Ausgabe 
(19.5.1896) 41
Seite
309
 
Einzelbild herunterladen

« 41 .

1896 .

Augsburger Postzrilung".

Dinstag, den 19. Mai

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler).

Zudas Makkabäus.

Historischer Roman von A. L. O. E.

Frei nach dem Englischen von D. Colonius.

(Fortsetzung.)

Als Lycidas sich dem Mittelpunkte der Schaarnäherte, theilte sich diese, um ihn durchzulüften, bis erin die unmittelbare Nähe Jaschcrs, seines Anklägers undeigenmächtigen Richters kam, dann schloß sie sich ver-hängnißvoll hinter ihm, um die Möglichkeit des Ent-kommens zu hindern.

Lycidas war mit vollem Vertrauen und in der Ab-sicht, sich als Freiwilliger in ihre Reihen zu stellen, zuden Hebräern gekommen. Er war daher sehr erstaunt,sich als Gegenstand der allgemeinen Entrüstung und desHasses zu sehen. Weder der Ausdruck der wuthblitzen-den Augen, die aus allen Richtungen ihn anstarrten,noch die Bewegungen der Hände, die Spieße erhobenund blitzende Schwerter aus der Scheide zogen, warenmißzuverstehen.

Daist er, der Verräther, der Heide!" schrie Jascher,hierhergebracht, damit er den Tod stirbt, denn er ver-dient."

Was wollt Ihr, Hebräer Freunde, richtet michnicht ungehörtl rief Lycidas mit lauter Stimme, indemer die Hand erhob.Ich bin ein Bekehrter, ich ent-sage meinen falschen Göttern"

Er hat ihr Bildniß an seinem Arm!" schrie Jascher,indem er wuthschnaubend auf das silberne Armband desPollux zeigte, das der Grieche trug, und auf welchemdie mit Strahlen umgebenen Köpfe des Apollo und derDiana zu sehen waren. Das war ein sonnenklarerBeweis; es war nichts weiter nöthig.

Er stirbt, er stirbt!" war der einmüthige Ausruf.Das Leben des Lycidas war nicht weniger gefährdet,als er bet dem mitternächtlichen Begräbniß entdeckt wurde,oder als er mit Abischai am Rande des Abgrundes rang.In wenigen Augenblicken würde der junge Grieche alseine formlose Masse unter den Füßen seiner Mörder ge-legen haben, wenn nicht das eine WortHalt!" voneiner Stimme, deren Ton so oft im Schlachtengetösegehört war, die erhobenen Hände der Krieger gelähmthätte. Mit dem Rufe:Makkabäus der Fürst!" wichdie Menge nach beiden Seiten zurück, während derFührer durch die Reihen seiner Anhänger in den Kreisschritt. Ein Blick genügte, um ihm die Ursachen desTumultes zu erklären; er sah, daß er eben zur rechten

Zeit gekommen war, um seinen athenischen Nebenbuhleraus der Gefahr, von der Menge in Stücke gerissen zuwerden, zu retten.

Was soll dieser Tumult? Schämt Euch!" riefMakkabäus ernst, indem er die wüthende Schaar über-blickte.

Wir wollen Gerechtigkeit an einem Griecheneinem Götzendiener, einem Spion üben!" rief Jascher,auf Lycidas deutend, aber mit weniger wüthender Ge-berde. Der Fanatiker ließ in Gegenwart des Makka-bäus, welcher der einzige Mann auf Erden war, den erfürchtete, den Muth sinken.

Er ist ein Grieche, aber weder Götzendiener nochSpion," sagte der Fürst.Er gehört einem wackerenVolke an, das tapfer für seine Unabhängigkeit kämpfte,er kann daher wohl unsere Liebe zur Freiheit mitempfinden.Er ist gekommen, um feine Dienste anzubieten. SchämtEuch, ihn so zu belohnen!"

Wenn er nur nicht ein falsches Spiel mit unstreibt," murmelte einer der Krieger, indem er den Ge-danken der Uebrigen Ausdruck gab.

Wir werden bald eine Gelegenheit haben, alleZweifel zu beseitigen," sagte Makkabäus .Wir werdenum die Mittagszeit den Feind angreifen, und dann solldieser Grieche in der Schlacht zeigen, ob er treu oderfalsch ist."

Die Aussicht, so bald mit dem Feinde zusammen-zutreffen, lenkte die Aufmerksamkeit jedes hebräischenKriegers auf andere Interessen, als das Schicksal einesFremden. Jascher jedoch wollte sein Opfer noch nichtfreigeben.

Er ist ein Achan!" rief der Fanatiker,wenner unter uns kämpft, so wird er unseren Waffen Fluchbringen."

Er ist ein Bekehrter," entgegnete Makkabäus mitlauter Stimme, welche von allen gehört wurde.UnserePriester und Acltesten haben ihn angenommen undich nehme ihn als einen in unsern Bund aufgenommenenHebräer, einen Waffengefährten und Glaubensbruder, an."

Die Worte des Fürsten wurden mit ehrfurchtsvollerUnterwerfung hingenommen, wenn auch nicht mit Be-friedigung. Makkabäus wurde mit Begeisterung vonseinen Anhängern betrachtet, nicht allein als tapfererund geschickter Anführer, sondern auch als einer, dessenKlugheit sie wohl vertrauen konnten und dessen Frömmig-keit sie ehren mußten. Niemand wagte einen Finger an