Ausgabe 
(15.5.1896) 40
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die stützende Hand der Gnade sinken kann; sie zeigen,daß solche Seele gleich dem hellsten Planeten nicht mitihrem eigenen Lichte scheint, sondern mit einem ihr ver-liehenen, und wenn sie desselben beraubt ist, in tiefeFinsterniß gehüllt wird. Ein Abraham konnte, sich selbstüberlassen, lügen, ein David seine Seele mit unschuldigemBlute beflecken. Alle mußten für ihre Schuld Buße thun,alle bedurften der Gnade, welche von oben kommt.

Aber Judas Makkabäus blieb in Gefahr, durch seinewilden Leidenschaften bis an den Abgrund des Verbrechenszu gelangen, nicht ohne Beistand. Diese Leidenschaften,welche gewohnt waren, dem Zügel des Gewissens zu ge-horchen, glichen einem Rosse, das von namenlosem Schmerzegetrieben, einem Abgrunde zustürzt. Aber die Handseines Reiters hält noch den Zügel. Sein Auge siehtdie Gefahr, und das wahnsinnige Thier muß, ob es sichauch hinabstürzen will, doch endlich dem Willen seinesHerrn gehorchen. Wenn aber der Reiter sein wildesRoß nicht anders bändigen kann, so versetzt er ihm einenkräftigen Schlag, damit durch einen kleineren Unfall eingrößerer vermieden werde, und so leitet er es zurück,zitternd, bebend zwar, mit Schweiß und Schaum bedeckt,aber gebändigt, fromm und dem Willen seines Herrngehorsam. Ebenso behielt auch das Gewissen des hebräischenFürsten die Oberhand über seine Leidenschaften, sobalder in der Angst seiner Seele Raum zum Gebet fand,war der Höhepunkt der Gefahr vorüber. Makkabäus standvon der Erde auf, blaß wie einer, der eine Todeswundeerhalten hat; aber ergeben und ruhig.

Sollte ich, der ich so über alle Hoffnungen undohne mein Berdienst begnadigt bin, es wagen, wider denWillen dessen zu murren, der alle Dinge nach seiner un-endlichen Weisheit und Güte ordnet?" So dachte derFührer Israels.Wer bin ich, daß ich von dem, wasder Herr über mich verhängt hat, frei werden will?Schande über den Führer, der in einer Zeit wie dieserselbstsüchtigen Gedanken Raum gibt! Wir werden baldin die Schlacht gehen, und wenn ich in dem Kampf falle"der Gedanke war doch tröstendwie werde ich dannin eine Welt herniederblicken, in welcher dieses unwürdigeHerz für eine kurze Zeit in seinem Glauben an den Gottmeiner Väter wankend gemacht wurde. Wenn ich dieGefahren dieses Tages überlebe, so ist es besser, wennkeine selbstsüchtigen Hoffnungen und Sorgen mich hindern,meine ganzen Kräfte und Gedanken dem Werke zu widmen,das mir zu thun obliegt. Ich habe meine Zeit mit eitlenTräumen irdischer Freuden vergeudet. Ich bin auf eineharte Weise geweckt worden: O Herr der Heerschaarenlgib Deinem Diener Kraft und stärke Du auch seinenGeist, damit er furchtlos und treu die Pflichten desTages erfülle!"

Dann kehrte Makkabäus mit langsamem Schrittund ruhigem Blick in sein Lager zurück.

34. Kapitel.

Fanatismus.

Wir wollen nun einen Blick in das Lager der He-bräer werfen, welches in einer hügeligen Gegend mit derAuSsicht auf die Thürme Bethsuras liegt, einer starkenFestung, die, einst von Rehabeam errichtet, später vonedomitischen Ansiedlern wieder aufgebaut war. Bethsuraist von syrischen Truppen besetzt. Weithin steht man diezahllosen Zelte der mächtigen Schaaren.

