriff kamihm so unerwartet, daß er keine Zeit fand den Revolverzu ergreifen. Er hatte ihn, wie es scheint, in seineBrusttasche gesteckt, während er sich mit dem Strick zuschaffen machte. Meinen Vortheil sofort wahrnehmend,packte ich seine Hände mit verzweifelter Anstrengung.Aber die Bestie war auf mir wie ein Panther. Er warein großer Mann, an Körperkraft mir weit überlegen,und ich erkannte bald die Hoffnungslosigkeit meines Be-mühens. Trotzdem entspann sich ein wüthendes Ringen.
Wie ich glaube, dauerte es kaum einige Sekunden;dabei fand ich aber doch noch Zeit, mehr als einmal anden wahrscheinlichen Ausgang zu denken, ohne aber daSNichtige zu treffen. —
Plötzlich, ohne vorhergehendes Warnungszeichen,stieß der Zug auf seiner Bahn auf ein ernstes Hinder-