anbruch zu gehen. Einen erlegten Bock schon der auf-gehenden Frau Sonne zu zeigen, war sein Plaisir. Erkrappelte die Zcllerwand hinan, durchquerte das Nißlochund erklomm die Gipfel des kleinen und großen Arber.Bei diesen frühen Ausflügen ereignete es sich zuweilen,daß er das Bett zuvor nicht gesehen hatte, aus lauterZuneigung znr Geselligkeit. Wer je in der Mooshof-wirthschast bei B. gesessen, der weiß, daß die Wirthindurch prickelnde Speisen dem Durst zu ungeahnter Höhezu verhelfen vermag. Der Durst unsers Jägers, schonunter gewöhnlichen Verhältnissen phänomenal, vergrößertefich bei solchen Schmausereien ins Maßlose.
Daß Jörg Kainz einen maßlosen Durst mit eben-bürtigen Waffen bekämpfte, war selbstverständlich. Aßer wie ein griechischer Heroe, so trank er wie ein mittel-alterlicher Held. Dabei vertrug er allein eine Getränke-menge, die mehrere Andere unter den Tisch gebrachthätte. Hatte er sich einmal am Wirthstische festgesessen,so schien er ehernes Sitzfleisch zn besitzen. Von einemGewölks Tabaksqualm umgeben, der seiner Pfeife ent-quoll, verschwommen die Umrisse seiner Figur ins Un-deutliche.
Eines Abends vor einer festgesetzten Frühpürsche saßJörg Kainz mit seinem erprobten Freunde Neimar bei Speiseund Trank im Mooshof. Das Essen, besonders der gebrateneRehrücken mit gebackenen Knödeln als Beilage, war vor-züglich. Jörg Kainz war in seinem Elemente, und seineSchnurren und Windbeuteleien ließen bei Männern undWeiberleuteu das Lachen nicht verstummen. Der Zu-hörerkreis bestand zumeist aus Holzknechten und ausMägden, die am Spinnrocken thätig waren. Es warspät in der Nacht, als Jörg Kainz seinen letzten Maß-krug austrauk und schweigend die Stube verließ; denndie einzigen Übriggebliebenen, der Wirth und Neimar,saßen zwar am Tisch, aber ihre Häupter ruhten schlaf-trunken auf demselben. Mit einem Seufzer über dieSchwächlichkeit des Jahrhunderts begab sich Jörg Kainzaus dem Hause.
Die Nachr war stark finster, und der Wind pfiff ausden Schluchten des Gebirges. Nach einiger Zeit trat derhalbe Mond aus einer schwarzen Wolke hervor und suchtemit mattem Schein das Dunkel da und dort zu durch-dringen. Jörg Kainz drückte seinen Hut fest ins Hinter-haupt und ließ seine heiße Stirn vom Winde kühlen.»Das ist eigentlich kein Wetter Mr Pürsche", sagte erzu sich. Deßungeachtet wanderte er gegen den Waldhin weiter, regelmäßige Zickzacke auf der Straße be-schreibend. Nach einiger Zeit verließ er die Straße undstieg, an dem sausenden Gewässer des Hochfalls ange-langt, einen Bcrgpfad aufwärts. Zn seinen beiden Seitenragten jhurmhohe Felswände in den Nachthimmel empor.Unbekümmert um alle Schrecken der Nacht schritt JörgKainz rüstig weiter und pfiff laut ein altes Waldlerliedkn die Finsterniß hinein.
Jedermann sieht ein, daß Jörg Kainz bei der herrschen-den Finsterniß noch nicht zn fürchten brauchte, mit seinemPfeifen um ein jagbares Wild zu kommen und daß erferners keinen besonders tiefen Gedanken nachhing; ertrabte eben ganz prosaisch der Diensthütte auf der Höhedes Vorbergsattels zu, völlig ohne Ahnung dessen, waskommen sollte.
