Ausgabe 
(12.5.1896) 39
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Die Hand, die sich nach Lyctdas' Zügel ausgestreckt, fuhrzurück, die Spitze der Waffe senkte sich, und in einemetwas höflicheren Tone fragte der Führer:Seid Ihrdenn Freunde des Judas Makkabäus ?"

Der Herr wolle alle Feinde durch ihn vernichten!"rief Joab , bevor Lyctdas eine Antwort finden konnte.Es ist seine Verwandte, die wir in dieser Sänfte nachBcthsura bringen wollen, damit sie von dem Tyrannen,welcher geschworen hat, sie zu todten, weil sie seinenGötzen keinen Weihrauch opfern will, sicher sei."

Was, die Wittwe Hadassah?" fragte einer derMänner.

Nein, es sind schon mehr denn sechs Monde, seitdiese Mutter in Israel in Abraham's Schoß getragenwurde," versetzte Joab , indem seine Stimme sich senkte.

Den Lippen der Männer entfuhr ein Ausruf desBedauerns und der, der zuerst gesprochen hatte, bemerkte,daß dies eine traurige Nachricht für Makkabäus und seineBrüder sein würde.

Lyctdas wandte sich nun an einen Hebräer, der ihmvon höherem Range zu sein schien als die Anderen.Indieser Sänfte," sagte er,befindet sich die Enkelin derWittwe Hadassah. Sie flieht vor der Verfolgung undsucht in der Heimath einer alten Verwandten, die beiBethsura wohnt, eine Zufluchtsstätte."

Ah! Nahe!, die Wittwe, wir kennen sie wohl,"war die Antwort.

Dann könnt Ihr dies Mädchen zu ihrer Wohnungführen."

Sie in die Wolfshöhle bringen?" rief der Hebräer,während einer seiner Begleiter lachend hinzufügte:Dereinzige Weg von hier nach Rahel's Wohnung führt überLeichen von Feinden, die wir vielleicht, bevor der Morgenanbricht, vernichten."

Unruhig darüber, Sarah an einen Ort gebracht zuhaben, der bald zum Schauplatz eines erbitterten Kampfeswerden sollte, fragte Lycidas voll Sorge:Wo könnendenn das Mädchen und ihre Gefährtin Schutz und Ob-dach finden?"

Schutz hat sie, so viel unsere Schwerter gebenkönnen ihr Schicksal muß unser Schicksal sein," ant-wortete der Hebräer, an den Lycidas seine Frage ge-richtet hatte.Obdach," fuhr er fort,hat sie in derHütte eines Ziegenhirten hier in der Nähe. Einige unsererMänner haben die Nacht dort zugebracht, während unserFührer auf dem Erdboden schlief."

Dann flüsterten die Männer untereinander einigeWorte, welche Lyctdas auffing.

Diese schöne Verwandte kommt zu sehr unpassenderZeit am Vorabend einer Schlacht, von welcher das Schick-sal ganz Judäas abhängt, zu Judas Makkabäus ."

Ich bitte Euch," sagte der Grieche voll Unmuthdarüber, daß Sarah solchen Bemerkungen ausgesetzt war,und ungeduldig, Sarah sobald als möglich an einen Ortzu bringen, wo sie, abgesondert von den rohen Kriegern,von der Reise ausruhen konnte,zeigt uns sogleich jeneHütte; das Mädchen ist die ganze Nacht gereist und in-folge dessen müde."

Ich will sie zu der Hütte führen," sagte einer derHebräer,und Du, Saul, " fuhr er, sich an einen Ge-fährten wendend, fort,gehe sogleich zu unserm Fürstenund verkündige ihm die Ankunft des Mädchens."

Wieder bewegte sich die Sänfte vorwärts, und diemüden Rosse wurden zu einer Hütte, welche in nicht zu

großer Entfernung gelegen war, geleitet. Einer der Kriegs-leute lief voraus, um anzuordnen, daß die Hütte vonihren kriegerischen Bewohnern geräumt würde und daßsie, soweit es die Umstände und die drängende Eile er-laubten, für die Aufnahme des Mädchens in Ordnunggebracht würde. Die Hebräer, welche die kalte Nacht unterdem Dache der Hütte zugebracht hatten, verließen sie so-gleich, um für das Mädchen und ihre Dienerin Raumzu machen, indem sie einen Theil ihres einfachen Früh-stücks für die neu ankommenden Gäste zurückließen.

Eine Sorge beschäftigte Sarah's Gemüth auf ihremWeg zur Hütte.Hannah," sagte sie zu ihrer Magd,wir sind dem Joab sehr verpflichtet, und ich habe keineMünze, mit welcher ich die Miethe für die Pferde unddie Sänfte bezahlen und ihn für seine treuen Dienstebelohnen kann. Es ist nicht schicklich, daß der Herr Lyci-das für mich bezahlt. Lasse Joab mit mir sprechen, wennich die Sänfte verlasse, oder gib Du ihm dieses Kleinodvon mir."

Das Juwel, welches Sarah nach diesen Worten derHannah übergab, war ein massives silbernes Armband,das von dem unglücklichen Pollux getragen worden war.Es lag in der Form des Armbandes etwas Heidnisches,weshalb das Mädchen es als Andenken an ihren Vaternicht behalten wollte.

Joab ist nicht hier," entgegnete Hannah,er hatdie Führung des Rosses einem der hebräischen Kriegerübergeben."

Joab war in der That mit Saul gegangen. Erbrannte vor Eifer, der Erste zu sein, der dem Makkabäus alles mittheilte, was sich in Jerusalem begeben, seit siesich bei dem Märtyrergrab getrennt hatten.

Wenn ich den Joab nicht selbst sprechen kann, somuß ich den Herrn Lyctdas bitten, es zu thun und meinenAuftrag auszurichten, denn der Maulthiertreiber darf nichiünbelohnt von mir gehen."

Nachdem das Mädchen mit Hilfe des Lycidas dieSänfte verlassen und mit Hannah die Hütte untersuchthatte, bat sie schüchtern ihren Beschützer, diesen kleinenAuftrag für sie auszurichten und mit dem schweren silbernenArmbande ihre Schuld an Joab zu bezahlen.Dir selber,"fügte sie mit niedergeschlagenen Augen hinzu,kann ichnur meines Herzens tiefsten Dank bieten."

Die Lebensgeister des Lyctdas hatten sich in ihmerhoben, wie in der Natur war auf das Dunkel derNacht das helle Tageslicht gefolgt. Die Freude seinesHerzens, das kürzlich noch schwer und unter großer Angstund dem Druck der Verantwortung gelitten, war so groß,daß es ihm schien, als sei die Sorge von ihm geschieden.Lycidas hatte seine schwere Mission erfüllt, er hatte seinegeliebte Last der Fürsorge ihrer Verwandten übergeben,er fühlte, daß ihr Herz ihm gehörte. Das Kriegsgetöse,welches ihn umgab, war für den kühnen Geist des GriechenMusik. Ex wollte unter dem heldenmüthigen Führer mit-kämpfen. Er wollte Sarah verdienen und dann sie ge-winnen. Das Herz des jungen Atheners schlug höher.

Nun, Sarah," sagte Lycidas froh als Entgegnungauf die Worte des Mädchens,es kann sich begeben, daßich eines Tages etwas Besseres von Dir begehre als Dank.Was das Armband anbetrifft, so sei versichert, daß ichden treuen Joab wohl belohnen werde. Er soll nichtderjenige sein, der etwas verliert, wenn ich das Kleinodals Pfand behalte und mich nicht davon trenne, außer,um es meiner Braut zu geben." Lycidas befestigte das