Ausgabe 
(12.5.1896) 39
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294
 
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Reisegesellschaft in das Thal Rephaim, welches reich anKornfeldern, Wein und Obstgärten war. Das Kornwar längst eingeerntet, die Weintrauben gesammelt, aberdie Feigenbäume waren noch mit Früchten beladen. Sarahachtete nicht viel auf die sie umgebende Landschaft, ob-gleich dieselbe vom Schein der Sterne ein wenig beleuchtetwurde. Die rauhe Bewegung der Sänfte über felsigeStraßen schloß jede Unterhaltung aus, auch hatte Sarahnicht Lust, eine solche mit ihrer Gefährtin einzugehen.Das Schwanken der Sänfte lud zum Schlafen ein, undnachdem ungefähr eine Stunde der Reise vergangen war,überschlich sie die Müdigkeit.

Da wurde Sarah plötzlich durch einen Ruck aufge-schreckt, welcher, obwohl nicht heftig, doch genügte, um siein Unruhe zu versetzen und vollständig zu ermuntern.

Ist etwas vorgefallen?" fragte das Mädchen, indemsie die rothen Vorhänge der Sänfte auseinanderschob.

Lycidas war abgestiegen und augenblicklich an ihrerSeite.Es ist nichts von Bedeutung," sagte er,be-unruhige Dich nicht, liebes Mädchen, einer der Riemenhat nachgegeben. Joab wird schnell alles in Ordnungbringen, ich bedaure nur die Verzögerung."

Wo sind wir jetzt?" fragte Sarah.Noch bei demDorfe Bethlehem, " war des Atheners Antwort.

Achl Bethlehem muß ich noch einmal sehen!" riefsie bewegt, indem sie die Vorhänge auseinanderschob, umauf die dunkle Landschaft mit schwellenden Hügeln undreichen Weiden eine weitere Aussicht zu gewinnen.Meinegeliebte Mutter pflegte mich jedes Jahr an diesen Ort zubringen, sie nannte diese Steine das Denkmal der Ver-gangenheit und die Wiege der Zukunft."

Ich weiß, daß Bethlehem ein Ort von großerhistorischer Bedeutung ist," bemerkte Lycidas umherblickend.Hier war es, wo David, der gesalbte Hirt, seine Heerdehütete und den Löwen und Bären überwältigte. Undhier war es, wo die fromme Ruth Gerste sammelte unterden Schnittern des Boas." Der junge Grieche freutesich, seine kürzlich erlangten Kenntnisse der heiligen Ge-schichte zu zeigen.

Ja, meine Mutter pflegte mir die Orte zu bezeichnen,wo die Ereignisse stattfanden, welche sie den Hebräerntheuer machen," bemerkte Sarah,aber Hadassah sagteimmer, daß Bethlehems Bedeutung mehr in der Zukunft,als in der Vergangenheit liege. Hier ist es" Sarahließ ehrfurchtsvoll die Stimme sinken, als sie fortfuhr:hier ist es, wo der Messias geboren werden soll, wieuns der Prophet geweissagt hat."

Man sollte dieses Dorf kaum einer so hohen Ehrewerth halten," bemerkte Lycidas.

Auch Du erinnerst mich an etwas, was meine liebeMutter mir erwiderte auf Worte, die ich vor mehrerenJahren, als ich noch sehr jung war, an sie richtete,"sagte Sarah:Es wird noch lange dauern, bis der Fürstkommen kann, denn ich habe rund umhergeblickt, aber ichkann nicht sehen, daß auch nur ein Stein zum Palastgelegt ist, in welchem er geboren werden soll." -DenkstDu, Kind," sagte Hadassah,daß ein Gebäude, welchesnoch tausendmal schöner ist wie das, welches Salomo er-richtet, seiner Ehre und seinem Ruhm das Geringste zu-setzen würde? Die Gegenwart des Königs macht denPalast, wenn es auch nur eine Höhle ist. Erhöht es denWerth des Diamanten, wenn die Erde, in welcher ergebettet liegt, mit Goldflittern gemischt ist?" Ich habejenen sanften Vorwurf nie vergessen," fuhr Sarah fort,

und ich kann nicht anders, als mit Ehrfurcht selbst aufein Gebäude, wie jener Gasthof, den wir dort sehen, blicken,denn wer kann sagen, ob der Friedensfürst nicht in einemkleinen Häuschen geboren wird!"

