Ausgabe 
(2.10.1896) 82
Seite
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Mgen Wittwe geholfen. Tante Lina hingegen dachtestets nur an ihr liebes Ich; sie war keiner besserenRegung fähig, aber ihre eben ausgesprochenen heftigenWorte erweckten das grösste Interesse und die Neugierihrer Schwester. Lina wußte zu gut, daß es zu spätwar, die übereilten Worte zu widerrufen oder durch einelügenhafte Ausrede dieselben zu vertuschen.

Vor kurzer Zeit kam eine Frau zu mir, die sichals Herberts Wittwe ausgab", gestand sie kleinlaut,siehabe sich hier in der Stadt mit ihrem Sohne niederge-lassen, um Beschäftigung zu suchen, gab sie vor. Siewar vielleicht nur eine Betrügerin, denn ich konnte michnicht vom Gegentheil überzeugen. Ich habe sie selbst-redend sehr kühl empfangen, und sie wird wahrscheinlichmich nicht wieder belästigen."

Das Antlitz der älteren Schwester verfinsterte sichimmer mehr und mehr.War das Kind bei ihr, alssie Dich besuchte?" fragte sie streng.

Nein, sie kam allein. Aber selbst wenn sie dieWahrheit gesprochen hätte, so würde es uns in unsererStellung doch unmöglich sein, sie als Verwandte anzu-erkennen", fuhr die herzlose Schwester fort.

Sprach sie ihre Absicht aus, mich aufzusuchen?"

Sie sagte etwas derartiges", gestand Lina,aberich gab ihr die Versicherung, daß Du gar nicht vonFremden belästigt sein wolltest, und daß Du mit derVerbindung mit unserem Bruder durchaus nicht einver-standen gewesen wärst. Natürlich wollte die Person nurGeld von Dir erpressen."

Eine Absicht, in der andere ihr längst zuvorgekom-men sind", rief unwillig die sonst so ruhige Wittwe.Ein anderes Mal, Karoline, überlaß mir die Regelungmeiner eigenen Angelegenheiten; ich bin, Gott sei Dank,noch selbstständig genug, um für mich selbst sprechen undhandeln zu können. Hat sie Dir vielleicht ihre Adressegegeben?"

Sie hat davon gesagt, aber da ich sie nicht auf-schrieb, habe ich sie wieder vergessen."

Wenn Dein Gedächtniß so kurz ist, wird dasmeinige in späteren Tagen gewiß nicht besser sein", fuhrdie Wittwe finster fort.

Diese versteckte Drohung übte auf Tante Lina dengewünschten Erfolg aus, so daß sie die Wohnung Joseph-straße 16 angab. Die beiden jungen Mädchen und dieMajorin hatten mit gesteigertem Interesse der immer er-regter werdenden Unterhaltung der Schwestern gelauscht,doch angesichts einer neuen drohenden Gefahr beschloßdie Majorin, mit ihrer Gegnerin gemeinsame Sache gegeneinen gemeinsamen Feind zu machen.

Wenn Dein Bruder gegen Deinen Willen einenBund geschlossen hat, meine liebe Mathilde", wandte siedeshalb ernsthaft ein,so darfst Du als dieAelteste und das Haupt der Familie sie nicht als eineVerwandte anerkennen; Du bringst sie dadurch nur ineine falsche Stellung."

Das Beste wäre, gar keine Notiz von ihr zunehmen", schlug Tante Lina vor.

Die Wittwe lächelte wehmüthig.Karoline, Dumüßtest doch als Gattin eines Juristen wissen, daß mankeinen Rath unerwünscht und gratis geben soll", sagtesie schneidend.Ich bin noch im Stande, meine eigenenAngelegenheiten zu ordnen, und ohne Euren Rath weißich recht gut, was ich zu thun und zu lassen habe."

^Natürlich", Pflichtete die Majorin bei,aber mit

Deinem Hang zur Freigebigkeit kannst Du leicht dasOpfer einer berechnenden Abenteurerin werden. Hast Dudie Absicht, die Frau in der angegebenen Wohnung auf-zusuchen?"

Ich bin noch nicht fest entschlossen", versetzte dieAngeredete,wenn Herbert's Wittwe Beschäftigung sucht,so würde eS nur Christenpflicht sein, ihr nach Kräftenzu helfen. Ach, Herr Lieutenant", unterbrach sie sich,als ein breitschultriger schmucker Dragoner-Offizier vomDiener hereingeführt wurde,wie gut, daß Sie heutekommen! Es hat fast den Anschein, als hätte ich heutemeinen Empfangstag."

Lieutenant Benno von Römer gehörte zu ihren Günst-lingen. Er stammte aus einer altadeligen, reich begü-terten Familie, und war in der einsamen Villa ein häu-figer und gern gesehener Gast. Die beständige Furcht,nur um des elenden Goldes wegen nicht vernachlässigtzu werden, wich beim Erscheinen ihres jungen Freundes,denn er war selbst reich genug, ohne daran denken zumüssen, sein hochadeliges Wappenschild mit fremdenSchätzen vergolden zu müssen.

Diesen jungen, strebsamen Offizier dereinst mit ihremLiebling Mathilde Neumann vereint zu sehen, war einunausgesprochener, aber still gehegter Wunsch der reichenWittwe. An ihrem Hochzeitstage wollte sie als gute Feehervortreten und dem jungen Paare eine bedeutendeSumme als willkommene Gabe in den Schooß legen.Das war ein schöner Traum, aber um ihn zu verwirk-lichen, ließ sie keine Gelegenheit unbenutzt vorübergehen,die Beiden in ihrem Hause zusammen zu bringen.

Auch jetzt warf sie ihm einen verständnißvollen Blickzu, und gleich darauf verschwand er hinter den hohenPalmen, wo die beiden Cousinen ein lauschiges Plätzchengefunden hatten. Mathilde von Schalldorf war viel zuernst und reif für ihr Alter, um an den launischen undwitzigen Scherzen des jungen Mannes Gefallen zu finden,daher nahm sie ein Buch und schritt durch die geräumigeHalle dem Park zu.

Das Glück hat mir heute wieder huldvoll zuge-lächelt", begann der Lieutenant, sich neben Tante Ltna'Sältester Tochter in einen bequemen Sessel werfend.

Wie meinen Sie das?" fragte Mathilde naiv.

Ich finde Sie hier, Fräulein Neumann", versetzte

er, mit einem vielsagenden Augenaufschlag.Wie kommt

es, daß ich Sie jetzt so selten treffe?"

Ich werde zu sehr mit den lästigen Schularbeitengeplagt", gestand sie,aber meine Tante hat mir fürden Sommer eine schöne Zeit in Aussicht gestellt. Ichdarf eine Nheinretse mit ihr machen I"

In ihrer Freude hatte sie auch ihrer Cousine vonder verlockenden Aussicht erzählt, doch kein trüber Schattendes Neides war in ihren Zügen sichtbar geworden.

Das freut «ich für Dich", hatte sie geantwortet,hoffentlich kehrst Du körperlich und geistig gekräftigtzurück, um mit frischem Muth Deine Arbeit wieder auf-zunehmen."

Sie beneidet mein Glück sie gönnt mir dieFrende nicht", hatte die jüngere Cousine bei sich selbstgedacht,nur will sie mir ihre Gefühle nicht zeigen. Ichan ihrer Stelle würde mich ärgern, zurückgesetzt zu werden."

Als kurze Zeit später die Gäste die einsame Villaverlassen hatten, saß ihre Bewohnerin noch lange Zeit,das Haupt in die Hand gestützt, in tiefes Sinnen ver-sunken.