Ausgabe 
(2.10.1896) 82
Seite
625
 
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HL82.

Areitag, den 2. Oktober

1896.

Mr die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabhcrr in Augsburg (Borbefltzer vr. Max Huttler ).

Km fehlendes Wort.

Original-Novelle von C. Borges.

-- (Nachdruck verboten.)

I.

Es war ein herrlicher Frühlingstag. Der warmeSonnenschein lockte die Veilchen aus ihrem dunklen Ver-steck, färbte die knospenden Bäume, schlüpfte durch diegrünlich schimmernden Ziersträucher und legte sich breitund erwärmend auf die weiten Rasenflächen, von welchenlängst die glitzernde Schneedecke verschwunden war. LautesVogelgezwitscher, melodisches Summen der Mücken undKäfer harmonierten lieblich mit dem märchenhaften Säu-seln und Flüstern des leisen Zephyrs, der in den Kronender uralten Tannen und Fichten spielte.

In der säulengetragenen Vorhalle einer stolzen Villain der Vorstadt einer süddeutschen Residenz saß in einerFensternische die verwittwete Frau von Schalldorf, Herrineines bedeutenden Vermögens, des weitläufigen Parkes,der sich vor ihren Augen ausbreitete, und des prächtigenHauses. Sie athmete mit Behagen die balsamische, wür-zige Frühlingsluft, die ungehindert einströmte, und freutesich über die malerische Scenerie der neu erwachendenNatur, die sich vor ihren Augen ausbreitete. Vor ihrstand ein Tischchen mit weiblichen Handarbeiten. Dochihre Hände waren auf den Schooß hinabgeglitten undhielten nur die feine Stickerei, ohne daran zu arbeiten,während sie träumerisch zu dem klaren, tiefblauen Früh-ltngshimmel hinaufsah.

Neben ihr, mit gesuchter Koketterie hingegossen, inhalb liegender, halb sitzender Stellung, lag in einer be-quemen Chaiselongue ihre jüngere Schwester, Frau Ka-roline Neumann, eine längst verblühte Schönheit mithellen, Wasserblauen Augen, gelangweiltem Gesichtsaus-druck, einer langen, spitzen Nase, einem großen Mund,der sich beim Oeffnen bedenklich schief zog. Obgleichlängst die Vierziger überschritten, und Mutter von fünfKindern, fand Frau Neumann immer noch Gefallen daran,sich durch Hilfe der verschiedenartigsten Toilettenkünsteein jugendliches Ansehen zu bewahren, ohne zu ahnen,wie lächerlich sie sich in den Augen der Welt machte.Sie schmückte sich mit Vorliebe mit rothen Korallen-schnüren als Arm- und Halsbänder; rothe Korallensternehielten das leicht gekräuselte blonde Haar zusammen, dasnoch bis vor Kurzem in langen ungeordneten Lockenherabfiel.

Wie geht es Dir heute, meine liebste Mathildeflötete sie jetzt in ihrer klanglosen Stimme und wecktedadurch die Schwester aus ihrer süßen Siesta.

Keine wesentliche Veränderung ist seit gestern inmeinem Befinden eingetreten, als Du dieselbe Frage anmich richtetest", lautete die sarkastische Antwort. Ohneaufzusehen, fühlte Frau Neumann die Blicke ihrer Schwestervorwurfsvoll auf sich ruhen, doch sie war zu weltklug,um ihren Unmuth darüber offen zu zeigen. Mit derreichen, kinderlosen Wittwe war nicht zu spaßen; sie hatteihre Eigenheiten, aber vermuthlich noch kein Testa-ment gemacht, und da Karoline Neumann es meisterhaftverstand, sich überall einzudrängen, zweifelte sie keinenAugenblick an der Erfüllung ihres Lieblingswunfches,das Vermögen der Schwester sich oder ihren Kinder»zu sichern.

Sie hatte früh, kaum der Kindheit entwachsen, ge-heirathet. In dem kleinen Provinzialstüdtchen, in demihre Eltern und Geschwister Glück und Zufriedenheitgefunden, genügte ihr das gesellige Leben nicht. Selbstdas Elternhaus befriedigte ihrem unzufriedenen streit-süchtigen Gemüth nicht den Hang nach den Zerstreuungenund Vergnügungen, die das Leben einer Großstadt bietet.Die unbärttgen Jünglinge, die ihre Tanzstunden in-teressant machten, liebten die herzlose Kokette vielleichtumso begeisterter, je schlechter sie von ihr behandelt wur-den. Nur einer machte eine Ausnahme. Der jungeJurist Neumann schaute mit unverhohlenem Spott undVerachtung auf seine Freunde, die um die Gunst derkoketten Schönen eiferten, der die Liebe ein Spiel war.Er konnte nur lieben, sobald er an Herzensgüte, Wahr-heit und Treue glauben konnte, und diese Tugendenkonnte er in dem Herzen der vielumworbenen, stolzenLina nicht entdecken. Diesen ernsten, strebsamen jungenMann als Sklaven zu ihren Füßen zu sehen, war fortandas Streben der selbstbewußten jungen Dame. Inäußerst liebenswürdiger Weise wußte sie sein Interessezu fesseln; der zwanglose Verkehr und die Künste derKoketterie lockten ihn bald in ihre Netze. Als ein Musteraller Tugenden und des Wohlwollens täuschte sie leichtihre arglosen, guten und treu ergebenen Freunde undumstrickte das Herz des jungen Anwalts, der durch dieheuchlerischen Vorspiegelungen irre an sich selbst gewordenwar. Und so geschah es, daß er bald Name, Herz undHand der jungen Sirene anbot, auf ihren Wunsch sichals Notar in der süddeutschen Residenz niederließ, wo