Da Joab noch mit dem Befestigen des Riemens be-schäftigt war, stand Lycidas, den Zaum in der Hand,neben Sarah's Sänfte und setzte die Unterhaltung fort:

Das Gemüth Hadassah's pflegte dieses geheimniß-volle Wesen, auf dessen Ankunft sie hoffte wir allehoffen mit Erniedrigung, Leiden und Opfern in Ver-bindung zu bringen. Wenn ihre Ansicht die richtige ist,so kann es wohl möglich sein, daß nicht allein der Toddes Messias, sondern sein ganzes Erdenleben ein langesOpfer sein wird von der Wiege bis zum Grabe."

Die Unterhaltung richtete sich dann noch auf wenigerhohe Dinge, bis Joab mit dem Befestigen des Riemensfertig war. Lycidas bestieg sein Roß, und der Zug setzteseine Reise fort. Bethlehem lag bald hinter ihnen.

Es ist nicht nöthig, die Reise weiter zu beschreiben,oder zu erzählen, wie Lycidas und seine Gefährten anSalowo's Lustplätzen, seinen Gärten, Obstbäumen undTeichen vorüberkamen, oder wie die Straße durch dieHügelreihen führte, welche sich bis gegen Hebron aus-dehnten. Das Reisen war langsam und beschwerlich, dieStraße uneben und die Pferde wurden müde. Aberdennoch hielt es Lycidas nicht für gerathen, daß die Ge-sellschaft Halt machte, um sich zu erfrischen und auszu-ruhen. Ein Flug Tauben, der, wie sie meinten, vonden Syrern kam, vergrößerte noch ihre Unruhe. Lycidaswitterte Gefahr auf allen Seiten; er wußte nicht mehr,ob er vor- oder rückwärts gehen sollte. Die Verantwortunglag schwer auf ihm, fast beneidete er den abgehärtetenJoab um den stumpfen Gleichmuth, mit welchem er seinenWeg verfolgte.

Der Athener wollte Sarah's Heiterkeit durch Mit-theilung der Sorgen nicht stören, die sein Gemüth be-drückten. Das unbedingte Vertrauen, welches das frommeMädchen in seine Macht, sie zu schützen und zu führen,setzte, rührte ihn. Er war so dankbar, daß, während erAugen und Ohren aus's äußerste anstrengte, um diefernste Annäherung einer Gefahr zu entdecken, Sarah sichder Erfrischung des Schlafes hingab.

32. Kapitel.

Freunde oder Feinde?

HallI steht! wer seid Ihr, und wohin wollt Ihr?"war die strenge Herausforderung, deren Ton Sarah auseinem freundlichen Traume erweckte. Die Sänfte standplötzlich still, eine starke Hand legte sich auf die Zügeldes Rosses, welches Lycidas ritt, während eine Waffe sichauf die Brust des Griechen richtete. Es war nicht hellgenug, um unterscheiden zu können, ob diejenigen, dieunsere Gesellschaft an der Fortsetzung der Reise hindernwollten, Syrer oder Hebräer seien.

Wir sind friedliche Reisende," sagte der Athener.Laßt uns in Frieden unsere Reise fortsetzen. WennGold Euer Begehr ist, so will ich es Euch geben."

Wenn wir Dein Gold begehrten, so würden wires uns nehmen!" rief der Führer der Bande, welche nundie Sänfte umgab.

Seid Ihr Anhänger des Antiochus Epiphanes ?

Nein," sagte Lycidas kühn.

Die einfache Wahrheit zu sagen, ist immer einesMannes würdig und erwies sich auch hier als das Sicherste.