Ausgabe 
(6.10.1896) 83
Seite
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Stadtthore, von denen das Einlaßthor als unverfälschterhaltener Nest der reichsstädtischen Befestigung gebliebenist, sowie die Häuser der alten Patrizier, von denen nurwenige Familien mehr ihren Wohnsitz in der Stadt haben.

Aus der nächsten Umgebung Memmingens ist zuerwähnen das Schloß Eisenburg, zu Anfang des 13. Jahr-hunderts urkundlich nachgewiesen als Eigenthum einesgleichnamigen Geschlechtes, welchem verschiedene Memminger Patrizierfamilien im Besitze folgten. Von den dortigenHöhen aus bietet sich ein herrliches Gebirgspanorama.Gegenwärtig befindet sich das Schloß im Besitze derFörster, Fabrikbesitzer in Augsburg .

Außer dem in diesen Blättern bereits vorgeführtenSchloßgut Buxheim ist noch zu erwähnen Bad Dicken-reis, schon seit 1435 als eisenhaltiges Quellenbadfrequentirt, '/, Stunde südlich von der Stadt, beliebterVergnügungsort der Memminger . Auf dem dort befind-lichen Höhenzug findet man mehrere alte Befestigungenund Hochäckerpartien.

Die Gegend derStadt Memmingen gehörte in derNömer-zeitzurLandschaftVindelicien. Burgstellen,Hochäcker ».Grab-hügel erinnern ringsum an die vorgeschichtlichen Perioden.Nach Strabo wohnten in dieser Gegend und weiter hinaufgegen die Alpen die Estionen. Das Alter der Stadt reichtnach ihrer Namensbildung (Mammingen, Maemmingen)mindestens bis ins 8. Jahrhundert hinauf. Urkundlichkommt die Stadt zum erstenmale im Jahre 1010 vorim Fundationsdiplom des Spitals zum heiligen Geiste.Nach dieser Urkunde war Memmingen zu dieser Zeit be-reits eine mit Thoren versehene Stadt, allerdings vonsehr beschränkter Ausdehnung. Im zwölften Jahrhundertgehörte die Stadt den Welsen und wurde 1129 vomHohenstaufen Friedrich II«, Herzog von Schwaben , imKriege gegen Heinrich den Stolzen von Bayern nieder-gebrannt. Nach dem 1191 im Schottenkloster zu Mem-mingen erfolgten Tode Weiss VI. fiel die,Stadt an denHohenstaufen-Kaiser Heinrich II. Nach der EnthauptungKonradins von Hohenstaufen 1268 fiel Memmingen andas Reich. Kaiser Rudolph von Habsburg verlieh derStadt 1286 bedeutende Privilegien, die von seinen Nach-folgern bestätigt und erweitert wurden. Seit dem Jahre1403, unter König Rupprecht, hatte Memmingen ein ausder Wahl der Bürger hervorgegangenes Stadtregiment,hohe und niedere Gerichtsbarkeit, ein eigenes Stadtrechtund Sitz und Stimme auf den Reichstagen. Das fünf-zehnte Jahrhundert ist ausgefüllt mit Kämpfen der Ge-schlechter und Zünfte um das Stadtregiment; erstere be-haupteten es von 1552 an bis zum Ende der Reichs-freiheit. Im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderterhoben sich Handel und Gewerbe zu hoher Blüthe. Vonbesonderer Bedeutung war die Leinwandfabrikation, dieviele fleißige Hände beschäftigte und zu lebhaften Handels-beziehungen mit den mächtigen oberitalienischen Städtenführte. Ein reicher Memminger Handelsherr aus demGeschlechte der Vöhlin ließ sich in Gemeinschaft mit demHause Weiser in Augsburg sogar in überseeische Handels-unternehmungen ein, die ihm reichen Gewinn brachten.Die Reformation wurde in der Stadt durch AmbrosiusBlarer und den Prediger Schappeler, einen FreundZwinglis, eingeführt, welche trotz der Excommunicationdurch den Bischof von Augsburg durch den Rath derStadt unterstützt wurden. Im Jahre 1525 wurde inder Martinskirche die Messe eingestellt und der katholischeGottesdienst abgeschafft. Im Bauernkriege wurde die