Auf einer kleinen Anhöhe, nahe dem Mittelpunkt

deS hebräischen Lagers, stand auf einer Art Nednerbühneein alter Jude, in ein Gewand von Kameelshaaren ge-kleidet. Sein langes, graues, wirres Haar hing ihmbis über die Schultern herab. Mit heftigen Geberdenund erregten Gefichtszügen erhebt er seine gellende Stimmederart, daß sie in beträchtlicher Entfernung gehört wird.Ein immer mehr anwachsender Kreis von Zuhörern ver-sammelt sich um ihn ernste, wettergebräunte Männer,die viel für ihren Glauben gearbeitet und gelitten haben.Was Wunder, wenn die Religion dieser Krieger in Fana-tismus sich verfinstert und ihr Muth in Roheit ausartet!Es ist die Folge des Krieges, besonders wenn er einenbanditenmäßigen Charakter an sich hat, die Leidenschaftenzu entflammen und das Herz zu verhärten. Nur dieentsetzliche Nothwendigkeit kann den unnatürlichen Streitrechtfertigen, der Männer gegen ihre Mitmenschen be-waffnet. Selbst der edelste Kampf, den ein Patriot inVertheidigung der Freiheit seines Vaterlandes eingeht,zieht schreckliche Uebel nach sich, unter denen eine weitereAusdehnung menschlicher Leiden vielleicht nicht dasgrößte ist.

Ja, ich fluche Dir, Joab, ich fluche Dir, Sohndes Ahijah, daß Du uns einen Spion, einen Verräth«in's Lager gebracht hast!" schrie der wilde Redner Jascher,indem er mit seinem runzeligen Finger auf den derbenMaulthiertreiber wies, der in der innersten Reihe desKreises stand.War nicht dieser Grieche, wie Du selbstzugegeben hast, bei dem Tode der gesegneten heiligenSalome gegenwärtig, stand er nicht bei ihrem Grabe inUntersuchung, wo er wie eine Schlange, die sich in'sDunkel verkriecht, entdeckt wurde? Gehört er nicht zu demVolke der Götzendiener, die da Bilder anbeten, welchevon Menschenhänden gemacht sind?"

Alles, was ich sagen kann" antwortete Joab finster,ist, daß, was Lycidas auch gethan haben mag,er kein Götzendiener mehr ist."

Wer bist Du, daß Du rechten willst, Du Nabal ,Du Sohn der Narrheit?" rief der wüthende Redner.Merket," fuhr er dann, zu der Menge gewendet, fort,Ihr Männer von Juda, merket die Blindheit, die etlicheMenschen befällt ja selbst Heilige, wie die WittweHadassah. Joab hat von ihrer Magd gehört, daß dieserLycidaS, diese Schlange, monatelang in ihrem Hause ge-pflegt und gewartet worden ist, als ob er ein SohnAbrahams wäre. Ohne Zweifel war diese Handlungvon Seiten der Hadassah schlimmer denn Narrheit. Merketnun, was folgte. Die erwähnte Schlange entkommt ausihrer Wohnung, und am nächsten Tage ja den Tagdarauf überfallen die syrischen Hunde das Haus Sala-thiels, während er daS heilige Fest feiert! Wer führtesie dorthin?" Die Frage wurde mit leidenschaftlichemNachdruck wiederholt, und die Gefühle des Redners fingenaugenscheinlich an, sich den Zuhörern mitzutheilen.

Wer lag als ein blutender Körper, von den mörder-ischen Syrern erschlagen, auf der Schwelle?" fuhr Jascher,immer wilder werdend, fort,wer anders als Abischat,der brave, gläubige Mann, der die Viper umgab undsie zu vernichten suchte, aber vergebens er war es,der zuletzt ihrem verräterischen Stich zum Opfer fiel".

Jascher endigte seine Rede mit einem zischendenTon, der aus seinen gefletschten Zähnen hervorkam, undder Kessel menschlicher Gefühle um ihn her fing an zusieden und zu kochen. Der Fanatismus überlegt nicht,noch hört er auf die Stimme der Vernunft. Joab konnte