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42. Mittwoch, den 20 . Mai 4896.
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag der Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr, Max Huttler ).
Judas Wakkaöäus.
Historischer Roman von A. L. O. E.
Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS.
(Fortsetzung statt Schluß.)
37. Kapitel.
Nach der Schlacht.
ES gibt sowohl Freude wie Kummer, in welcheein davon nicht Berührter nicht eindringen «nd welchekeine Feder beschreiben kann. So erging eS LycidaSund Sarah, als sie sich zuerst nach der Schlacht betBethsura wiedersahen. DaS Mädchen mäßigte ihre Freudedoch etwas und fühlte Angst und Unruhe, als sie denjungen Griechen sah, wie er ihr, blaß vor Blutverlust,erschöpft vor übermäßiger Anstrengung, den linken Armin der Binde, entgegentrat, aber sie beruhigte sich bald;denn LycidaS hatte keine ernstliche, unheilbare Wundedavongetragen. Der junge Bekehrte freute sich sogar,eine Wunde erhalten zu haben, als Beweis, daß erunter JudaS MakkabäuS gefochten und einer der erstenunter denen gewesen war, die Bethsura gestürmt hatten.LycidaS gab der Sarah und ihrer Gefährtin eine genaueSchilderung des Gefechts. Sarah hörte athemloS undzitternd zu, als der Erzähler in seiner Beschreibung andie Stelle kam, wo er selbst in so großer Gefahr ge-wesen war, von der Mauer geschleudert zu werden, wennnicht JudaS MakkabäuS ihm in demselben AugenblickeHilfe geleistet hätte. „Ich wußte, daß eS mit mir auswar, wenn nicht der Fürst plötzlich vor mir erschienenwäre. Hätte ich nicht längst alle Fabeln, die ich in meinerKindheit gehört, den Winden übergeben, so würde ichgeglaubt haben, daß Mars selbst, strahlend in himmlischemGlänze, aus einer Kriegswolke niedergefahren wäre. Aberder Held Israels bedarf keines erborgten Glanzes, mitwelchem die Phantasie eines Dichters ihn umgeben könnte— er selbst verwirklicht die erhabensten und herrlichstenIdeen des Homer ."
„Und MakkabäuS war derjenige, der Dich retteteund vertheidigte? Das. war groß und edel!" murmelteSarah.
„Ja, es scheint so meine Bestimmung zu sein, daßich in einer immer mehr anwachsenden Schuld der Dank-barkeit ganz versinken soll!" rief LycidaS, indem er imScherz einen Schein von Unzufriedenheit auf die Dank-barkeit «nd Bewunderung warf, die er für seinen Er-
retter fühlte. „Ich wollte, eS wäre meine Rolle gewesen,den Retter zu spielen, und mein Schwert hätte seinHaupt geschützt, und daß MakkabäuS nicht dazu bestimmtgewesen wäre, mich in allem, selbst in der Macht, Groß-muth an einem Rivalen zu üben, zu verdunkeln. Aberich darf ihn nicht um die Lorbeeren, die er erntet, be-neiden," fügte der junge Athener mit einem strahlendenBlick auf Sarah hinzu, „da die Blumengewinde des Glückesmir zuerkannt find."
Am Morgen nach der Schlacht bei Bethsura be-suchten Simon und Eleazar ihre Verwandte in der Hüttedes Ziegenhirten, wo sie mit Hannah die Nacht zugebrachthatte. Sie betrachteten sie noch als ihre zukünftigeSchwester und boten ihr ihre Begleitung zu dem Hauseder Nahe! an, welche nicht weit von der Festung lebte.Da Sarah wünschte, so bald als möglich unter den Schutzeines weiblichen Verwandten zu kommen, nahm sie dasAnerbieten froh und dankbar an. Die Sänfte wurdevor die Thür der niedrigen Hütte gebracht, und nachdemdie Vorhänge derselben niedergelassen waren, traten dasMädchen und ihre Dienerin ihre kleine Reise zu Rahe!an, die hocherfreut das Kind der Hadassah empfing.Sarah sah an jenem Morgen nichts von LycidaS — undMakkabäuS vermied eS, sie zu sehen.
Im hebräischen Lager war alles emsig und thätigZelte wurden abgerissen und alles für den bevorstehendenMarsch nach Jerusalem bereit gemacht. Die ermattetenKrieger vergaßen ihre Müdigkeit, die Verwundeten ihreSchmerzen, so begierig waren Alle, die reichen Früchteihres Sieges innerhalb der Mauern von Jerusalem ein-zusammeln. Die Gedanken des Fürsten weilten mittenin aller Unruhe und Verwirrung und trotz der vielenSorgen, die von allen Seiten auf ihn einstürmten, betSarah. Er fühlte, daß sie für ihn verloren war. Erwürde den Gedanken, ihre Hand dennoch zu begehren,mit Verachtung von sich gewiesen haben, da er wußte,daß ihr Herz einem andern gehörte. Aber er beschloß,wenigstens an dem verwaisten Mädchen wie ein Bruderzu handeln. So schmerzlich auch dem MakkabäuS derAnblick seines Nebenbuhlers war, beschloß er dennocheine Zusammenkunft mit LycidaS zu haben, um sich selbstzu überzeugen, ob er auch eines hebräischen Mädchenswürdig sei. LycidaS hatte sich als tapferer Krieger ge-zeigt, er hatte die Bewunderung selbst des fanatischenJascher gewonnen, aber würde der junge Grieche auchin dem angenommenen Glauben fest stehen, wenn eS