Ausgabe 
(8.5.1896) 38
Seite
291
 
Einzelbild herunterladen

niß. Ein entsetzlicher Krach erfolgte; der Wagen, indem wir uns befanden, bäumte sich tn die Höhe, undzersplitterte wie die Nuß in einem Knacker. Gleich dererste, heftige Stoß hatte mich von meinem Feinde ge-trennt. Von ihm sah und hörte ich nichts wehr. Ichfür meine Person wurde unter den Trümmern desWagens begraben. Meine rechte Seite, Arm und Beinwaren schrecklich zerquetscht. So heftig mein Schmerzauch war, ich blieb doch beim Bewußtsein und die Sinneschwanden mir nicht völlig. Seit einer halben Stundehatte ich versucht, dem Tode in Voraussicht meines nahenEndes inS Auge zu schauen, und so blieb mir gewisser-maßen die Panik, welche alle anderen Passagiere imZuge ergriffen hatte, erspart. Ich konnte ihre mark-erschütternden Hilferufe vernehmen, ich konnte die hastigenSchritte durch zu ihrer Rettung Herbeieilenden hören undab und zu den flackernden Schein der Laterne, die sietrugen, sehen. Aber das Alles nahm ich nur ganz un-bestimmt wahr. Ich wußte nicht recht, wo ich mich be-fand, und was weiter um mich vorging. Von Zeit zu >Zeit fiel ich in eine Art Betäubung, aus der mich der iSchmerz in meinen gebrochenen Gliedern wieder weckte !und ins Leben zurückbrachte. i

Nach einer Weile hob sich das Holzwerk, das auf ^Mich drückte, und ich sah freundliche, thetlnahmsvolle :Blicke, die sich auf mich richteten. Während man sich !bemühte, mich herauszuziehen, mußte ich wohl das Be- !wußtsein verloren haben, denn, als ich wieder zu mir skam, merkte ich, daß man mich im Dunkeln forttrug,und wieder sah ich den schwachen Laternenschimmer hin-und herflackern. Darauf wieder eine lange Ohnmacht,

und als ich aus ihr erwachte, fand ich mich aufeinem Bette, in einem kleinen Raume, den man offen-bar in aller Eile zur Aufnahme für die Verwundetenhergerichtet hatte.

Kraftlos und zerschmettert, wie ich nach dem Durch- zlebten war, sank ich mit einem Seufzer der Erleichterungin meine Kissen zurück. Neben meinem Lager stand einMann, den ich für einen Arzt hielt, und in einigerEntfernung eine Wärterin mit weißer Haube. Alle dieseEinzelheiten nahm ich in halbwachem Zustande wahr,

da trat plötzlich die Erinnerung an meinen Dia-manten mir vor die Seele. Was war aus ihm ge-worden? Mein rechter Arm war jetzt geschient undnicht zu gebrauchen. Ich konnte gar nicht daran denken,ihn zu bewegen. Meine linke Hand war zwar auchnicht unbeschädigt, aber es war mir doch möglich, mitihr den ledernen Gürtel zu befühlen. Nun aber befandsich die Kapsel mit dem Diamanten unter meinem krankenArme. Mochte ich mich drehen und wenden wie ichwollte, auf keinen Fall konnte ich in dieser Lage an siekommen.

Meine Ruhelosigkeit mochte dem Arzte aufgefallensein, denn er kam herbei und warf einen fragendenBlick auf mich. Sein Gesicht war so freundlich undvertrauenerweckend, daß ich nicht Anstand nahm, ihmmitzutheilen, was mich so beklommen machte. Ich sprachleise und so kurz als möglich vom Jndier jedoch sagteich kein Wort. Vielleicht hielt er anfänglich meine An-gabe für die Ausgeburt einer fiebernden Fantasie; alser aber dann seine Hand nach «einer Anweisung untermeine rechte Seite gebracht hatte, fühlte er alsbald dasTäschchen in dem Gürtel und gab mir die beruhigendeVersicherung, daß der Diamant sich noch darin befände.

