Ausgabe 
(2.10.1896) 82
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die Wittwe. »Es wundert wich, wie Ihr mit Eurerzahlreichen Familie darnach Euren Haushalt einrichtenkönnt!"

Du sollst Dich doch nicht von uns vernachlässigtfühlen, meine liebe Mathilde", entgegnete Frau vonSchalldorf, Gattin eines pcnsionirten Offiziers,wiewohlich nicht begreifen kann, daß andere", hierbei warf sieeinen bedeutungsvollen Blick auf Frau Neumann,sohäufig im Hause entbehrt werden können."

Das ist ganz meine Anficht", höhnte Tante Lina,besonders, wenn ich bedenke, daß in manchen Häuserndie Behaglichkeit durch die häufige Abwesenheit der Haus-frau bedeutend beeinträchtigt wird." Dabei warf sie derihr gegenübersitzenden Dame, deren Schritte sie arg-wöhnisch beobachtete, einen feindseligen Blick zu.

Die reiche Wittwe schien sich um die Unterhaltungihrer beiden Verwandten wenig zu kümmern. Sie wußtenur allzu gut, daß die häufigen Besuche, die vielen Auf-merksamkeiten nicht ihrer Person, sondern nur ihrem Ver-mögen galten, und dieser Gedanke erfüllte ihr Herz mitBitterkeit. Daher streichelte sie ihren Hund, einen kleinenschwarzen Pudel, der sich beständig in ihrer Nähe auf-hielt, um ihre Gedanken von dem Gespräch der beidenDamen abzulenken. Sie hatte eine große Vorliebe fürThiere, besonders für Hunde, denn, wie sie oft zu sagenpflegte, entspraug die Treue und Anhänglichkeit der un-vernünftigen Kreatur reineren Trieben, wie manchenMenschen, die unter dem Deckmantel der Liebe und Hin-gebung nur ihre eigenen Zwecke verfolgten.

Ich wollte Dich daran erinnern, meine liebe Ma-thilde", begann die Majorin von Schalldorf,daß Duhier in Deiner Einsamkeit doch ein viel zu ruhiges undabgeschlossenes Leben führst. Dein lieber Gatte ist nunschon seit zwei Jahren todt, die Trauerzeit ist längstvorüber und da bist Du eS doch der Gesellschaft schuldig,aus Deiner Zurückgezogenheit hervorzutreten und an dengeselligen Freuden wieder theilzunehmen. Wenn ich Dichnur überreden könnte, meinen gut gemeinten Rath zubefolgen!"

Wie oft habe ich schon wiederholt, daß ich meinjetziges, ruhiges Leben dem Geräusch der Welt vorziehe",versetzte die Wittwe gereizt.

Die beiden jungen Damen hatten sich während derUnterhaltung der Mütter still und unbemerkt zurückge-zogen; sie saßen hinter hohen Blattpflanzen und Palmenversteckt, aber ihre Interessen gingen zu wett auseinander,um eine Unterhaltung im Gange halten zu können. Ma-thilde von Schalldorf war ein schlankes, großes Mädchen,etwa zwei Jahre älter wie ihre Cousine, und im Gegen-satz zu dieser prägte sich in ihren Zügen Charakterstärkeund Willenskraft aus, und ihre dunkeln, feelenvollenAugen bekundeten deutlich, daß ihr der Ernst des Lebensnicht fremd geblieben war.

Aber Du hast Pflichten gegen die Welt und dieGesellschaft, der Du Dich nicht länger entziehen darfst",beharrte die Majorin.

Die Welt kümmert sich wenig um mich, und Pflichtenhabe ich ihr gegenüber nicht zu erfüllen", lautete dieruhige Entgegnung,und was meine Einsamkeit anbe-trifft, wie Du mein Leben hier zu nennen beliebst, soglaubst Du doch selbst nicht daran, weil es mir niemalsan Besuchern mangelt." Die beiden Gegnerinnen warfensich bei diesen Worten einen bedeutungsvollen Blick zu.Selbst hier in meiner Zurückgezogenheit fehlt eS mir

nicht an kleinen Freuden", fuhr die Wittwe lächelnd fort,und diese erhellen wie ein lichter Sonnenstrahl mein trübesDasein. So konnte ich gestern noch einem armen Wesenhelfen, daS bei mir Schutz suchte."