Allerhand Lieder, die er in feinem Gedächtniß vor-räthig fand, herunterpfetfend, gelangte er schließlich andas obere Ende des Nißloches, einer gewaltigen Felsen-
schlucht. Er verwandte wenig Augenmerk auf die imschwachen Mondlicht wie Schaumsilber viörireuden Kas-kaden des Gebirgsbaches, sondern strebte unaufhaltsamhöher auswärts der Diensthütte zu. Sein Athem gingschneller, und sein Pfeifen verstummte.
Endlich lichtete sich der dichte Forst, und auf einemweiten Plan, unsicher vom Mond beleuchtet, lag die kleineDiensthütte vor Kainzens Augen. Die Dicnsthütte, fürgewöhnlich Zugesperrt, war ein hochgelegener Ruhcpunktfür Jäger; Jörg Kainz besaß einen Schlüssel zu der-selben. Kainz öffnete das Schloß, in der einzigen Stubedes Gebäudes zündete er eine Kerze an, dann setzte ersich, das Gewehr zwischen den Füßen, auf einen Stuhl,und so wollte er die Morgendämmerung abwarten.
Das Licht auf dem Tische flackerte bei den Wind-stößen, die das ganze Haus durchstöhnten, unruhig hinund her. Bald rasselte der Wind in den Sparren desDaches der Diensthütie, bald toste er im Keller derselben,wo Kaiuz Bier, in Flaschen abgezogen, aufzubewahrenpflegte. Wunderlich tönte in das Sausen das gleich-mäßige Ticken des Holzwurms m den fichtenen Wändender Untcrkunftsstcitts.
Jörg Kainz gedachte der vielen naturwüchsigen Früh-stücke, die er schon hier oben eingenommen hatte, worunterRehleber, nach seiner eigenen Methode am Herd der Hüttebereitet, eine große Rolle spielte. Er erinnerte sich mancherKameraden und mancher Abenteuer. Seinen Rücken be-quem an die Wand lehnend, die Füße von sich spreizend,schloß er die Augen und siel in einen Schlummer, ausdem er seltsam geweckt wurde.
Aufwachend rieb er sich die Augen und sprang ver-wundert empor. Nie vernommene Stimmen drangen vonder Flur her, welche die Hütte umgab, an seine Ohren.Leben und Getümmel umwogte die sonst stille Behausung.
Als er unter die Thüre trat, sah er Treiber mitRatschen, Bediente mit Windlichtern, zahlreiche Jäger.Jörg Kainz schaute unbeweglich und starr in das Getriebe.
»Es ist höchste Zeit", sagte Jemand zu ihm, derihm auf die Schulter klopfte.
„Sie werden einen guten Standplatz erhalten. KommenSie m-.tl"
„Ich?" rief Jörg Kainz sich umwendend aus.
„Freilich, Sie."
Der sonst redegewandte Jörg Kainz brachte kein Wortüber die Lippen. Er sah immer mehr Menschen auf derWaldwiese vor der Hütte hin und her gehen und kanntekeinen von ihnen. Sie kamen aus dem Forst, durch-eilten den Plan und verschwanden wieder im Forst. DieLeute trugen Kleider, wie er sie nur ans alten Bilder-büchern her kannte. Jörg Kainz schaute und schaute undkam zn keiner Klarheit.
„Werden Sie bald in den Wald gehen?" fragteihn der eine Perrücke tragende Mann, welcher ihn zu-vor angeredet hatte. „Werden Sie bald in den Waldgehen?" fragte er, eine Laterne vor das Gesicht desJägers haltend.
„Mit Laternen?" sagte Jörg Kainz, einen Schrittzurücktretend. „Was soll denn das Ganze bedeuten?"
»Es ist heute große Jagd," erwiederte der Andere.
„Es muß noch nicht weit von Mitternacht weg sein,"sagte Jörg Kainz. Der Andere antwortete ganz ruhig;„Nein".
„Hat man auf mich angetragen," sagte Jörg Kainz.
„Gewiß," sagte der Andere.