Sie werden kaum imstande sein, Ihren Schatz z«hüten", sagte er.Soll ich ihn etwa in Verwahrungnehmen, bis Sie Ihre Reise wieder fortsetzen können?"

Mit herzlichem Danke für sein Anerbieten erklärteich, daß eS mir nicht möglich sei, mich von ihm auchnur auf einen Augenblick zu trennen. Offenbar warich damals sehr aufgeregt. Meine Schläfen hämmerten,und meine Zunge war kaum fähig, die Worte zu bilden.Mit kritischen Blicken maß mich der Arzt, befühlte meinenPuls und suchte mich mit sanften Worten zu beruhigen.

Regen Sie sich nicht auf. Schließlich ist es besserso, wie es ist. Es weiß doch niemand von der Existenzdes Steines. Lassen Sie die Furcht beiseite, und denkenSie an nichts, als an Ihre Gesundheit."

Er schüttete etwas in ein Glas und reichte eS wir.Bald war ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf ver-fallen.

Es mochte um die Zeit der ersten Morgendämmer-ung sein, als ich wieder erwachte und um mich schaute.

Ich befand mich weit besser als vorher und warnun imstande, meine Umgebung mit Interesse zu mustern.Da bemerkte ich, daß in dem Raume drei Betten standen.Das eine zu meiner Linken war leer; zweifellos warder Arme, der Darin gelegen, gestorben und währendmeines Schlafes weggeschafft worden. Das Zimmerwar durch ein Nachtlicht nur dürftig erhellt, so daß ichanfänglich die verschiedenen Gegenstände nicht deutlicherkennen konnte. Nachdem aber meine Augen nach einerWeile sich an das Zwielicht gewöhnt hatten, vermochteich das Bett rechts besser zu übersehen und meinenLeidensgefährten zu erkennen. Was ich auf dem weißenKiffen dort sah, das war der schwarze Kopf meinesmörderischen Feindest

Die vielen ausgestandenen Schmerzen hatten michungemetn geschwächt und im ersten Augenblicke war ichfast gelähmt vor Furcht ein Gefühl, von dem ich imZuge keine Spur empfunden hatte. Zuerst wollte ichum Hilfe rufen, aber es kam mir der Gedanke, daßmich die Wärterinnen höchstens für fieberkrank haltenwürden. Zudem schien es wahrscheinlich, daß der Schwarzemich nicht erkannt hatte. So nahm ich denn das bischenMuth, das ich noch besaß, zusammen, entschlossen, michvöllig ruhig zu verhalten und meinen Kopf von ihm ab-zuwenden, damit diese listigen, grausamen Augen michnicht sehen möchten. Wieviel Zeit so verging, weiß ichnicht; ich merkte nur, daß mein Herz wie ein Schmiede-hammer schlug und das Betttuch sich mit jedem Athem-zug hol und senkte.

Endlich glitt eine Wärterin in das Zimmer undgab mir, da sie mich wach sah, einen Löffel Arznei.Leise bat ich sie, mich nicht zu verlassen. Lächelnd sagtesie zu und ließ sich neben mir auf einem Stuhle nieder.Die Medizin mußte etwas Betäubendes enthalten haben,kaum hatte ich sie genommen, so schlief ich von neuemein. Darauf hatte die Wärterin wohl das Zimmer ver-lassen und war zu andern Patienten in dem anstoßendenGemache gegangen. Da wurde meine Bettdecke fast un»merklich gelüftet. Es führte dennoch mein Erwachenherbei. Als ich meine Augen aufschlug, sah ich, wiejenes dunkle böse Gesicht sich über mich beugte. Bevorich einen Laut hervorbringen konnte, legte sich eineschwere Hand auf meinen Mund. Der Ledergürtel, dersoeben durchschnitten worden war, wurde herausgezogen,und im nächsten Momente schlich sich der Jndier zum