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„Nugsburger PostMung".
Dinstag, den 12. Mai
189k.
Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Berlag des LiterariiLen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler ).
Zudas Makkabäus.
Historiicher Roman von A. L. O. E.
Frei nach dem Englischen von D. Colonius.
(Fortsetzung.)
31. Kapitel.
Die nächtliche Reise.
Die mit Sarah's Abreise verbundene Eile machteihr den Abschied weniger schmerzlich, als er sonst wohlgewesen sein würde. Es blieb ihr wenig Zeit, sichtrüben Gedanken darüber hinzugeben, daß sie einen Ortverlassen mußte, den die Erinnerung noch mit geliebtenWesen belebte. Auch leblose Gegenstände, wie der Tisch,an welchem Sarah so oft gesessen, der Rocken, an demsie gesponnen, die Blumen, die sie gepflegt, waren zukostbare Dinge, als daß sie sich ohne Schmerz von ihnengetrennt hätte. Es war nur wenig, was Sarah ineiner Sänfte mit sich nehmen konnte. Außer den Perga-mentrollen, einigen Kleidungsstücken und ihren wenigenJuwelen mußte alles zurückgelassen werden.
Obgleich Sarah in großer Gefahr schwebte und dieWunde ihres Herzens noch nicht geheilt war, fühlte siedoch eine so große Freude, daß es ihr schien, als könnediese Freude sie niemals verlassen. „Lycidas ist alsein Sohn Abrahams angekommen! Lycidas gehört zumauserwählten Volke Gottes!" Dieser Gedanke machteSarah's sanfte Augen glänzen, beflügelte ihre Schritteund erfüllte ihre Seele mit Hoffnung und Freude.Nicht, daß Sarah in ihrem neuen Glück ihre Groß-mutter vergessen hätte, sondern das Andenken der Todtenwar im Gegentheil mit jedem freudigen Gedanken ver-webt und diente dazu, ihn zu heiligen.
„Wie würde Hadassah, wenn sie dieses erlebt hätte,den Namen des Heirn gepriesen haben!" dachte Sarah.„Ihre Worte waren ein Samen, der auf den reichstenBoden fiel, während ihr Kind sich nun der Ernte freut.Sie war es, die zuerst das kostbare Leben meines Lyci-das rettete und darauf seine noch kostbarere Seele zurQuelle des Heils führte l Hätte Lycidas nie die Stimmemeiner Mutter gehört, so wäre er jetzt noch ein Götzen-diener."
Trotz ihrer schüchternen Natur empfand das Mäd-chen bei dem Gedanken an die bevorstehende Reise mehrFreude als Furcht. Lycidas sollte ihr Beschützer sein,Lycidas wollte ihr nahe bleiben, seine Gegenwart ver-sprach ihr Sicherheit und Glück.
„Und würde es bei der künftigen Reise durch'sLeben nicht auch so sein?" flüsterte die Hoffnung demjungen Mädchen zu. „Kann Judas Makkabäus widerdie Verbindung seiner Verwandten mit einem Bekehrtenetwas einzuwenden haben, wenn er sieht, daß ihr Glückdamit verbunden ist und daß Lycidas ein wüthiger Ver-theidiger des Glaubens, den er angenommen hat, seinwird?" Sarah wurde bei dieser Frage etwas unruhigund zweifelhaft, aber durchaus nicht muthlos. DasMädchen ahnte nicht, wie tief sie von dem, der gewohntwar, jeden Ausdruck seines Gefühls zurückzuhalten, ge-liebt wurde. Sie fürchtete sein Mißfallen zu erregen,aber sie glaubte nicht im entferntesten, daß sie Machthabe, ihn unglücklich zu machen. Wie wäre es auchmöglich gewesen, daß ein so gewaltiger Held, ein sobegeisterter Führer sich um ein Mädchenherz kümmernwürde. Die Liebe war in Sarah's Augen eine Schwäche,deren sie ein so ruhiges und erhabenes Wesen wieMakkabäus nicht für fähig hielt. Aber ist der Baumdes Waldes darum weniger stark und majestätisch, weilder Frühling ihn mit tausend Blüthen schmückt? Odersind jene Blüthen deshalb keine echte Blumen, weil ihreFarbe zu sehr der der Blätter gleicht, als daß sie von einemachtlosen Beschauer bemerkt werden könnten? Makkabäus würde mit seinem gedankenvollen, zurückhaltenden Weseneben so wenig zu Sarah von seiner Liebe gesprochenhaben, wie von dem Schlagen seines Herzens. Beidewaren ein Theil seiner Natur, eine Nothwendigkeit seinesDaseins.
Joab war pünktlich. Eine Stunde nach dem Ein-treten der Dunkelheit näherten sich dem Hause der Hadas-sah Rossehufe. Hannah öffnete vorsichtig die Thür, umzu erspähen, ob die sich Nähernden Freunde oder Feinde seien.
„Es ist der Herr Lycidas!" rief sie freudig, alsder Reiter seine Zügel an der Thür befestigte.
Der Athener fand Sarah und ihre Magd zur Ab-reise bereit, und in wenigen Minuten saßen die Beidenin der Sänfte, die Joab führte; die Vorhänge wurdenniedergelassen, und die Reisenden verließen ihre einsameWohnung, um die gefährliche Reise anzutreten. DasWetter war bei der vorgerückten Jahreszeit kalt, be-sonders Nachts; aber Lycidas war froh, daß die Regen-zeit ein Ende hatte, welche, wie gewöhnlich, das Heran-naht n des Winters ankündigte. Der Himmel war wolken-los und klar und das blaue Gewölbe mit Sternen über-säet. Nach einigen Windungen in den Hügeln kam die