Äl 40. Ireitag. den 15. Mai 1896.
Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler ).
Des Kerren Auffahrt.
„Ich gehe heim, euch lasse ich zurückIn euren Mühen und in euren Sorgen;
Euch ist vollendet noch nicht das Geschick,
Ich hielt es gnädig ja bisher verborgen;
Noch vieles hab' ich euch zu sagen.
Doch alles könnt ihr jetzt nicht tragen."
So sprach der Herr, so schied er aus der Welt,Dom Oelberg sind die Jünger heimgegangenUnd harrten auf den Trost vom obern ZeltMkt heiligem Beten und mit stillem Bangen;Dann zogen sie hinaus, seltsame Krieger:Furchtlose Helden und demüthige Sieger.
«Ich gehe heim, euch lasse ich zurück",
Vergiß das Wort doch nie in deinen Sorgen,Und sag's dir, wenn dein bischen ErdenglückIn Nacht versinkt nach einem kurzen Morgen.Der Meister hat den Kelch zuerst geleeret.
Nun ist's der Jünger, dem er ihn gewähret.
„Ich gehe heim, euch lasse ich zurück",
Denk', Seele, d'ran in jedem Thränenleide,
Wenn dich des Tages erster SonnenblickZu neuer Klage weckt, zu neuem Streite!
Im Antlitz noch des Oelbergs FesteSrötheGing's bei den Jüngern in des Kampfes Nöthe.
«Ich gehe heim, euch lasse ich zurück",
So wall' ich einsam denn auf meinen Wegen,Dir, Aufgefahrener, befehl' ich all mein Glück,Gib deinem Knechte mild den Abschiedssegen!
Der Meister schied, daß es den Jünger triebeAllein zu zeugen von des Heilands Liebe.
„Ich gehe heim, euch lasse ich zurückIn euren Mühen und in euren Sorgen."
Es ist vollendet noch nicht mein Geschick,
Ich warte treu auf einen höher'n Morgen.
Das and're Wort ist uns noch nicht erschienen:Wo ich bin, werdet ihr sein, die mir dienen.
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Andas Mclkkaöäus.
Historischer Roman von A. L. O. E.
Frei nach dem Englischen von D. Colonius.
(Fortsetzung.)
33. Kapitel.
Der Führer und der Mann.
Bei dem ungeordneten Zustande des heiligen Landes,in welchem seine tapferen Söhne eine Art von Banditen-krieg zu führen gezwungen waren gegen den mächtigenFeind, der sie mit eiserner Faust darnieder zu haltensuchte und in ihrer Hauptstadt regierte — wo Mit-theilungen zwischen nicht weit von einander entferntenOrten schwierig und gefährlich waren und ein geschriebenerBrief eine beinahe unbekannte Sache — waren die has-monäischen Brüder über die Ereignisse, welche einen großenTheil dieser Blätter füllen, in Unkenntniß geblieben.
Joab hatte daher bei seiner Ankunft im Lager derHebräer vieles zu berichten, was ihnen gänzlich neu war.
Judas hatte mit tiefstem Interesse den Bericht desMaulthiertreibers über Sarah's Gefahr und Entkommenaus dem Palast des AntiochuS und den Tod Hadassah'Sund des Pollux angehört. Die zarte Satte seines Ge-müths, welche unter dem ruhigen, ernsten Acuhern desFührers verborgen lag, war auf's tiefste erschüttert.Kummer, Bewunderung und Liebe schwellten sein Herz.Makkabäus konnte den Bericht Joab's kaum bis zu Endeanhören. Sarah war ihm nahe — seine schöne, geliebte,erwählte Braut — dieses zarte, verwaiste Mädchen, allerLiebe, alles Schutzes beraubt, außer dem seinen — aberihm theurer in ihrer Armuth und Verlassenheit, als sieihm gewesen sein würde, wenn sie ihm ein Reich alsBrautschatz gebracht hätte.
Mit solchen Gedanken im Herzen und mit einer Un-geduld, die nicht eines Augenblickes Verzögerung ertragenhätte, näherte er sich schnellen Schrittes der Hütte, diesein Liebstes barg. Er fand sie bald — konnte sie daswirklich sein? Kein verlassener, weinender, zitternderFlüchtling begegnete dem Blick des Führers, sondern einMädchen, das strahlend und schön wie der junge Tagwar, ein Erröthen auf ihren Wangen, ein Lächeln aufihren Lippen, die Augen auf einen Griechen gerichtet,der in einer anderen Richtung ihren Blicken entschwand,als von welcher Judas sich ihr näherte. Die innerstenTiefen waren im Herzen des Führers auf's Neue erregt,aber diesmal wie mit einer Stange rothglühenden Eisensberührt.