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er mit einer geringen Praxis für die Existenz seiner Fa-milie täglich ringen mußte.
Die ältere Schwester Mathilde hatte ein glücklicheresLoos gezogen. Der reich begüterte Laudedclmann vonSchalldorf hatte kurz vor seinem Tode, vor kaum ZweiJahren, in Ermangelung eines Erben, seine umfang-reichen Besitzungen veräußert, um behaglich mit seinerGattin die Früchte seines Reichthums zu genießen. Erkaufte eine prachtvolle Villa, mit großem Park umgeben,aber schon nach wenigen Wochen stand seine weinendeWittwe am Sarge des theuren Gatten, den eine kurze,heimtückische Krankheit so früh von ihrer Seite gerissen hatte.
Sie hatte kein Kind, das ihren Schmerz lindern,der Trost ihres Alters werden konnte, hingegen ihreSchwester Lina hatte deren fünf. Kein Wunder also,daß Letztere ein fast täglicher Gast in der Villa war undder Gunst der Schwester sich vergewissern wollte. Keinmißzuverstehender Wink, keine spitze, sarkastische Bemer-kung seitens der reichen Verwandten vermochten dieseBesuche einzuschränken; mit verblüffender Kühnheit stelltesich Tante Lina, oft sogar mit ihren Kindern, immerwieder in der Villa ein, die auch von andern Gliedernder Verwandtschaft allzu häufig besucht wurde.
Man machte der reichen Wittwe bei jeder Gelegen-heit Geschenke, die sie nicht gebrauchen wollte oder konnte;zu jedem kleineren oder größeren Familienfeste erhieltsie die erste Einladung, obgleich dieselben niemals ange-nommen wurden. Man bat um ihren Rath in jederFamilienangelegenheit und zollte ihr jede Aufmerksamkeit,die ein Tribut derjenigen sind, über die das launischeGeschick das Füllhorn der irdischen Güter so verschwen-derisch ausgeschüttet hat.
Mit fünfzig Jahren war sie immerhin noch einestattliche Erscheinung, mit dunkeln feelenvollen Augen,obgleich zahlreiche Silberfäden ihr dunkelblondes, glattgescheiteltes Haar durchzogen. In ihren wohlwollendenZügen spiegelten sich innere Zufriedenheit und Seelen-frieden, die aber einen härteren Ausdruck annahmen, so-bald sie, wie jetzt, von ihren Verwandten belästigt wurde.
Auch heute war Lina Neumann nicht allein, sondernin Begleitung ihrer ältesten Tochter Mathilde gekommen,die nach der reichen Wittwe genannt und deren Pathen-kind sie war.
Mathilde Nenmann war kaum achtzehn Jahre alt.Sie hatte von ihrer Mutter die schlanke ebenmäßige Ge-stalt, vom Vater die feinen, edel geschnittenen Gesichts-züge geerbt; ihr Wesen schien gutherzig und ohne Be-rechnung — was man ihrer Mutter nicht nachsagenkonnte. Durch ihr naives Geplauder gewann sie dasVertrauen der reichen Wittwe, die ihre Aufmerksamkeitenund kleinen Zeichen der Liebe gern und dankbar hinnahm.
„Mathilde Neumann ist die einzige meiner Ver-wandten, die mich liebt", dachte oft die einsame Frau,oie so reich und gleichzeitig so bemitleidenswerth armwar; daher erhielt diese ihre Lieblingsnichte sehr häufigEinladungen zum Kaffee oder Thee, die den Neid derübrigen Verwandten erregten, da diese, wenn auch nichtseltener, so doch ungeladen kamen.
„Wie ist es heute mit Deinen Kopfschmerzen, meinKind ? Du klagtest gestern darüber", fragte theilnehmenddie Tante, das krause, widerspenstige Haar ihres Lieb-lings streichelnd.
