Ausgabe 
(2.10.1896) 82
Seite
630
 
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NW ich komme nicht wieder nicht heute, nochmorgen niemals."

Mutter!"

Ich habe kein Recht, in euren Frieden, euer Glückeinzudringen. Eine Mutter, die ihr Kind verlassen, daes klein und ihrer bedürftig war, hat das Recht verwirkt,ihren Lebensabend von Kindesliebe gestützt und getragenzu genießen; ihr bleibt nichts, als stille Buße zu thun."

Mutter! Um Gott, Mutter!«

Gott segne Dich, mein Kind, und erhalte DirDein Glück."

Als Frau Martha sah, daß es der alten Fraufurchtbarer Ernst mit diesem Scheiden, mit einem Schei-den auf immer war, brach sie weinend zusammen.

Aber auch der Tochter Thränen konnten den Ent-schluß der Frau nicht wankend machen.

Hätte ich Dich arm und unglücklich gefunden, hätteich Dir geben, nun endlich geben dürfen, bei Gott ich hätte Dich nicht verlassen. Aber dem Himmel seiDank, Du bedarfst meiner nicht. Er hat gut gemachtan Dir, was ich Schlechtes an Dir that Lebewohl Lebewohl Du darfst in Frieden meiner gedenken",und ohne sich auch nur einmal noch zu wenden, schrittdie alte Frau zur Thür hinaus auf den geräumigenVorplatz, auf dem die Kinder bei ihrem Kommen jubelndumhergetobt.

Jetzt lag tiefe Stille auf dem Platz. Auch derwarme, wohlige Hauch, der ihn zuvor durchströmt, warverschwunden. Die Hausthür war zu einem breiten Spaltgeöffnet und eisige Winterluft drang hinein. Auf derobersten Treppenstufe, vor der Hausthür, stand ein Mannin einer grauen Arbeiterblouse.

Seine schwielige Hand war's, die die Thür geöffnethielt. Angstvoll umherspähend, blickte er in den Flur.Dann wandte er sich zurück, rief ein, der alten Frauunverständliches Wort hinab, und gleichzeitig wurdenschwere tappende Schritte laut, die Thür wurde weitgeöffnet, und die Stufen hinauf schritten vier Männermit einer Trage, auf der sorgfältig gebettet, ein Todteroder Schwerkranker lag.

Mit einem einzigen, mehr ahnenden als verstehen-den Blick hatte Mama Leibig das Furchtbare erfaßt:todt oder schwerverletzt wurde der geliebten Tochter derangebetete Gatte heimgebracht.

Zwei Worte hin und her gewechselt, bestätigten ihr,daß sie recht gefühlt.

Es war der Hausherr, durch einen Unglücksfall,der sich bei dem Experiment in der Fabrik zugetragen,dem Tode nahe gebracht.

Vorerst dachte Mama Leibig nur das eine, wie siedie Tochter zartfühlend vorbereiten, ihr in dieser schwerstenLebensstunde liebreich beistehen könne!

Geräuschlos ließ sie den Besinnungslosen in einHinterzimmcr bringen, das der begleitende Ingenieuranzugeben wußte.

Erst dann trat sie in das kleine Kabinet zurück, indem Frau Martha, der Mutter jähen Abschied beweinend,in dumpfem Schmerz zusammengesunken saß. Beim An-blick der alten Frau sprang sie mit freudig verklärterMiene auf, aber als sie ihr in's Antlitz sah, wußteMartha, daß etwas Furchtbares die Mutter zurückgebrachthaben müsse.

Nächte um Nächte wachten Mutter und Tochterfortab am Lager des schwerkranken Mannes. Wahre

Wunder der Mutterliebe vollzog die alte Frau an demleidenschaftlich verzweifelnden jungen Weibe. Endlichdämmerte ein schwacher Hoffnungsschein auf. Langsam,ganz langsam kam die Genesung, und als der durch langeWochen Besinnungslose endlich wieder zum Lebensbewußt»sein erwachte, fand er Mutter und Tochter in einer Ver-einigung wieder, die nur der Tod zu trennen vermochte.

Mama Leidig war zum Frieden mit sich selbst ge-kommen. Sie glaubte zum mindesten einen kleinen Bruch-theil ihrer Schuld an ihrem Kinde abgetragen zu haben.

Die Kinder des Hauses haben das so sehnlichstherbeigewünschte Märchen nicht besucht. Aber sie habenes niemals bedauert: das Märchen ist zu ihnen gekom-mer; es sitzt fortab alle Tage leibhaftig mitten unterihnen, herzlicher und inniger geliebt, als alle Märchen-bücher oder Märchenstücke der Welt.

Und wie die blonde Schaar zuvor gemeint, daß eSkeine Kinder auf der Welt gebe, die eine Mutter, einenVater besäßen, der dem ihrigen vergleichbar, so meintensie jetzt, daß keine Großmutter auf der weiten Erde, dieder ihren, lang gesuchten, endlich gefundenen, ähnlich sei.

---SWW8-»-

Warum Zorg Kainz nicht hcirathete.

Von Dr. Josef Hcrbeck.

^Nachdruck virboten.I

Jörg Kainz war ein wüthiger Mann, der vor keinemAbenteuer zurückschreckte. Allenthalben war er als diesbekannt. Bekannt aber war er in weiten Kreisen. Undwer ihn je gekannt hat, dem ist die Erinnerung an ihngeblieben. Mancher hat schon dies und jenes aus KainzensLeben da und dort erzählt. Seinem Muthe kam seineFreude, die er an Geselligkeit und an einer von Auf-schneidereien belebten Unterhaltung fand, gleich. In trau-licher Gesellschaft versagte ihm der Redestrom nicht leicht.Dies war besonders der Fall, wenn er mit seinem FreundeReimar zusammen war, der die Kunst des Zuhorchen-in erhöhtem Maße besaß.

Jörg Kainz war Förster zu B. im bayerischen Waldeund Neimar ebenfalls; Jörg Kainz gefiel dem Reimar,und an letzterem hatte der erstere nichts auszusetzen. Siehatten gleich am ersten Tage ihre Bekanntschaft mitein-ander im Jägerlatein gesprochen, und dem braunen National-getränke deL Bayerlandes war Jeder der Beiden in gleichemGrade hold. Es blieb unentschieden, welcher von denedlen Duumvirn kräftiger aufzuschneiden oder zugiger zutrinken vermochte. Kurz und bündig: Jörg Kainz undReimar waren die besten Freunde. Die Liebe Zum Feuchtenund der Haß gegen das Trockene hatten ihre Herzen ge-eint. Jörg Kainz war von mittlerer Statur. Ein ge-waltiger Schnurrbart streckte seine beiden Enden spitzund kühn hinaus, während ein Knebelbart sein Kinnzierte. Seine Haare glichen an Schwärze einer glänzendenKohle, und seine Mgen funkelten, wie brombeerschwarzeböhmische Perlen. Diese Augen sprangen von Gegen-stand zu Gegenstand wie zwei Kobolde. In der Freudeleuchteten sie auf, wie Bergfeuer am Namensfest SeinerMajestät. Zielten sie auf ein Wild, so schienen befiedertePfeile von ihnen auszufliegen. Hatte ihr Besitzer abereins Schelmerei im Kopf, so tanzten elektrische Funkendarin. Schelmereien jedoch und Flunkereien waren KainzenSKapitalvergnngen. Er war auch Meister in dieser Branche.

Auf die Pürsche pflegte Jörg Kainz schon vor TageS-