Stadt, die eine Besatzung des schwäbischen Bundes auf-genommen hatte, von den Aufrührern belagert, durchTruchseß von Waldburg aber entsetzt. Die Anhängerder Bauern in der Stadt wurden, soweit sie nicht ent-fliehen konnten, enthauptet. Auf dem Reichstage zuSpeyer 1529 trat Memmingen den protestirendcn Ständenbei und wurde Mitglied des schmalkaldischen Bundes 1531.Im gleichen Jahre wurde der Führer der altgläubigenPartei unter den Bürgern, der frühere StadtschreiberVogelmann, trotz kaiserlichen Geleitbriefes hingerichtet.Aus allen Kirchen wurden auf Geheiß des Rathes Tafeln,Altäre undGötzenbilder" entfernt und was man nichtzerstören konnte verstümmelt, so das herrliche Gestühlder Martinskirche, ein Kunstwerk der Schreinerei. DasMesselesen wurde bei Strafe verboten und die wider-strebenden Priester aus Stadt und Gebiet verwiesen;Ornate, Meßgewänder, Kelche u. s. w. wurden ver-schleudert, die schönen, auf Pergament geschriebenen Meß-j bücher als Einbanddecken verwendet. Die Stadt neigteanfangs den Schweizer Reformatoren zu, nahm aberspäter das lutherische Bekenntniß an; der Religionsab-schied von Nürnberg 1532 ermöglichte es, ungestört dasneue Kirchenwesen auszubauen. Der dreißigjährige Kriegversetzte auch Memmingen einen harten Schlag. Baldvon den Schweden , bald von den Kaiserlichen besetzt, wardie Stadt unaufhörlich bedrängt und der Wohlstand derBürger fast vernichtet. 1634 wurde sie von den Schweden unter Horn, 1647 von den bayerischen Truppen unter de laPierre belagert und beschossen. Von 1702 bis 1704 warMemmingen von französischen Truppen besetzt, deren An-wesenheit die Stadt auf 800,000 fl. zu stehen kam. Inden napoleonischen Feldzügen hatte die Stadt durch Ein-quartierungen, Erpressung und Plünderung viel zu leiden,bis sie durch den Frieden von Luneville 1802 Bayerneinverleibt wurde. Am 29. November dieses JahreS er-klärte ein kurpfalzbayerischer Commisiär dem versammeltenRathe, daß Seine kurfürstliche Durchlaucht MaximilianJoseph von Pfalzbayern sich veranlaßt gesehen, Civil-besitz von der Stadt zu ergreifen. Rath und Behördenwurden vereidigt, an den öffentlichen Gebäuden die reichs-städtischen Wappen und Jnsignicn mit den bayerischen ver-tauscht. Im Dezember schickte der Rath eine Deputationi an den neuen Landesherr«, um demselben im Namender Stadt zu huldigen. Während bis zur Mitte unseresJahrhunderts die Entwicklung der Stadt fast stille stand,kam dieselbe durch Einziehung in das Eisenbahnnetz zugroßer Blüthe. Durch den Ausbau der Bahn nachWürttemberg wurde Memmingen der Stapelplatz für dasWürttembergische Allgäu und erfreut sich einer rasch zu-nehmenden Bevölkerungszahl.

Alle Dekannle.

(Zu unserem Bild Seite 635.)

Bei Leuten von dem Schlage der drei Gesellen, wie sieunser Bild zeigt, ist die Erinnerung des Wiedersehens, die sonstden Menschen erfreut, nicht immer rosig, namentlich nicht, wennder Begegnende in dem Gewände eines Sicherheitswächters steckt.Doch keine Regel olme Ausnahme. Die Drei kommen schon seitJahren in regelmäßigen Zwischenräumen in die Gegend undsind dem Gendarmen längst als ungefährlich bekannt. Sie gehenja nur ihrem Geschäfte, das sie eben darin erblicken, der Arbeitaus dem Wege zu gehen, nach, und sprechen hin und wiedermildthätige Leute um eine. Unterstützung in diesem mühsamenBerufe an, und wenn sie Hiebei von dem Gendarmen nicht ge-stört resp. erwischt werden, warum sollten sie sich des Wieder-sehens mit demselben nicht erfreuen?

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