„Ja, Tantcheu, das ist auch kein Wunder, da ichMeinen armen Kopf täglich so sehr anstrengen muß",
klagte die Angeredte. „Bedenke doch, die vielen Stundenin der Selekta, dann der Musikunterricht, die fremdenSprachen, und zu alle dem steht das Gouvernanten-Examenim nächsten Jahrs als Schreckgespenst in dem Hintergrund."
Frau Neumann seufzte, und sich aus ihrer beguemennachlässigen Stellung halb aufrichtend, versetzte sie: „Duweißt doch, Mathilde, daß Du als älteste Tochter desHauses bald auf eigenen Füßen stehen und Dir denLebensunterhalt selbststündig verdienen mußt! Eine guteErziehung ist alles, was wir Dir geben können."
Mathilde zuckte die Achseln, Zog ein niedriges Ta-bonret herbei, setzte sich zu Füßen der Tante, ließ miteinem schelmischen Blick ihr viclgeplagtes Köpfchen inderen Schooß sinken und spielte mechanisch mit den Fin-gern, die liebkosend ihre Wangen streichelten. Die Tantefreute sich über diese kindlichen Liebeserweisungen undduldete sie gern.
„Möchtest Du gern in Deinen Sommerferien eineNheinreise mit mir machen?" flüsterte sie ihr zu.
Das junge Mädchen sprang von seinem Sitze auf,schlug in freudiger Erregung die Hände zusammen, danntanzte sie in der geräumigen Halle umher.
„Eine Nheinreise!" jubelte sie. „O, liebste, besteTante, wie gern möchte ich eine Rheinreise mit Dirmachen I"
„Mathilde, beherrsche Dich! Sei nicht so ausge-lassen, das schickt sich nicht für eine angehende Erzieherin",mahnte die Mutter im strengsten Tone, dann wandte siesich an ihre Schwester. „Es ist mir sehr lieb, daß Dumeiner Tochter diesen Vorschlag machst; die Abwechselungwird ihr gut thun. Offen gestanden, bedürfen wir alleder Erholung, meine fünf Kinder sowohl wie mein Gatteund auch ich."
Die Wittwe fuhr, ohne die geringste Notiz vondieser Bemerkung zu nehmen, fort: „Mathilde soll eineZerstreuung und Abwechselung haben; sie sitzt zu vielbei ihren Büchern, es ist unbedingt für ihre Gesundheiterforderlich —"
„Dort kommen Tante Nosalte und Koustne Ma-thilde", unterbrach das junge Mädchen plötzlich, nach dembreiten Parkwege zeigend, auf dem soeben zwei Damensichtbar wurden.
Das Antlitz der Mutter umwölkte sich. «Schonwieder!" murmelte sie zwischen den Zähnen, dann fügtesie, zu ihrer Schwester sich wendend, laut hinzu: „ESscheint mir, die Familie Schalldorf ist beständig hier an-zutreffen! Biete doch den Verwandten Deines Gattenlieber ein Obdach in Deinem Hause an, dann ersparstDu ihnen den täglichen Weg hierher."
„Ich fürchte, sie würden dieses Anerbieten annehmen",lautete die gelassene Antwort, „aber die Schalldorfs sindnicht die einzigen Verwandten, die mich recht häufig mitihren Besuchen beehren."
Frau Nosalie von Schnlldorf mit ihrer ältestenTochter Mathilde betraten in diesem Augenblicke das Ge-mach, die ältere Dame warf einen vernichtenden Blickauf Tante Lina, wie die Gattin des Anwalts von derganzen Familie allgemein genannt wurde, dann begrüßtesie die reiche Wittwe. Mathilde von Schalldorf, eben-falls ein Pathenkind der Tante, deren Namen sie trug,reichte mit unbefangener Offenheit allen Anwesenden dieHand zum Gruß entgegen.
„Ihr lieben, guten Menschen müßt doch täglich vielZeit erübrigen können, um Besuche zu machen", begann