Ausgabe 
(2.10.1896) 82
Seite
629
 
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Hubert'S Gattin und sein Kind sind hier in der»selben Stadt und ich wußte eS nicht!" stöhnte sieendlich.Mein armer, guter Bruder, er hat allzufrühSchiffbruch in seinem Leben erlitten, und ich! Ist esmir besser ergangen?"

(Fortsetzung folgt.)

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Die Zettelt! ägerm.

Erzählung von D. Duncker.

(Schluß.)

Vergebens. Die blonde Frau lag abgewandt in einer»Sessel, das Antlitz mit den Händen bedeckt. Ein Bebendurchlief die kräftige, lebensvolle Gestalt und schluchzendund stockend stieß sie abgebrochene Worte zwischen denbergenden Händen hervor.

Es kann nicht sein es ist unmöglich daSalte Bild es trügt aber das da das Kreuz

das Gottesauge und darunter der Tag derGeburt und jene, die ihr's gab und ruir's er-zählte daß ich fortan keine Ruhe mehr fand o,mein Gott!" Sie löste die Hände mit einer raschen,leidenschaftlichen Bewegung von dem Antlitz und sah derAlten mit brennendem Weh und sehnsüchtigem Verlangentn's Auge.

O, mein Gott, ist eL denn möglich, daß Sie meineMutter meine arme, langersehnte Mutter" Undschluchzend brach das junge Weib zusammen.

Wie ein gewaltiges Wetter brauste das Unbeschreib-liche über die alte Frau hin. Völlig umnachtet warenihre Sinne. Sie wußte nichts davon, daß und wannendlich ihre Lippen stammelndMartha Martha?"fragten. Sie sah und hörte und fühlte nichts, bissie eng umschlungen in den Armen ihrer Tochter lagund die Ströme dieser lang getrennten Herzen ineinanderflutheten, als wollten sie in einer einzigen köstlichenStunde nachholen, was ihnen ein langes Leben grausamgeraubt hatte. Wortlos, stumm, in grenzenloser Beweg-ung schienen sie Eins im Andern aufgehen zu wollenohne Ende.

Nach einer Zeit, für die es Beiden niemals einMaß gegeben, drückte Martha die Mutter auf das Ruhe-bett zurück, und zu ihren Füßen knieend, erzählte sie inhastenden Worten, was sich zuvor nur in abgebrochenenLauten losgerungen. Daß sie vor Jahren durch einenZufall jener Jugendfreundin begegnet sei, die dem Neu-geborenen daS verhängnißvolle Kreuzchen umgehängt. Siehabe ihr entdeckt, was Martha längst empfunden, daßihr das Mutterherz in frühester Kindheit geraubt wordensei, daß die, die sie Mutter nannte, ihr in Wahrheitniemals Mutter gewesen sei. Von jenem Tage an habesie unablässig gesucht, obwohl jene Freundin ihr vertraut,daß die Mutter unter fremdem, auch ihr unbekanntemNamen lebe, und nach ihrer Verheirathung ihr Mann,

der in allen Dingen denke und fühle wie siemit ihr.

Ach, jedes kleine Goldkreuz, das sie erschauten, habeihnen den Athem stocken gemacht und die freudige Furchterregt, ein Gottesauge und das Datum eines gewissenLageS darauf zu finden. Vergebens, immer vergebens!

In wie viel Zügen hatten sie geforscht, die demKeinen Jugendbtld, das jene Freundin ihr gegeben, zu(gleichen schienen! Umsonst, immer umsonst!

Bei jedem Kinde, das ihnen neu geboren würden,hatten sie auf der Mutter Segen gewartet gehofft er blieb aus immer aus.O Mutter, Mutter,um wie viel seliges Glück hat das Schicksal uns gebracht!"Und wieder sanken sie einander in stummer Ergriffenheitaus Herz.

Aber nur auf einen kurzen, schmerzlich-süßenAugenblick.

Dann löste die alte Frau sich aus den Armenihrer Tochter, umfing die blühende Gestalt mit einemlangen, wehmüthig zärtlichen Blick, streckte ihr die welkeHand entgegen und sagte mit müder, gebrochener Stimme;

Habe Dank, meine Tochter, daß Du die Mutter,die sich so schwer an Dir vergangen, mit Kindesliebe anDein Herz nahmst. Dich als glückliche, beglückende Frauwiedergefunden zu haben, ist mehr als ich je gehofft,mehr, weit mehr als ich verdiene. Nun kann ich meineAugen dermaleinst in Frieden schließen. Leb' wohl, leb'wohl, mein Kind!"

Leb' wohl? Mutter! Mutter! Meinst Du ichließe Dich, nun, da ich Dich endlich gefunden, auch nurauf Augenblicke wieder von mir? Und Du sprichstund blickst, als gälte es neue Trennung? Kannst Duselbst daran denken auch nur auf kürzeste Frist wiedervon mir zu gehen? Nein, geliebte Mutter, Du bleibstjetzt und auf immer. Ich rufe die Kinder sie werdenDich lieben mit ihrer holden Kindesliebe sie habennie ein Großmutterherz besessen. § Und mein Mann,Deinen Sohn? Willst Du auch nur auf Stundengehen, bevor Du ihn gesehen, der Deine Martha so über-schwänglich, glücklich macht? O, Mutter, er ist derbeste Mann der Welt und unbeschreiblich lieb' ich ihn",und dabei erröthete die Frau wie ein junges Mädchen,dessen Lippen zum ersten Mal von Liebe stammeln.Nur einen Fehler hat der Geliebte", fuhr sie eifrigfort, da die Mutter sie mit keinem Laut unterbrach,erarbeitet zu rastlos. Allzu glänzend möchte er meinund der Kinder Loos gestalten. Und dieser rastloseFleiß, diese nimmermüde Sorge für fein Geschäft, sietrennen uns nur allzu oft."

Sie zog die alte Frau an'L Fenster.

Siehst Du dort drüben über dem letzten grauenSchieferdach linker Hand einen Schlot rauchen, den ein-zigen in der ganzen Stadt? Das ist unsere Fabrik.Selbst heut' am Sonntag gönnt er sich keine Ruh'. Ererprobt mit feinem ersten Ingenieur und ein paar ihmbesonders ergebenen Arbeitern eine neue Erfindung. Esheißt, sie solle bedeutend, epochemachend sein. O, Mutter,glaube mir, mein Karl ist ein Prachtmensch! Besserund klüger als alle auf der Welt!"

" Mama Leibig strich der jungen Frau zärtlich überden Scheitel, unverständliche Worte murmelnd. Dannküßte sie die Tochter noch einmal sanft auf die Stirn.

Grüße Deinen Karl von mir und sage ihm meineninnigen Dank dafür, daß er Dich glücklich macht."

Sag' ihm das selbst, geliebte Mutter!"

Mama Leibig schüttelte den Kopf.

Nein, nein, mein Kind ich ich gehe

Aber Du kommst zurück. In ein, zwei Stundenerwarte ich Dich. Nein, ich hole Dich selbst oderbesser noch, ich gehe mit Dir. O, welch' ein Festtagwird das werden!"-

Martha, mein Kind nein erwartet mich