Tante Lina horchte bet diesen Worten entsetzt auf.Ist es wirklich wahr, daß sie die Kühnheit hatte, Dichhier aufzusuchen? Das ist unerhört!" rief sie, vor Zornbebend.

Die Schwester lachte bei dieser Erregung laut auf.Warum ereiferst Du Dich und regst Dich so unnützauf, liebe Lina", gab sie heiter zurück.Ja, ein armes,halb verhungertes Wesen stellte sich gestern in unsererKüche ein, und es scheint gar keine Lust zu haben, unserHaus wieder zu verlassen."

Tante Lina konnte ihren Zorn kaum noch längerbeherrschen, dunkle Nöthe färbte ihre Wangen, die sogartrotz der weißen Schminke sichtbar wurde.

Das ist zu arg, das dulden wir nicht", rief sieempört aus.War es denn nicht genug, daß sie sichbei mir eindrängen wollte! Und Du hast ihr wirklichein Obdach in Deinem Haufe gewährt! Eine Frau,von der wir nicht wissen, wer sie ist, und woher siestammt, die unsern armen Bruder Herbert bethörte undihn in ihren Netzen verstrickte!"

Die Züge der reichen Wittwe waren plötzlich sehrernst geworden, finster und zugleich überrascht blickte sieihre erregte Schwester an.

Karoline, wir verstehen uns augenblicklich gar nicht,und Deine unbegründete Heftigkeit kann nur auf einemMißverständniß beruhen", begann sie langsam.Dasarme, halbverhungerte Wesen, das mein Mitleid erregte,war eine kleine Katze, die sich in unserer Küche einstellte,Du kennst ja meine Vorliebe für Thiere. Was meinstDu aber von der Gattin unseres armen Bruders? Istsie hier in der Stadt? Hat sie um Deine Hilfe gebeten?"

Tante Lina erbleichte. Unter keiner Bedingungdurfte die Schwester von der Anwesenheit der neuen Ver-wandten in der Stadt erfahren, und vorn Zorn hinge-rissen, hatte sie in der Uebereilung Worte fallen lassen,die sie jetzt bitter bereute, und die sie gern zurückge-rufen hätte.

Herbert Wendtland, der einzige jüngere Bruder,hatte vor langen Jahren in Neapel die Verbindung miteiner jungen deutschen Dame geschlossen, die sich dort alsErzieherin in einer reich begüterten italienischen Familieaufhielt. Die beiden älteren Schwestern traten energischdieser Verbindung entgegen; nicht aus persönlichen Rück-sichten, denn die erwählte Dame war ihnen ja vollständigfremd, wohl aber, weil der Bruder fein eigenes Ver-mögen leichtsinnig verschwendet und sich nicht die Fähig-keiten erworben hatte, für die Existenz eines eigenenHausstandes zu sorgen. Er war ein Künstler, mst außer-ordentlichen Talenten begabt, allein es fehlte ihm Energieund Ausdauer, und feine wenigen Gemälde erzielten hohePreise. Nach einem unstäten Wanderleben raffte ihnder unerbittliche Tod von der Seite seiner Gattin, siemit ihrem kleinen Sohn in der äußersten Noth zurück-lassend. Niemand wußte, was aus ihnen geworden waroder in welcher Gegend sie sich ein neues Heim ge-gründet hatten.

Die ältere Schwester Mathilde hatte ihren jüngerenBruder aufrichtig geliebt und nach seinem Tode sich oftgesehnt, das zurückgebliebene Kind in die Arme schließenzu können; ebenso gern hätte sie nach besten Kräften d«